Wissenschaft im Fokus
Le, M., C. J.
Raxworthy, W. P.
McCord & L.
Mertz (2006): A molecular phylogeny of tortoises
(Testudines: Testudinidae) based on mitochondrial and nuclear genes. –
Molecular Phylogenetics and Evolution 40 (2): 517-531.
Eine molekulare Phylogenie der Landschildkröten
(Testudines: Testudinidae) basierend auf mitochondrialen und nuklären
Genen
Obwohl Landschildkröten der Familie Testudinidae eine bekannte und weit
verbreitete Gruppe der Schildkröten repräsentieren, sind ihre
phylogenetischen Zusammenhänge umstritten geblieben. In diese Studie haben
wir 32 Landschildkrötenarten (alle Gattungen und Untergattungen sowie alle
Arten der Gattung
Geochelone, die zusammen 65 % der gesamten Arten der Familie
repräsentieren) und sowohl mitochondriale (12S rRNS, 16S rRNS und cytb DNS)
wie auch nukleäre DNS (Cmos und Rag2 DNS) mit insgesamt 3387 gereihten
Charakteren eingeschlossen. Unter Verwendung verschiedener phylogenetischer
Methoden (Maximale Parsimonie [Sparsamkeit, kürzest mögliche
Verwandtschaftsabfolge, die zur Ausprägung der Merkmale geführt haben
könnte], Maximale Wahrscheinlichkeit und Bayesian Analyse) lieferten alle
diese drei Methoden einen in sich schlüssigen Entwicklungsstammbaum. Die
grundlegendste Landschildkrötenlinie beinhaltet eine neue
Schwesterbeziehung zwischen den asiatischen
Manouria und den
nordamerikanischen
Gopherus. Zusätzlich unterstützt diese
Phylogenie zwei weitere Hauptkladen:
Indotestudo +
Malacochersus +
Testudo, sowie eine weitere Klade mit
Pyxis,
Aldabrachelys,
Homopus,
Chersina,
Psammobates,
Kinixys und
Geochelone. Jedoch finden
wir
Geochelone ausufernd polyphyletisch, mit Arten aus mindestens
vier unterschiedlichen Kladen. Die auf dieser Phylogenie basierende
biogeographische Analyse passt zu einem asiatischen Ursprung der Familie (wie
durch Fossile Funde unterstützt), aber sie weist die lange anhaltende
Hypothese eines nordamerikanischen Ursprung der südamerikanischen Arten
zurück. Im Gegensatz dazu unterstützen unsere Resultate mit besonderer
Signifikanz, dass Afrika der Ursprungskontinent aller Landschildkröten
außer
Manouria und
Gopherus ist. Basierend auf unseren
Ergebnissen empfehlen wir Modifikationen bezüglich der Taxonomie der
Landschildkröten Testudinidae.
Anmerkung von H.-J. Bidmon:
Afrika als Ausgangspunkt der Landschildkrötenevolution anzusehen,
erscheint aus vielerlei Gründen logisch, denn Schildkröten und deren
Vorfahren evolvierten schon sehr früh in der Erdgeschichte. Allerdings
bleiben auch hier noch etliche Fragen offen. Insbesondere dürfte die
Schwesterbeziehung zwischen Manouria
und Gopherus
in Bezug auf
die Besiedlung der jeweiligen Kontinente unter welchen klimatischen Bedingungen
und Wegen schwierig zu interpretieren sein. Es erstaunt einen bei dieser Arbeit,
ebenso zu sehen, dass zum Beispiel G. sulcata
und G. platynota
,
G. pardalis
sowie G. nigra
sich wohl etwas näher stehen,
wohingegen G. elegans
und G. gigantea
einen gemeinsamen
Vorfahren gehabt haben sollen. Gerade diese Analyse zeigt, dass es eigentlich
bei der Interpretation solcher Daten darauf ankommt, entweder zu akzeptieren,
dass sowohl morphologische, den Phänotyp ausmachende Merkmale sowie
physiologische Charaktere sich dem jeweiligen Lebensraum entsprechend anpassen
und zwar in weiten Teilen unabhängig vom genetischen Ausgangspotential
– siehe G. elegans
und G. gigantea
. Denn wenn hier
G. platynota
mit G. paradalis
, G. nigra
und
G. sulcata
näher verwandt ist als mit G. elegans
, dann
kann doch nur die Besiedlung eines ähnlichen Lebensraums (ökologische
Nische) bedingt durch eine entsprechende Anpassung an denselben dafür
verantwortlich gemacht werden, zu einem sehr ähnlichen Phänotyp
geführt zu haben (diese Ähnlichkeit scheint zumindest so
offensichtlich, dass G. platynota
sogar eine zeitlang als Unterart von
G. elegans
geführt wurde, was durchaus auch durch die zumindest in
heutiger Zeit vorhandene geographische Nähe verständlich gewesen
wäre). Wenn man dies, was ich durchaus verstehen kann, nicht als
Möglichkeit akzeptiert, dann muss man aber davon ausgehen, dass man die
molekulargenetischen Stammbäume nicht so lesen kann, wie wir oder die
Taxonomen das heute tun. Auch dafür könnte es Anhaltspunkte geben,
denn wir wissen heute, dass Evolution in weiten Teilen gerichtet und nicht
planlos abläuft (also Mutationen nicht zufällig nach dem
Zufallsprinzip in einer bestimmten Zeitspanne ablaufen. [Man kann also z. B.
nicht so tun, als handele es sich wie bei zerfallender Radioaktivität, um
einen Vorgang, der immer mit gleicher Halbwertszeit abläuft]) und wir
wissen, dass es epigenetische Faktoren gibt, die die Ausprägung von
Merkmalen und ganzen Merkmalskombinationen beeinflussen. Allerdings wissen wir
auf diesem Gebiet bei weitem noch zu wenig, um Schlussfolgerungen ziehen zu
können, die man bei der Auswertung molekulargenetischer Analysen sinnvoll
mit einbeziehen oder berücksichtigen könnte. Man sollte aber gerade an
diesen Stellen offen gegenüber neuen Erkenntnissen sein, denn auch
molekulargenetische Analyseverfahren haben ihre Tücken und dürfen in
Frage gestellt werden. Wissenschaftliche Methodenentwicklung und
Erkenntnisgewinn sind auch nichts anderes als ein evolutiver Prozess auf
anthropogen-abstrakter Ebene und der wird oft, selbst wenn das die Wissenschaft
nicht gern akzeptieren will, von einem nicht unbedingt auf wissenschaftlichen
Grundprinzipien basierenden (modernen) „Zeitgeist“ mit beeinflusst.
Siehe auch: Fritz et al. 2006 oder
WiF-Archiv und
Praschag et al. 2006 oder
WiF-Archiv
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