Wissenschaft im Fokus
Luschi, P., S.
Benhamou, C.
Girard, S.
Ciccione, D.
Roos, J.
Sudre & S.
Benvenuti (2007): Marine turtles use geomagnetic
cues during open-sea homing. – Current Biology 17 (2):126-133.
Marine Schildkröten nutzen auf offener See
geomagnetische Signale während ihrer Heimwanderung
Marine Schildkröten sind geschickte Langstrecken-Navigatoren, die in der
Lage sind, weit entfernte Ziele innerhalb ihrer ozeanischen Umwelt anzusteuern;
allerdings sind die sensorischen Signale und die Navigationsmechanismen, die sie
dazu benutzen, kaum bekannt. Kürzlich durchgeführte Arenaexperimente
(s.
Avens & Lohmann (2004): – Journal of
Experimental Biology 207: 1711-1778 oder
WiF-Archiv)
erbrachten Hinweise, dass dazu magnetische Informationen von jungen
Schildkröten genutzt werden, die aus ihrem Lebensraum entfernt worden waren
und die sich zur Heimfindung orientieren mussten. Allerdings beantworteten diese
Experimente nicht, welche Rolle die geomagnetische Information für die
Navigation der Schildkröten in ihrer natürlichen Umgebung spielt. In
dem hier vorliegenden Experiment wurden 20 Suppenschildkröten (
Chelonia
mydas) per Satellit überwacht. Die Schildkröten wurden vor ihrem
Niststrand an der Küste der Insel Mayotte im Kanal von Mosambik gefangen
und an vier verschieden Orten in 100-120 km Entfernung auf offener See mit
Sendern bestückt wieder ausgesetzt. 13 Schildkröten wurden Magneten am
Kopf angebracht, entweder während des Transports zum Aussetzungsort oder
kurz vor der Freilassung für die Dauer der Heimwanderung (Homing). Alle,
bis auf eine Suppenschildkröte kehrten sicher zum Niststrand in Mayotte
zurück und vollendeten ihre Eiablage. Allerdings benutzten sie dabei
indirekte Routen, wobei sie eine generelle Unfähigkeit zeigten, die sie
verdriftenden, ozeanischen Strömungen in ihre Routenplanung mit
einzubeziehen, wie uns unsere Daten zur Messung der Meeresströmungen
zeigten. Die während der Wanderung mit Magneten bestückten
Schildkröten brauchten signifikant länger und legten
größere Wegstrecken zurück im Vergleich zu Kontrolltieren, wobei
dies auch auf die Tiere zutraf, die während des Transports zum
Aussetzungsort mit Magneten bestückt waren. Diese Daten repräsentieren
das erste Freilandexperiment, das zeigt, dass geomagnetische Signale zur
Navigation von Schildkröten genutzt werden. (siehe auch:
Freake, M. J., R. Muheim & J. B Phillips (2006):
Magnetic maps in animals: a theory comes of age? – The Quarterly Review of
Biology 81 (4): 327-347).
Anmerkung von H.-J. Bidmon:
Dieses Abstrakt zeigt sehr schön, welchen Anteil die
Magnetfeldorientierung für die Tiere hat und dass sie nur einen Teil der
Orientierungsmöglichkeiten umfasst, denn auch die Tiere, die Magneten zur
Störung bei der Wahrnehmung des Erdmagnetfelds mit sich trugen, fanden
letztendlich zurück. Sie brauchten nur länger und damit war der
Rückweg wohl auch energieaufwändiger. Ebenso zeigt die Studie, dass
die Tiere eine Gedächtnisleistung erbringen, denn sie erinnern sich daran,
wo sie herkamen und wo sie hin wollen, und insbesondere den Tieren, die die
Störmagnete während des Wegtransports trugen, fehlt die Erinnerung an
die Magnetfeldinformation aus der Transportphase, denn auch sie brauchten
länger um zurückzukehren im Vergleich zu den Kontrolltieren. Hierbei
wird auch deutlich, was sehr wahrscheinlich die evolutiv treibende Kraft ist,
Energieeffizienz. Denn sie nutzen die Magnetfeldinformationen um möglichst
effizient ans Ziel zu kommen. Wenn die Tiere aber im Laufe ihrer Evolution nie
Möglichkeiten entwickelt haben, den direkten Weg durch die sie
verdriftenden Meeresströmungen zu wählen, liegt es nahe, dass das
gerichtete Durchschwimmen solcher Strömungen zu viel Kraft kosten
würde und der Umweg sehr wahrscheinlich die energieeffizientere Variante
für die Tiere darstellt. Da sie schon so lange diesen Planeten besiedeln,
scheint ihnen diese Strategie (bei ihrer Körperform im Vergleich zu z. B.
Haien) Vorteile zu bringen, selbst dann, wenn manche früheren
Wissenschaftler daraus den „Fehl“-Schluss zogen, sie seien zu keinen
gerichteten Wanderungen fähig und ihre Wanderungen seinen eher mit dem
Verdriften durch die Strömung und einem zeitweiligen Verharren in
nahrungsreichen Gebieten gleichzusetzen. Aber bei dieser zuletzt genannten
Betrachtungsweise hat man offensichtlich immer vergessen, dass sie doch
irgendwann zur rechten Zeit am richtigen Niststrand wieder angekommen sind. Mal
etwas polemisch gefragt: Könnten wir als Menschen aus dieser
Überlebensstrategie nicht auch so manches lernen? Manche hitzige,
Kräfte zehrende Auseinandersetzung würde sich so erübrigen, denn
– wie es uns diese urtümlichen Überlebenskünstler lebensnah
zeigen – Umwege in Kauf nehmen muss ja nicht zwangsläufig bedeuten,
das Ziel aus den Augen zu verlieren.
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