Wissenschaft im Fokus
Leblanc, A. M. & T. Wibbels (2008): Effect
of daily water treatment on hatchling sex ratios in a turtle with
temperature-dependent sex determination. – Journal of Experimental Zoology
Part A: Ecological Genetics and Physiology 311 (1): 68-72.
Auswirkungen einer täglichen Wassergabe auf die
Geschlechterverhältnisse von Schlüpflingen bei einer Schildkröte
mit temperaturabhängiger Geschlechtsfestlegung
Einige frühere Studien deuten an, dass die lokale Umgebungsfeuchte einen
Einfluss auf das Geschlechterverhältnis von Schildkröten mit
temperaturabhängiger Geschlechtsbestimmung hat. In dieser Studie
untersuchten wir bei Eiern aus zwei verschiedenen aufeinanderfolgenden
Ablagesaisons die Auswirkungen von täglichen Wassergaben von 0,77 ml
(doppelt-destilliertes H
2O) pro Ei, bei einer Inkubationstemperatur von 29,1
°C während der temperatursensitiven Periode. Bei den nicht mit Wasser
behandelten Kontrollgruppen fand man ein Geschlechterverhältnis von 11,8 %
und 11,1 % Männchen. Im Vergleich dazu führten während der
Brutsaison in 2006 und 2007 die Wassergaben zu einem Geschlechterverhältnis
von 86,7 % und 45,7 % Männchen. Diese Ergebnisse zeigen klar, dass
tägliche Wassergaben einen signifikanten Einfluss (P<0,001) auf das
Geschlechterverhältnis haben. Zusätzlich zu den neuen Erkenntnissen
bezüglich der Physiologie der Geschlechtsausprägung lässt unsere
Studie Vorhersagen für Nester im Freiland zu, die an ihren Nistplätzen
periodischen stärkeren Regenfällen ausgesetzt sind.
Anmerkung von H.-J. Bidmon:
Eine ausgesprochen gut durchgeführte Laboruntersuchung, die an der
Rotwangenschmuckschildkröte durchgeführt wurde. Bei den verwendeten
Gelegen handelte es sich um Eier aus einer Farmnachzucht, da diese eben aus
tierschutzrechtlicher Sicht am einfachsten für solche Studien zu verwenden
sind. Bedeutend scheint mir, dass es einen klaren Einfluss der Feuchtigkeit auf
die Geschlechtsausprägung gibt, wobei sich im feuchteren Milieu mehr
Männchen entwickeln. Unklar ist für mich allerdings immer noch der
zugrunde liegende Mechanismus, denn es bleibt die Frage, ob im Laborinkubator
durch die direkte Wasserzugabe zum Ei ein kurz- bis mittelfristiger Effekt wie
Verdunstungskälte auftreten kann, der – obwohl sich im Inkubator die
Temperatur nicht ändert – direkt am Ei zu einer lokalen
Abkühlung führt. Da bei Trachemys scripta
die
Pivotaltemperatur bei 29,0 °C liegt, könnten zeitweilige
Abkühlungen um wenige Zehntel Grade zu mehr Männchen führen. Aber
sicherlich gibt es auch noch andere physiologische und/oder biochemische
Möglichkeiten, wie ein mehr an H2O das
Geschlechterverhältnis beeinflussen kann, z.B. durch einen
Verdünnungseffekt für Hormone oder CO2 etc. im Ei bzw.
Embryo (Bowden, R. M., M. A. Ewert & C. E.
Nelson (2000): Environmental sex determination in a reptile varies
seasonally and with yolk hormones. – Proceedings of the Royal Society of
London Series B – Biological Sciences 267: 1745-1749). Egal welche der
noch vollständiger aufzuklärenden Mechanismen im Detail wirksam sind,
lässt das Ergebnis doch hoffen. Denn wenn die globale Erderwärmung
auch zu häufigeren und stärkeren Regenfällen und damit
verbundenen Substratfeuchten im Freiland führt, lässt sich vermuten,
dass eben aus feucht inkubierten Nestern trotz höherer Umgebungstemperatur
eben nicht nur ein Geschlecht schlüpft, was letztendlich das Überleben
der Art sichern könnte. Dass diese Hoffnung nicht ganz unberechtigt ist,
leite ich daraus ab, dass Schildkröten im Laufe ihrer langen Evolution
etliche Warm- bzw. Kaltzeiten überdauert haben, und es wäre wohl schon
etwas einfältig anzunehmen, dass ihnen diese Flexibilität und
Anpassungsfähigkeit, die wir dank solcher Untersuchungen erst jetzt langsam
zu verstehen beginnen, nicht auch früher schon geholfen hätte. Siehe
auch Delmas, V., X. Bonnet, M. Girondot & A. C.
Prevot-Julliard (2008): Varying hydric conditions during incubation
influence egg water exchange and hatchling phenotype in the red-eared slider
turtle. – Physiological and Biochemical Zoology 81: 345-355 oder
SiF 5 (4).
Nun kann ich mir ja auch manchmal Kritik anhören, die meist von jenen
kommt, die ich bei meinen Anmerkungen etwas kritischer unter die Lupe genommen
habe. Insbesondere kommt solche Kritik nicht selten aus den Reihen der
Veterinärmedizin. Da fragt man sich ja selbst auch: „Warum?“
Vielleicht darf ich Sie als Leser durchaus einmal auf ein paar (zugegeben
extreme) Niveauunterschiede aufmerksam machen: Vergleichen Sie diese Arbeit mit
der von Matasin, Z., I. T. Gajger, M. Mitrovic & Lj.
Bedrica (2008): Incubation of turtle eggs in controlled conditions.
Tierärztliche Umschau 63: 385-390 oder
WiF-Archiv). Zwar nicht immer ganz so deutlich, aber
doch spürbar gibt es auch heute noch in Bezug zur Physiologie und Biochemie
solche Niveauunterschiede zwischen Zoologie (Biologie) und
Veterinärmedizin, wobei die Erkenntnisse aus beiden Disziplinen
letztendlich für die Gesunderhaltung und artgerechte Haltung auch aus
tierschutzrechtlicher Sicht grundlegende Daten erarbeitet haben. Nur weiß
häufig die eine Disziplin nicht, was die andere an Grundlagen längst
erarbeitet hat! Und hier liegt die eigentliche Ursache. Denn während die
Veterinärmedizin und die Medizin bei den wirtschaftlich wichtigen
Säugetieren der Biologie und Zoologie oft voraus sind, ist dies gerade bei
niederen Tieren einschließlich der Amphibien und Reptilien in deutlichem
Maße genau umgekehrt. Deshalb wäre es auf letzterem Gebiet eben
dringend geboten, sich im Bereich der Amphibien- und Reptilienmedizin fast mehr
unter Verwendung biologischer Grundlagenliteratur fortzubilden, als
ausschließlich mit der häufig hinterherhinkenden rein
veterinärmedizinischen (ausgenommen Literatur zu medizinischen
Arbeitstechniken). Es ist genau diese Gegenüberstellung
biologisch-zoologisch-physiologischer Erkenntnisse mit dem, was häufig dazu
aus der Veterinärmedizin kommt, was zu kritischen Stellungnahmen Anlass
gibt. Dabei geht es primär gar nicht um Kritik, sondern darum, einen
„Selektionsdruck“ hin zu Verbesserungen aufzubauen. Denn ohne
Selektionsdruck gibt es in biologischen Systemen (einschließlich des
Menschen) eigentlich nur Stagnation und einen Verlust an
Adaptationsfähigkeit, und deshalb gehören solche Spannungsfelder zur
Weiterentwicklung und Verbesserung von Situationen und Wissen wie das Salz zur
Suppe!
Letztendlich geht es uns allen darum, möglichst weniger Geld für
pathologische Befundungen auszugeben, als für möglichst erfolgreiche
Heilung der betroffenen Kreaturen.
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