Wissenschaft im Fokus
Luiselli, L., F. M. Angelici, L. Rugoer, G. C. Akani,
E. A. Eniang, N. Pacini & E. Politano (2008): Negative density
dependence of sympatric Hinge-back Tortoises (Kinixys erosa and K.
homeana) in West Africa. – Acta Herpetologica 3 (1): 19-33.
Eine negative Dichteabhängigkeit bei sympatrischen
Gelenkschildkröten (Kinixys erosa und
K. homeana) in West Afrika
Eine Reihe von 59 Transekt-Erhebungen zur Populationsdichte wurde in
ausgewählten Feuchtwaldhabitaten entlang der Küste Westafrikas
durchgeführt, um die Dichte und die Verteilung der afrikanischen
Gelenkschildkröten (
Kinixys homeana und
K. erosa) zu
analysieren. Die Daten dieser mit der Linientransktmethode erhobenen Befunde
wurden dann in ein einfaches (Computer) Modell eingegeben, um eine
Detektionsfunktion zu erstellen. Die erhobenen und mit dem Modell analysierten
Parameter ergaben eine ausführliche Charakterisierung der Verteilung der
Schildkröten, die sich als sehr nützlich erwiesen, um Hypothesen
über die Populationsdichten der Schildkröten zu formulieren. Die
Linientransektdaten wurden einmal in Bezug auf die Distanz ausgewertet, wobei
Serienschlüssel und Serienanpassungen benutzt wurden: Die Uniformfunktion,
die I-Parameter-Halbnormalfunktion und die
2-Parameter-Hazard(Gefährdungs)-Ratenfunktion wurden dabei als
Schlüsselfunktionen angenommen; die Cosinserien, einfache Polynominale und
die Hermite-Polynominale wurden als Serienerweiterungen gewählt. Die
Detektionsfunktion wurde dann separat für
Kinixys homeana und
K. erosa ermittelt, und für jedes Untersuchungsareal wurden die
Daten nach Transekten gruppiert, wobei alle Kombinationen der oben angegebenen
Schlüsselfunktionen und Serienerweiterungen berücksichtigt wurden. Das
Akaike Informations Criterion (AIC) wurde für jedes Kandidatenmodell
erstellt und für die Modellselektion benutzt. Die beste
Modelldetektionsfunktion war für beide der untersuchten Spezies die
Uniform-Funktions ohne Serienerweiterung. Die Modellergebnisse zeigten, dass die
Dichte der beiden Spezies in einer inversen Beziehung stand und zwar innerhalb
einer lokalen Skala und dass diese Befunde komplementär waren, wenn man sie
über die gesamte Untersuchungsregion betrachtete (eine etwas komplizierte
Datendarstellung!), so dass die Dichte für eine der beiden Spezies von West
nach Ost zunahm, während die Dichte für die andere Art in gleicher
Richtung abnahm. Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass der Vergleich
der Populationsdichteschätzungen zwischen den beiden Schildkrötenarten
mit einer früher aufgestellten Hypothese übereinstimmt, die von einer
Inter-Spezies-Kompetition und in Konsequenz von einer Aufteilung der Ressourcen
ausgeht. Es mag auch noch andere Gründe zur Erklärung des beobachteten
Verteilungsmusters geben, dafür könnte die niedrige Produktivität
von Regenwaldhabitaten sowie eine länger anhaltende Störung (Entnahme
von Tieren) durch den Menschen zählen.
Anmerkung von H.-J. Bidmon:
Dieses zugegeben etwas sehr kompliziert formulierte Abstract, das sicher nur
dadurch zustande kam, weil hier mehr Gewicht auf die Methoden und
Computermodelle gelegt wurde als auf die eigentlichen Ergebnisse. Liest man die
Arbeit, erfährt man eigentlich eine ganze Menge bedenkenswerter Information
über die Hintergründe und wie sich hier zwei gemeinsam in den gleichen
Habitaten auftretenden Spezies zueinander verhalten. Wie die Autoren selbst in
ihrer Einleitung herausstellen, handelt es sich dabei eigentlich um seltene
Fälle, da man ein solch enges sympatrisches Zusammenleben unter Nutzung
fast gleicher Nahrungsressourcen selten findet, weil meist eine Art völlig
aus der jeweiligen Lokalität herausgedrängt wird. Wie die Autoren
zeigen, scheint es dazu auch Ansätze bei K. homeana und K.
erosa zu geben, da die einzelnen Lokalhabitate eben doch Unterschiede
zumindest von West nach Ost aufweisen, die dazu führen, dass immer dort, wo
die Populationsdichte der einen Spezies hoch ist, die der anderen sehr niedrig
ist und es eigentlich in keinem der Lokalhabitate zu der Situation kommt, dass
beide Spezies gleiche Populationsdichten zeigen. Ich bin kein Systematiker und
will auch erst gar nicht über Verwandtschaftsbeziehungen der beiden Arten
spekulieren, aber würde man nicht solche Verhältnisse immer dort
erwarten, wo gerade aus einer Spezies zwei entstehen oder entstanden sind, und
die, weil es ihnen die Umweltbedingungen noch erlauben, sympatrisch vorkommen
können? Eine völlige Separierung der Arten würde dann nicht
unbedingt direkt von der zwischenartlichen Konkurrenz bedingt, sondern
würde erst dann eintreten, wenn sich die Umweltbedingungen wie z.B. die
Luftfeuchte so verändern würde, dass nur noch eine der beiden
entstanden Spezies sich dieser neuen abiotischen Veränderung anpassen und
damit überleben kann. Denn wer sagt denn, dass alles nur von
Konkurrenzkämpfen zwischen den Arten abhängt. Es mag, wenn man mal
nachdenkt, sogar viele Beispiele dafür geben, dass die gemeinsame
Koexistenz am Anfang sogar überwiegt und erst andere Faktoren wie
Klimaveränderungen, Vegetationsveränderungen und geologisch bedingte
Veränderungen letztendlich zu einer geographischen Trennung von Arten
geführt haben, wobei natürlich auch die eine oder andere, deren
Anpassungspotential zu gering war, ganz ausgestorben sein mag. Ich finde solche
Arbeiten und ihre durchaus interessanten Daten regen eigentlich dazu an, sich
frei zu machen von alteingesessen Denkschemata von innerartlicher und
zwischenartlicher Konkurrenz. Die gibt es sicher, aber das ist kein Grund
dafür, dass es nicht auch andere Möglichkeiten gibt (man sollte nicht
in jedem Fall von seiner eigenen Spezies auf andere schließen). Letzteres
sollten Gutachter (reviewer) mal überdenken, denn diese Arbeit liest sich
so, als seien die Autoren an einigen Stellen nicht ganz frei in ihrer
Interpretation der Datenlage gewesen. Sicher widersprechen wir uns nicht gern,
aber sollten wir, wenn es um die Natur geht, auch akzeptieren, dass es
eigentlich keine Widersprüche gibt, sondern nur Realitäten? Denn
letztendlich ist es ja nicht die Natur, die sich widerspricht, sondern nur wir
selbst mit unseren mehr oder weniger ausgereiften abstrakten
Interpretationsversuchen.
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Gelenkschildkröte, Kinixys homeana, Kinixys erosa |
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