Wissenschaft im Fokus
Lapid, R., L. Nir,
N. Snapir & B. Robinzon (2004):
Reproductive traits in the spur-thighed tortoise (Testudo graeca terrestris):
new tools for the enhancement of reproductive success and survivorship. – Theriogenology 61: 1147-1162.
Reproduktionsstrategien bei der Maurischen
Landschildkröte (Testudo graeca terrestris):
Neue Methoden zur Steigerung der Reproduktion und der Überlebensrate
Die Maurische Landschildkröte (
Testudo graeca) wird in der Roten-Liste der
IUCN als gefährdet eingestuft. Die Reproduktionscharakteristika und die Möglichkeiten,
die Überlebensrate der Nachkommen zu erhöhen, wurden für
Testudo graeca terrestris in einem seminatürlichen Habitat untersucht.
Balzverhalten und Paarung fanden im zeitigen Frühjahr statt und dauerten etwa vier Wochen.
An diese Phase schloss sich eine etwa zwei Monate dauernde Legesaison an, gefolgt von einer
zweiten sehr viel kürzeren Paarungszeit im Herbst. Während der ersten Paarungsphase
im Frühjahr trugen die Weibchen schon vollständig beschalte (kalzifizierte) Eier im Uterus.
Wir vermuten, dass die Weibchen Sperma aus beiden Paarungszeiten in ihren Speichern tragen, um
die Eier der Zweitgelege, und die ersten Eier für das darauffolgende Jahr damit zu befruchten.
Die durchschnittliche Eizahl betrug 3,8 ±0,3 Eier pro Jahr und Weibchen. Die meisten Weibchen
legten alle Eier in einem Gelege ab, nur 18 % der Weibchen setzten ein zweites Gelege ab. Dieses
Zweitgelege wurde nur 11-21 Tage nach dem Erstgelege abgelegt. Röntgenuntersuchungen
zeigten, dass die Weibchen ca. vier Wochen vor der Eiablage schon die vollständig kalzifizierten
Eier in sich tragen. Ebenso beobachteten wir, dass alle Eier gleichzeitig im Uterus beschalt wurden.
Dies traf sowohl für das Erst- als auch für das Zweitgelege zu. Mit endoskopischen
Untersuchungen konnte nachgewiesen werden, dass die Ovarien während des ganzen Jahres
aktiv waren. Die Plasmakonzentrationen für Progesteron im Blut der Weibchen waren sehr
niedrig und konnten fast nur kurz nach der Eiablage bestimmt werden (440 ±141 pg/ml). Die
Plasmakonzentrationen für Östradiol schwankten zwischen 4,1 ±1,5 pg/ml und
70,2 ±29,4 pg/ml wobei keine klaren saisonalen Zuordnungen festgestellt werden konnten.
Sich paarende Schildkröten, die während kühler Tage (9 ±1 ºC)
beobachtet wurden, zeigten niedrigere Östradiolspiegel als solche die bei 28 ±1 ºC
untersucht wurden. Wenn den Schildkröten 2 mg Tamoxifen/kg (Östrogenpräparat)
gespritzt wurde, stiegen die Plasmaspiegel auf 220 ±33 pg/ml, wenn die Behandlung im September
erfolgte. Im Vergleich dazu zeigten sich keine Anstiege, wenn die Behandlung im späten Oktober,
während des Winters oder im Frühjahr durchgeführt wurde. Tamoxifenbehandlung
erhöhte aber die Anzahl der abgelegten Eier in der auf die Behandlung folgenden Legesaison auf
durchschnittlich 7,3 ±1,0 Eier pro Jahr und Weibchen. Die Männchen zeigten deutliche
saisonale Veränderungen in ihren Testosteronspiegel. Die Testosteronspiegel begannen im Juli zu
steigen von 2 ng/ml auf mehr als 4 ng/ml. Dieser Anstieg wurde fortgesetzt, bis im November Spitzenwerte
von 12,8 ±15,3 ng/ml gemessen werden konnten. Danach sanken die Testosteronspiegel ab.
Das künstliche Ausbrüten der Eier in Sand bei einer Inkubationstemperatur von 29 ±1
ºC verkürzte die Inkubationsdauer auf 83,5 ±1,3 Tage gegenüber der
Inkubationszeit in natürlichen Nestern von 103 ±3,1 Tagen. Bei der künstlichen
Inkubation verbesserte sich auch die Schlupfrate von 28 % (natürliche Nester) auf 53 %, ebenso
steigerte sich die Überlebensrate der Nachkommen von 51 % auf 71 % während der ersten
40 Wochen nach dem Schlupf. Zusammenfassend kann aufgeführt werden, dass sich bei in
Gefangenschaft gehaltenen mediterranen Landschildkröten der Reproduktionserfolg und die
Überlebensrate der Schlüpflinge steigern lassen, was für die Nachzucht und das
Management von bedrohten Arten in Schutzprogrammen von Bedeutung sein könnte, insbesondere
wenn diese kurz vor dem Aussterben stehen.
Anmerkung von H.-J. Bidmon:
Es ist gut, wenn man bei Arten, die noch relativ häufig sind,
solche grundlegenden Untersuchungen rechtzeitig durchführt. Allerdings sollten in solchen Studien
auch die längerfristigen Auswirkungen untersucht werden. Es bleibt nicht auszuschließen,
dass die Fitness solch künstlich herangezogener Populationen leidet, was sie für
Wiederansiedlungsprojekte in ihren Ursprungsbiotopen unbrauchbar machen würde.
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