Wissenschaft im Fokus
Veröffentlicht: 10.01.2010
Loarie. S. R., P. B. Duffy, H.Hamilton, G. P. Asner,
C. B. Field & D. D. Ackerly (2009): The velocity of climate change.
– Nature 462: 1052-1055.
Die Geschwindigkeit des Klimawandels
Dieser Bericht hat kein Abstract, deshalb hier eine kurze Zusammenfassung:
Die Verbreitungsareale von Pflanzen und Tieren verschieben sich als Folge des
derzeitigen Klimas. Wenn also die Temperaturen ansteigen, haben es diejenigen
Ökosysteme schwer, die nicht ausweichen können, weil sie eine
isolierte Lage haben, wie zum Beispiel Gebirge – man kann eben ein
Hochgebirgsökosystem nicht ins umgebende Tiefland verschieben, wenn es
wärmer wird. Deshalb geht man davon aus, dass die Bergökosysteme
besonders gefährdet sind. Allerdings dürfte die
Überlebensfähigkeit von Arten ebenso davon abhängen, wie sie in
ihrer Anpassungsfähigkeit mit dem sich verändernden Klima Schritt
halten können, bis es sich wieder stabilisiert. Hier wird ein neuer Index
für die Geschwindigkeit des Temperaturwandels und dessen Ausbreitung
(km/Jahr) präsentiert, der sich von räumlichen Gradienten (°C/km)
ableitet und ein multimodales Ensemble aus Vorhersagen für
Temperaturanstiege (°C/Jahr) des einundzwanzigsten Jahrhunderts mit
einschließt. Dieser Index repräsentiert die direkte lokal vor Ort
auftretende Geschwindigkeit über die gesamte Erdoberfläche, die
gebraucht wird (mit der man sich bewegen muss), um eine konstante Temperatur
aufrecht zu erhalten. Der globale Mittelwert für diese Geschwindigkeit
liegt bei 0,42 km/Jahr für das A1B-Emissionsszenario (das Szenario, das man
derzeit für am wahrscheinlichsten ansieht, neben etlichen anderen aus den
Vorsagemodellen zur Entwicklung des Treibhausgasausstoßes und dessen
Reduzierung im 21. Jahrhundert). Wendet man diese Berechnungen auf die einzelnen
Landschaftsformationen an, zeigt sich, dass die Geschwindigkeit, mit der sich
die Temperatur verschiebt in den Gebirgsbiomen wie den tropischen und
subtropischen Nadelwäldern am niedrigsten ist (0,08 km/Jahr) sowie in
Mittelgebirgsnadelwälder der temperierten Zone und höher gelegene
montane Grasflächen.
Die Geschwindigkeit ist in den Graslandzonen, die regelmäßig
überflutet werden, am höchsten (1,26 km/Jahr), wozu auch
küstennahe Mangrovenhaine und Wüsten zählen. Diese hohen
Geschwindigkeiten der vorschreitenden Klimaveränderung lassen erkennen,
dass es weltweit nur etwa 8 % geschützter Flächen gibt, wo die Zeit,
in der es noch Reliktareale gibt, die ihr derzeitiges Temperaturprofil
aufweisen, größer als 100 Jahre liegt - das heißt nur in einem
geringen Teil dieses Planeten werden Pflanzen und Tierarten die Chance haben,
ihr Verbreitungsgebiet so zu verschieben, dass sie in 100 Jahren noch in einem
dem heutigen Zustand entsprechenden Klima leben können. Kleine
Schutzgebiete wie im Mediterranbereich oder den temperierten
Nadelwaldbeständen verschärfen das Problem noch zusätzlich, weil
sie zu isoliert liegen, um genug Potenz für Ausweichflächen
aufzuweisen. Große geschützte Gebiete könnten das Problem
für Wüstenbiome mildern. Die Daten dieser Studie zeigen, dass es darum
geht, Managementstrategien zu entwickeln, die den durch den Klimawandel
bedingten Biodiversitätsverlust minimieren. Montane Regionen könnten
für viele Spezies ein effektives Rückzugsgebiet darstellen, um dort
bis ins nächste Jahrhundert zu überdauern. Zusätzlich wäre
eine starke Reduzierung bei den Emissionen notwendig, ebenso wie die Errichtung
von ausgedehnten Netzwerken geschützter Landflächen (vernetzte
Korridore). Zudem könnte es notwendig werden, Spezies bei ihrer
Ausweichmobilität zu unterstützen, wenn nicht sogar umzusiedeln.
Kommentar von H.-J. Bidmon
Warum diese Zusammenfassung, die so gar nichts mit Schildkröten zu tun hat?
Nun, um Ihnen, liebe Leser, klar zu machen, um was es beim Klimawandel geht und
welche Aufgaben diejenigen zu schultern haben werden, die sich in
Arterhaltungsprogrammen und ganz allgemein im Naturschutz engagieren. Dabei wird
der Mensch auch seine eigenen Ausweichflächen brauchen, denn dort, wo sich
die Wüsten ausbreiten oder die küstennahen Flachlandzonen wegen
Überflutung unbewohnbar werden, wird man Ersatzflächen brauchen. Wie
die Autoren selbst schon feststellen, spielt dabei die Konnektivität eine
wichtige Rolle (siehe Howeth et al. 2008), denn in fragmentierten Landschaften
ist es fast unmöglich, dass sich Pflanzen und Tiere auf noch tolerierbare
Rückzugsgebiete zurückziehen können. Die meisten Pflanzen und
Tiere wandern ja nicht ab, oder ziehen sich aktiv in die so genannten
Rückzugsgebiete zurück. Hier geht es ja eher darum,
Landschaftskorridore aufrechtzuerhalten, in denen sich die Arten in Form von
sich noch reproduzierenden Populationen erhalten können, so dass es einige
Individuen schaffen, sich reproduktionsmäßig bis in eine klimatische
Rückzugszone zurückzuziehen, von der aus sie eventuell später,
wenn sie sich besser angepasst haben, eine Rebesiedlung größerer
Areale zu bewerkstelligen. Dass es so etwas im Verlauf der Erdgeschichte schon
häufiger gab, sollte uns eigentlich Mut machen (siehe
Amato et al. 2007,
Fritz et al. 2006, 2007, 2009). Allerdings hatte
der Mensch damals die Landschaft und die darin lebenden Populationen noch nicht
so fragmentiert wie heute. Wie sich solche Klimaveränderungen in manchen
Erdteilen negativ für eine Spezies auswirken können, wenn der
Rückzugs- bzw. Wiederbesiedlungskorridor verloren geht, zeigt uns auch die
Europäische Sumpfschildkröte durch ihr Aussterben in Schweden
(
Sommer et al. 2009).
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