Wissenschaft im Fokus
Lubcke, G. M. & D. S.
Wilson (2007): Variation in shell morphology of the
Western Pond Turtle (Actinemys marmorata
Baird and Girard) from
three aquatic habitats in northern California. – Journal of Herpetology 41
(1): 107-114.
Variationen bei der Panzermorphologie der westlichen
Teichschildkröte (Actinemys marmorata
Baird &
Girard) von
drei aquatischen Habitaten im nördlichen Kalifornien
Intraspezifische Unterschiede in den Lebensweisen wurde für viele
Schildkrötenarten dokumentiert, aber solch vergleichende Studien zur
Lebensweise fehlen bislang für die westliche Teichschildkröte
(
Actinemys marmorata). Hier vergleichen wir über drei Jahre hinweg
die morphometrischen Daten für
A. marmorata aus drei verschiedenen
Untersuchungsgebieten im nördlichen Kalifornien. Unsere Untersuchungsorte
repräsentieren unterschiedliche Habitattypen, in denen
A.
marmorata gefunden werden kann, und umfassen Bäche am Fuß von
Berghängen (BCCR), Tümpel in Talsohlen (SR), und vom Menschen erbaute
Kanäle (HS). Wir benutzten die maximale Carapaxlänge (MCL) als ein
Maß für die Körpergröße und fanden, dass sich
A.
marmorata bezüglich der Körpergröße zwischen den
Habitaten unterschieden. Generell über alle Untersuchungsgebiete gemittelt
waren Männchen bezüglich der durchschnittlichen MCL signifikant
größer als Weibchen. Zwischen den drei Habitaten unterschied sich die
durchschnittliche MCL signifikant sowohl für die Männchen als auch
für die Weibchen (HS > SR > BCCR). Innerhalb der jeweiligen
Einzelhabitate waren in SR und HS Männchen größer als Weibchen,
aber im BCCR-Habitat waren Männchen und Weibchen gleich groß. Unter
Einbeziehung der Form (Gesamthabitus, Erscheinungsbild) korrigiert für die
Körpergröße (MCL) waren,
A. marmorata in den
Bächen am Fuß von Berghängen flacher und schmaler als ihre
Artgenossen, die in den Tümpeln und Kanälen lebten. Die beobachteten
Unterschiede bezüglich der Körpergröße könnten auf
Unterschiede in der Verfügbarkeit von Beutetieren liegen, an den
unterschiedlichen Wassertemperaturen oder anderen Charakteristika der
Mikrohabitate. Obwohl wir keine harten Daten haben, um die beobachteten
Größenunterschiede bei
A. marmorata zu erklären, gehen
wir davon aus, dass es sich um phänotypische Plastizität handelt, die
die erreichbare Maximalgröße bei geschlechtsreifen Tieren
beeinflusst. Zudem ist es bislang unklar, ob die fusiforme (spitzerzulaufende)
oder komprimierte Panzerform bei den
A. marmorata der Bergbäche
eine adaptive Anpassung mit signifikanten Vorteilen in einer lotischen Umwelt
(Fließgewässer) darstellt.
Anmerkung von H.-J. Bidmon:
Nun ich kann nur sagen, Glück gehabt! Mancher europäische
Systematiker hätte die kleineren A. marmorata
sicher schon als
„A. rivulata
“ oder zumindest je nach Konzept als
„A. marmorata rivulata
“ neu beschrieben, aber vielleicht
wäre das auch zu viel des Guten, wo man doch erst kürzlich die Gattung
Actinemys
von Emys
abgetrennt hat. Spaß beiseite, die
Studie zeigt deutlich, dass es ein gewisses Maß an phänotypischer
Plastizität (Anpassung) gibt. Bergbäche sind kälter als stehende
Gewässer und rein von der Physik her wärmen sich flachere Körper
schneller auf als dickere, somit erscheint es durchaus vorteilhaft flach zu
sein, wenn man sich in der Sonne schnell auf Betriebstemperatur bringen will.
(Letzteres könnte auch mit ein Grund sein, warum deutsche Nachzuchten
verschiedener Arten oft flacher und breiter wachsen als Wildfänge aus ihren
heißeren Ursprungshabitaten, wo die gewölbte Kugelform mit kleinerer
Oberfläche pro Volumeneinheit eher vor Überhitzung schützt, denn
für wechselwarme Schildkröten, die nicht wie Echsen und Schlagen ihre
Körperform der Tageszeit entsprechend anpassen können – jeder
kennt z. B. wie flach und breit sich Mauereidechsen machen, wenn sie sich am
noch kühlen Morgen in der Sonne aufwärmen –, ist es wichtig,
morgens schnell warm zu werden, nur danach können sie auf Nahrungssuche
gehen und durch eigene Bewegungsmuster d.h. dem Wechsel zwischen Sonnenplatz und
Schatten, selbst zur Temperaturregulation aktiv beitragen). Außerdem sind
Gebirgsbäche meist nicht sehr tief und bieten oft nur flache Verstecke
unter Steinen, Treibholz und überhängenden Wurzelstöcken, wo
meist auch nach Beutetieren gesucht werden muss, also auch hier durchaus
Gegebenheiten, die es fast logisch erscheinen lassen, dass schmal und flach zu
sein Vorteile in solchen Habitaten bringen. Siehe auch
Carretero et al. (2005): Animal Biology 55: 259-279
oder WiF-Archiv;
Fritz et al. (2005): Molecular Phylogenetics and
Evolution 37 (2): 389-401 oder WiF-Archiv;
Rieppel & Kearney
(2007): Biology Philosophy 22 (1): 95-113 oder
WiF-Archiv.
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