Wissenschaft im Fokus
Lohmann, K. J., N. F. Putman & C. M. Lohmann
(2008): Geomagnetic imprinting: A unifying hypothesis of long-distance natal
homing in salmon and sea turtles. – Proceedings of the Natural Academy of
Science U S A. 105 (49):19096-19101.
Geomagnetische Prägung: Eine vereinheitlichende
Hypothese zum Heimkehrverhalten über weite Entfernungen bei Lachsen und
Meeresschildkröten
Viele Meerestiere einschließlich der Lachse und Schildkröten
verteilen sich über riesige Areale im Ozean, bevor sie als adulte
Individuen zu ihren Geburtsstätten zurückkehren, um sich selbst zu
vermehren. Wie diese Lebewesen dies schaffen, blieb für lange Zeit ein
Geheimnis. Lachse sind dafür bekannt, dass sie chemische Signale (Geruch,
Geschmack etc) benutzen, um ihre Laichgewässer zu identifizieren und ihre
Laichwanderungen durchzuführen. Allerdings reichen diese chemischen Signale
nicht weit genug in die ozeanischen Becken, um damit die gerichteten
Wanderbewegungen auf offener See oft hundert oder tausende Kilometer vom
Ausgangsort entfernt zu erklären. Gleichsam ist unbekannt, wie
Meeresschildkröten aus entfernten Regionen der ozeanischen Becken ihre
Niststrände wiederfinden. Allerdings sind beide, Lachse und
Meeresschildkröten, in der Lage, das Magnetfeld der Erde zu detektieren und
benutzen es als Richtungssignal. Zusätzlich ist nachgewiesen, dass
Schildkröten ihre Positionsinformation von zwei magnetischen Anteilen
ableiten (Inclinationswinkel und bei Meeresschildkröten Inclinationswinkel
und Intensität), und beide Eigenschaften verändern sich in
vorhersagbarer Weise über den Globus, wodurch verschiedene geographische
Regionen unseres Planeten eine für sie einzigartige (spezifische)
magnetische Signatur besitzen. Hier postulieren wir, dass Lachse und
Meeresschildkröten eine Prägungsphase in Bezug auf das Magnetfeld
ihrer Geburtsstätten durchlaufen, was sie dazu befähigt, diese
Information in ihrem späteren Leben dazu zu benutzen, ihre
Heimwärtswanderungen zu navigieren. Diese neue Hypothese liefert eine erste
plausible Erklärung dafür, wie marine Tiere ihre Geburtsstätten
aus weit entfernten Orten innerhalb der ozeanischen Becken ansteuern. Diese
Hypothese ist vereinbar mit den derzeitigen und aus der Vergangeheit bekannten
Größenordnungen der Veränderungen im Magnetfeld (sekulare
Variation). Allerdings gibt es dabei auch eine Einschränkung zu beachten,
die darin begründet ist, dass ungewöhnlich rasch auftretende
Veränderungen im Magnetfeld der Erde, die gelegentlich während einer
geomagnetischen Polaritätsumkehr zu beobachten sind, auch ökologische
Auswirkungen dahingehend haben können, dass sie den Prozess des Heimfindens
unterbrechen, was zu weitverteilten Besiedlungsversuchen und zu
Veränderungen bei den Populationsstrukturen führt.
Anmerkung von H.-J. Bidmon:
Nun der letzte Satz dieses Abstracts ist wohl der interessanteste, denn dass
das Magnetfeld für das Heimkehrverhalten eine Bedeutung hat, war vorher
schon bekannt, aber dass Polaritätsumkehrungen im Magnetfeld dazu beitragen
könnten, dass Schildkröten plötzlich neue Niststrände
entdecken und es sogar zur Vermischung von einstmals getrennten Populationen
kommen kann, was letztendlich ja auch dem Genfluss innerhalb der Populationen zu
gute kommen könnte, finde ich schon überdenkenswert. Letzteres
könnte sogar positive Auswirkungen für das Langzeitüberleben der
betroffenen Spezies haben, insbesondere vor dem Hintergrund langlebiger
Lebewesen und dem weltweit zu verzeichneneden Verlust an bekannten
Niststränden. „Lieber einen neuen entdecken als ein Leben lang nach
einen nicht mehr vorhandenen zu suchen“. Siehe auch
Bowen, B. W. & S. A. Karl (2007): Population
genetics and phylogeography of sea turtles. – Molecular Ecology 16 (23):
4886-4907 oder SiF 1/2008.
Zum Seitenanfang
Schlagwörter
| Arten |
|
| Themen |
|
| Stichwörter |
Geomagnetische Prägung, Magnetfeld |