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Wissenschaft im Fokus

Veröffentlicht: 29.01.2017 Share it on Facebook


Loehr, V. J. T. (2016): Wide variation in carapacial scute patterns in a natural population of speckled tortoises, Homopus signatus. – REMOTE SENSING LETTERS 7 (5): 47–54.

Große Variabilität beim Muster der Carapaxschilde bei der Gesägten-Flachschildkröte (Homopus signatus) in einer naturbelassenen Population.


Die Anordnung der Carapaxschilde bei heutigen Schildkröten ist bei den verschiedensten Arten sehr vergleichbar. Intraspezifische (individuelle) Abweichungen vom typischen Muster treten allerdings häufig auf. Solche intraspezifischen Variationen können aufgrund von Inzuchtdepression, ungeeigneten Inkubationsbedingungen oder durch Umweltgifte bedingt werden. Das Studium dieser Phänomene bei natürlichen Populationen erweitern den Wissensstand zur Ökologie und zu den Überlebensansprüchen solcher Schildkröten. Hier erfassten wir die Anordnung der Carapaxschilde bei einer Population von Homopus signatus, die eine aride Zone mit erheblichen Schwankungen in der jährlichen Regenmenge besiedelt. Das typische Anordnungsmuster von H. signatus bestand aus fünf Wirbelschilden, vier Paaren an Rippenschilden, einem Nackenschild und einem Supracaudal (Schwanzschild) sowie 12 Paaren an Randschildern. Obwohl angenommen wurde, dass zwischen unterschiedlichen Größenklassen (also Individuen die unterschiedlich alt waren und zu unterschiedlichen Jahren geschlüpft waren) und – in Bezug zum Geschlecht – unterschiedliche Prozentsätze an Abweichungen von der Norm auftreten, die sich auf unterschiedliche Inkubationsbedingungen zurückführen lassen würden, ergab sich dass die Variabilität zwischen den Größenklassen und bei den Geschlechtern gleich blieb. Es zeigte sich, dass 44 % (25 %, wenn man die Zählung der sehr variablen Randschilder unberücksichtigt lässt) aller Schildkröten Schildanordnungsabweichungen am Carapax aufwiesen. Da diese Population in einer noch sehr natürlichen, unberührten Landschaft lebt, und wenn man bedenkt, dass Schildanomalien bei anderen Schildkrötenarten häufig durch die Inkubationsbedingungen mit verursacht werden, könnten die weitreichenden Schildanomalien am Carapax von wildlebenden H. signatus durch häufig wechselnde Inkubationsbedingungen in diesem harschen Lebensraum bedingt auftreten.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Nun scheint ja das Studium von Schildanomalien sowohl bei Schildkrötenhaltern wie auch in der Wissenschaft zunehmend an Beliebtheit zu gewinnen (Bárcenas-Ibarra et al. 2015, Dordevic 2015, Meyer de Rojas 2013, Velo-Anton et al. 2012, Bujes & Verrastro 2007). Wenn man allerdings die dazu bislang vorgelegten Daten genau hinterfragt sind die wirklichen Ursachen bislang unbekannt geblieben und es zeichnen sich bestenfalls Tendenzen ab. Sicher sind die in dieser Arbeit angeführten ursächlichen Möglichkeiten gerechtfertigt, aber ein klarer eindeutiger Zusammenhang wurde bislang für keinen dieser Parameter wirklich experimentell belegt. Da die Tiere mit diesen Schildanomalien überleben, scheinen sie keinem sehr hohen Selektionsdruck zu unterliegen und auch keine Behinderung darzustellen. Wenn aber die Inkubationsbedingungen darauf einen solchen Einfluss wie vermutet nehmen, dann würde es sich vielleicht einmal lohnen bei solchen Populationen während der Nistsaison die Anlage der Nester zu überwachen. Wie ich selbst in Bulgarien an mehreren Orten (meist in steinigen Habitaten) beobachten konnte, legen manche Weibchen die Gelege fast an der Oberfläche ab, so dass man manchmal die obersten Eier noch frei sehen kann (Bidmon 2013). Solche Nistbedingungen können natürlich – wenn sie nicht per se tödlich enden – zu sehr extremen Inkubationsbedingungen beitragen, aber dass daraus dann auch gleich Schlüpflinge mit Schildanomalien schlüpfen könnte nur durch gezielte Überwachung geklärt werden. Oder man müsste erfassen in wieweit die Anzahl von Schlüpflingen mit Schildanomalien mit der Anzahl solcher oberflächlich angelegter Nester pro Areal oder Population korreliert. Da man davon ausgehen könnte, dass solche Nester bzw. oberflächlichen Eier immer sehr hohen Temperaturschwankungen ausgesetzt sein dürften – und zwar sowohl in regenreichen wie in trockenen Jahren – würde dies erklären warum sich keine Korrelation zwischen der Häufigkeit von Schildanomalien mit der Größenklasse oder den Jahrgängen finden lässt. Denn wenn Letzteres nicht zutrifft, dann würden zumindest die hier vorgestellten Daten einen starken Anhaltspunkt für genetische Faktoren wie unter anderem Inzuchtdepression andeuten.

Literatur

Bárcenas-Ibarra, A., H. de la Cueva, I. Rojas-Lleonart, F. A. Abreu-Grobois, R. I. LozanoGuzmán, E. Cuevas & A. GarcíaGasca (2015): First approximation to congenital malformation rates in embryos and hatchlings of sea turtles. – Birth Defects Research. Part A, Clinical and Molecular Teratology 103 (3): 203–224 oder Schildkröten im Fokus, 12 (4), 2015: 22–23.

Bidmon, H.-J. (2013): Schildkröten in den Dünen entlang des Ropotamo: Ein Lebensraum geprägt von ausgiebigem Morgentau zwischen Sand und Eichenlaub. – Schildkröten im Fokus, Bergheim 10 (1): 25–34.

Bujes, C. S. & L. Verrastro (2007): Supernumerary epidermal shields and carapace variation in Orbigny's slider turtles, Trachemys dorbigni (Testudines, Emydidae). – Revista Brasileira de Zoologia 24 (3): 666–672 oder WiF-Archiv.

Dordevic, S. (2015): Carapace peculiarities of Hermann’s tortoises (Testudo hermanni) in several Balkan populations. – NORTH-WESTERN JOURNAL OF ZOOLOG Y, 11: 16–26 oder Schildkröten im Fokus, 13 (1) 2016: 18–28..

Meyer de Rojas, G. (2013): Das Rätselraten um Schildanomalien. – Schildkröten im Fokus, 10 (2): 25–34.

Velo-Anton, G., C. G. Becker & A. Cordero-Rivera (2012): Turtle Carapace Anomalies: The Roles of Genetic Diversity and Environment. – PLOS ONE 6 (4): e18714, DOI: 10.1371/journal.pone.0018714 oder WiF-Archiv.



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© Michael Daubner 2017Schildkröten im Focus