Schildkröten im Fokus Kleintierverlag Thorsten Geier
 
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Wissenschaft im Fokus

Veröffentlicht: 13.12.2015 Share it on Facebook


Lepeigneul, O., J. M. Ballouard, X. Bonnet, E. Beck, M. Barbier, A. Ekori, E. Buisson & S. Caron (2014): Immediate response to translocation without acclimation from captivity to the wild in Hermann’s tortoise. – European Journal of Wildlife Research 60: 897–907.

Die sofort einsetzenden Reaktionen von Griechischen Landschildkröten, nachdem sie ohne einen Übergangsaufenthalt direkt aus der Gefangenschaftshaltung ausgewildert wurden.


Die Überlebens- und Reproduktionsraten sowie die Überlebensrate der Nachkommen zusammen mit dem Gesundheitsstatus von umgesiedelten und ortsansässigen Individuen sollten eigentlich immer vorher untersucht worden sein. Allerdings ist es sehr zeitaufwändig, diese Informationen zu erarbeiten, was sowohl mit logistischen Problemen verbunden ist, als auch mit der Notwendigkeit von Langzeitstudien. In Anbetracht von Situationen, die oft plötzliche Umsiedlungsmaßnahmen erfordern, wären schnelle Überprüfungstechniken hilfreich, und sollten deshalb getestet werden. Wir erfassten hier die sofort einsetzenden Reaktionen von westlichen Griechischen Landschildkröten (Testudo hermanni hermanni), die direkt aus der Gefangenschaftshaltung in die Wildnis entlassen wurden. Die einzelnen Schildkröten waren 2 bis 8 Jahre in Gefangenschaft gehalten worden, bevor sie im Frühjahr 2013 in eine natürliche, sehr stark durch Brände ausgedünnte Population umgesiedelt wurden. Während der kritischen ersten drei Monate nach der Auswilderung überwachten wir die Tiere mittels Radiotelemetrie (N = 12) im Vergleich zu den ortsansässigen Schildkröten (N = 14). Zusätzlich hatten wir auch die Überwachungsdaten von neuen ortsansässigen Schildkröten aus dem Frühjahr 2012. Wanderungen, Verhalten, Körperkondition und Körpertemperatur wurden in regelmäßigen Abständen erfasst. Alle ausgewilderten Schildkröten lebten sich in ihrer neuen Umwelt gut ein. Wir fanden keine Unterschiede im Bewegungsverhalten in Bezug zur Thermoregulation und in Bezug auf die Körperkondition zwischen den ausgewilderten Schildkröten und jenen, die ortansässig waren. Die Körperkondition aller Schildkröten steigerte sich während des Frühjahrs schnell. Wir fanden auch keine Anzeichen für eine Störung der ortsansässigen Schildkröten durch die Auswilderungsmaßnahme. Im Gegenteil, die ortsansässigen Männchen paarten sich mit den ausgewilderten Weibchen. Umsiedlungen sollten aber weiterhin in einem größeren Rahmen und in Langzeitstudien getestet werden, um die Populationserholungsprogramme besser zu evaluieren, was insbesondere für gefährdete Arten mit einer nur eingeschränkten Bewegung gelten sollte.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Im Gegensatz zu vielen anderen Umsiedlungsstudien für Landschildkröten (Tuberville et al. 2005, Bertolero et al. 2007, Kimberleigh et al. 2007, Nussear et al. 2012) liefert diese Studie ein interessantes, abweichendes Ergebnis, in dem sich die ausgewilderten Schildkröten sofort gut einlebten und relativ ortstreu verhielten, sprich nicht aus dem Auswilderungsbiotop abwanderten. Dies könnte zum einen dadurch bedingt gewesen sein, dass die ortsansässige Population schon so ausgedünnt war, dass sofort genug freie Mikrohabitate für die ausgewilderten Tiere zur Verfügung standen und nicht erst weiträumig gesucht werden mussten. Zum anderen könnte aber der Grund auch darin liegen, dass die ausgewilderten Tiere sehr lange in Gefangenschaftshaltung auf relativ kleiner Fläche gehalten worden waren, ehe sie ausgewildert wurden. Denn ich gehe mal davon aus, dass 2 bis 8 Jahre Gefangenschaftshaltung zumindest dazu beitragen, dass sich diese Schildkröten schon einmal umgewöhnen mussten und vielleicht etwas von der Erinnerung an ihr eigentliches Herkunftsareal verloren hatten. Deshalb beantwortet diese Studie eigentlich nicht die Fragen und Probleme, die bei den häufiger durchgeführten direkten Umsiedlungen auftreten, bei denen Tiere an einer Stelle in ihrem natürlichen Habitat eingesammelt werden und schon nach wenigen Tagen an anderer Stelle wieder angesiedelt werden. Denn solche Tiere haben ja sozusagen noch die Orientierungsbedingungen aus ihrem oftmals weiträumigen Herkunftshabitat im Kopf und versuchen sich erst mal dementsprechend zu verhalten. Sprich, sie führen wie häufiger beschrieben sehr weite Wanderungen durch, um nach Möglichkeit wieder ihr Herkunftshabitat zu erreichen. Insofern denke ich, dass es sich bei dieser Studie um einen Sonderfall handelt, der andeuten könnte, dass eine lange Periode der Gefangenschaftshaltung dazu dienen kann, den „Heimkehrwillen“ der Schildkröten zu brechen, was letztendlich dazu führt, dass sie sich leichter umsiedeln lassen, zumindest wenn im Auswilderungsbiotop genug freie Mikrohabitate zur Verfügung stehen, die ihnen dann vielleicht sogar bessere Bedingungen bieten als die meist beengtere Gefangenschaftshaltung. Im Gegenzug scheint mir das instinktive Verhalten der ortsansässigen Männchen durch bevorzugte Paarung mit für sie fremden Weibchen durchaus dem zu entsprechen, was man unter dem Versuch, die genetische Diversität möglichst hochzuhalten, erwarten würde (siehe dazu auch Kommentar zu Garrick et al. 2014).

Literatur

Bertolero, A., D. Oro, & A. Besnard (2007): Assessing the efficacy of reintroduction programmes by modelling adult survival: the example of Hermann’s tortoise. – Animal Conservation 10 (3): 360–368 oder WiF-Archiv.

Garrick, R. C., E. Benavides, M. A. Russello, C. Hyseni, D. L. Edwards, J. P. Gibbs, W. Tapia, C. Ciofi & A. Caccone (2014): Lineage fusion in Galápagos giant tortoises. – Molecular Ecology 23 (21): 5276–5290 oder WiF-Archiv.

Kimberleigh J. F., C. R. Tracy, P. A. Medica, R. W. Marlow & P. S. Corn (2007): Return to the wild: Translocation as a tool in conservation of the Desert Tortoise (Gopherus agassizii). – Biological Conservation 136: 232–245 oder SiF 4(3) 2007..

Nussear, K. E., C. R. Tracy, P. A. Medica, D. S. Wilson, R. W. Marlow & P. S. Corn (2012): Translocation as a conservation tool for Agassiz's desert tortoises: Survivorship, reproduction, and movements. – Journal Of Wildlife Management 76: 1341–1353 oder WiF-Archiv.

Tuberville, T. D., E. E. Clark, K. A. Buhlmann & J. W. Gibbons (2005): Translocation as a conservation tool: site fidelity and movement of repatriated gopher tortoises (Gopherus polyphemus). – Animal Conservation 8: 349-358 oder WiF-Archiv.



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© Michael Daubner 2016Schildkröten im Focus