Wissenschaft im Fokus
Li, C., X. C: Wu, O. Rieppel, L. T. Wang & L. J.
Zhao (2008): An ancestral turtle from the Late Triassic of southwestern
China. – Nature 456 (7221): 497-501.
Ein Schildkrötenvorfahr aus dem späten Trias des
südwestlichen China
Die Entstehung des Körperbauplans der Schildkröten ist eines der
großen Rätsel in der Reptilienevolution. Die Anatomie der
Schildkröten ist sehr hoch entwickelt und ausgereift, was es sehr schwierig
macht, eine Beziehung zwischen Schildkröten und anderen Reptiliengruppen
herzustellen. Die älteste bekannte Schildkröte,
Proganochelys
aus dem späten Trias in Deutschland hat schon einen vollentwickelten
Panzer, und sie liefert somit keinen Hinweis auf dessen Entstehung. Hier
beschreiben wir eine neue 220 Millionen Jahre alte Schildkröte aus China,
die etwas älter als
Proganochelys ist und die eine Zwischenstufe
in der Evolution des Panzers und der damit assoziierten Strukturen zeigt. Ein
ventrales Plastron ist voll entwickelt, aber der dorsale Carapax besteht nur aus
Neuralplatten. Die dorsalen Rippen sind erweitert und Osteoderme (Hautknochen)
fehlen. Die neue Spezies zeigt, dass das Plastron zuerst und vor dem Carapax
auftrat, und dass der erste Schritt in der Evolution des Carapax die
Verknöcherung der Neuralplatten gekoppelt mit einer Verbreiterung der
Rippen war. Dies zeigt eine Übereinstimmung mit den frühen
Embryonalstadien der Carapaxformierung in Schildkröten und zeigt, dass der
Schildkrötenpanzer nicht durch die Fusion von Hautknochen entstanden ist.
Phylogenetische Analysen platzieren die neue Art an die Basis aller bekannten
Schildkrötenfossilien und lebenden Schildkröten. Die marinen
Ablagerungen, die diese Fossilien enthielten, zeigen, dass diese primitive
Schildkröte die küstennahen Meeresgebiete und Flussdeltas besiedelte.
Anmerkung von H.-J. Bidmon:
Das Jahr 2008 scheint nun auch nicht allzu viel Weisheit über die
Entstehungsgeschichte des Schildkrötenpanzers gebracht zu haben, denn auch
jetzt stehen sich zwei vermeintlich gegensätzliche Befunde gegenüber
(siehe dazu Joyce, W. G., S. G: Lucas, T. M. Scheyer, A.
B. Heckert & A. P. Hunt (2008): A thin-shelled reptile from the Late
Triassic of North America and the origin of the turtle shell. –
Proceedings of the Royal Society: Biological Science 276 (1656): 507-513, oder
WiF-Archiv). Ich denke aber, beide haben recht, denn
warum sollte es nicht beide Möglichkeiten gegeben haben. Stellen sie sich
einfach vor, man würde irgendwo eine fossile Chelydra serpentina
mit einer fossilen Pseudemys nelsoni
vergleichen müssen,
würde man im Fall von Chelydra nicht auch schließen
können, dass sich hier das Plastron erst nach dem Carapax entwickelt hat,
weil es eben im Vergleich zum gut ausgebildeten Carapax fast rudimentär und
klein ist. Ich denke, da man über die Lebensweise und
ökophysiologische Einnischung dieser fossilen Spezies und über ihren
wahren Verwandtschaftsgrad so gut wie nichts weiß, ist es fast schon
unsinnig, darüber zu streiten, was nun den ursprünglichsten Zustand
erklärt. Da man in Bezug auf biologische Phänomene immer noch am
besten damit fährt, alle Möglichkeiten in Betracht zu ziehen
(bestenfalls mit dem Zusatz, das wurde noch nicht gezeigt, wäre aber
denkbar), ist es fast schon etwas amüsant zu betrachten, was da mit was
verwandt sein soll, oder sich in direkter Linie aus was entwickelt haben soll.
Zumal wir bei den heute noch lebenden rezenten Spezies genug Unterschiede und
Anzeichen für eine sich in relativ kurzen Zeiträumen abspielende
Mosaikevolution erkennen können, was einem diese Millionen Jahre
überspannenden Vergleiche und deren Interpretation als linearen
Entwicklungsverlauf wirklich etwas wundersam, wenn nicht gar weltfremd
erscheinen lassen. Der Begriff Mosaikevolution stammt nicht etwa von mir, nein,
was man darunter zu verstehen hat und was heute von vielen ernstzunehmenden
modernen Evolutionsbiologen diskutiert wird, wurde schon 1963 vom berühmten
Evolutionsbiologen Ernst Mayr
(Mayr E (1963): Animal species and evolution.
– Belknap Press, Harvard University Press, Cambridge) dargelegt (s. auch
Mayr E. (2005): 80 years of watching the
evolutionary scenery. – Journal of Genetic 84 (1): 91-93). Manchmal frage
ich mich wirklich, ob die Suche nach Fossilien nicht so viel Staub aufwirbelt,
dass dieser dann ausreicht, vieles andere schon Bekannte wieder darunter zu
vergraben. Sie fragen nach aktuellen Beispielen? Hilbig,
H., B. Beil, H. Hilbig, J. Call & H-J. Bidmon (2009): Superior
olivary complex organization and cytoarchitecture may be correlated with
function and catarrhine primate phylogeny. – Brain Structucture and
Function, DOI 10.1007/s00429-006-0201-5.
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