Wissenschaft im Fokus
Veröffentlicht: 13.12.2009
Magnino, S., P. Colin, E. Dei-Cas, M. Madsen, J.
McLauchlin, K. Nöckler, M. Prieto Maradona, E. Tsigarida, E. Vanopdenbosch &
C. Van Peteghem (2009): Biological risks associated with consumption of
reptile products. – International Journal of Food Microbiology 134 (3):
163-175.
Das biologische Risiko, das mit dem Verzehr von
Reptilienprodukten einhergeht.
Der Konsum einer Vielzahl von in der Wildnis gefangener Reptilienspezies stellte
über Millionen von Jahren eine wesentliche Proteinquelle für den
Menschen weltweit dar. Schildkröten, Schlangen, Eidechsen, Krokodile und
Leguane werden heute schon in Farmen herangezogen, und der Verzehr und Handel
mit essbaren Reptilienprodukten hat kürzlich in einigen Regionen der Erde
deutlich zugenommen. Das biologische Risiko, welches mit dem Verzehr dieser
Produkte aus gefarmtem oder wild gefangenem Reptilienfleisch und deren Eiern
resultiert, umfasst Infektionen verursacht durch Bakterien (
Salmonella
spp.,
Vibrio spp.), Parasiten (Spirometra, Trichinella, Gnathostoma,
Pentastomiden) und Vergiftungen verursacht durch Biotoxine. Für Krokodile
stellen
Salmonella spp. das wichtigste Gesundheitsrisiko für die
Bevölkerung dar, denn Krokodile sind dafür bekannt, eine hohe
Salmonellenbelastung im Darm zu tragen, was bekanntermaßen mit einer
gesteigerten Kontaminationsrate des frischen und gefrorenen Fleisches
einhergeht. Obwohl es bislang kaum Informationen über das Vorkommen von
Salmonellen in essbaren, von anderen Reptilien stammenden Produkten gibt, so ist
doch bekannt, dass sie als Haustiere (Echsen, Schildkröten) häufiger
Träger dieser Bakterien in Europa sind. Parasitische Protozoen der
Reptilien spielen aber eher eine vernachlässigbare Rolle in Bezug auf die
öffentliche Gesundheit. Anders sieht es für parasitische Metazoen aus
wie Trichinellose, Pentastomiasis, Gnathostomiasis und Sparganose, die durch den
Konsum von kontaminiertem Fleisch von Krokodilen, Waranen, Schildkröten und
Schlangen aufgenommen werden können. Andere Reptilien für die auch
bekannt ist, dass sie diese Parasiten beherbergen, sind aber nicht dafür
bekannt, sie auf den Menschen zu übertragen. Das Einfrieren inaktiviert
Spirometra und Trichinella im Fleisch von Krokodilen, allerdings ist bislang die
Effektivität dieser Vorgehensweise für Parasiten aus anderen Reptilien
unbekannt. Biotoxine (Gifte) akkumulieren häufig im Fleisch von
Meeresschildkröten und sind bekannt für das Phänomen der
Chelonitoxikose einer Art von Nahrungsmittelvergiftung, die mit einer hohen
Mortalitätsrate bei den betroffenen Personen einhergeht. Infektionen mit
Pilzen einschließlich der Hefen und mit Viren sind bei Reptilien weit
verbreitet, stehen aber bislang nicht in Verdacht ein für den Menschen
erhöhtes Gesundheitsrisiko über die Fleischkontamination darzustellen.
Derzeit gibt es keine Anhaltspunkte dafür, dass Reptilien Träger von
auf den Menschen übertragbaren Spongiformen-Enzephalopathien (BSE,
Creutzfeld-Jakob, etc.) sind. Allerdings birgt das Füttern der gefarmten
Reptilien mit nicht entsprechend vorbehandelten, recycelten Tierabfällen
das Risiko, dass auch hier die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten noch
unbekannter biologischer Gefahren ansteigt, die mit dem Verzehr von
Reptilienfleisch einhergehen. Die Anwendung international anerkannter Hygiene-
und Verarbeitungsstandards wie GHP, GMP und HACCP in den Farmen und bei der
Schlachtung sowie der Verarbeitung wäre essentiell, um eine Kontrolle
über diese Gefährdungen zu gewährleisten.
Kommentar von H.-J. Bidmon
Nun wie im einleitenden Satz erwähnt hat die Menschheit
einschließlich unserer Vorfahren und auch einiger Bevölkerungsgruppen
der Gegenwart dieses Risiko immer getragen und die Menschheit ist weder in
Europa noch auf den anderen Erdteilen ausgestorben. Bislang waren es wohl eher
nord- und südpolare Kälte, die die Besiedlung durch den Menschen
einschränkte, nicht aber die Nutzung von Reptilienprodukten. Letztere sind
eher dafür bekannt, auch die Besiedlung sonst arider und karger
Lebensräume durch den Menschen ermöglicht zu haben. Allerdings, und da
muss man den Autoren recht geben, birgt die unnatürliche Fütterung
gefarmter Tiere mit Schlachtabfällen natürlich ein ähnliches
Risiko für das Auftreten neuartiger Erreger, wie wir dies im Fall von BSE
bei Rindern kennen. Sicher, nach heutigen westlichen Gesundheitsstandards ist
jede Bedrohung der Volksgesundheit ein Risiko zu viel, und man sollte sich schon
der bekannten Hygienestandards bedienen, um das Risiko der Übertragung von
Krankheitserregern zu minimieren, oder zumindest auf dem Niveau wie es für
die Geflügelhaltung und Verarbeitung toleriert wird zu beschränken.
Insofern kann man eigentlich, was die Ernährung anbetrifft, nur darauf
verweisen, dass wir mittlerweile andere Möglichkeiten haben, unseren
Proteinbedarf zu decken, so dass der Verzehr von Reptilien jeglicher Art nicht
sein müsste. Allerdings gibt es auch trotz der so genannten
Entwicklungshilfe noch genug Gebiete dieser Erde, wo der Mensch auf die Nutzung
jeder sich bietenden Proteinquelle dringend angewiesen ist, und die
traditionelle Nutzung solcher Proteinquellen durch unsere Vorfahren bringt es
auch vielerorts mit sich, dass man sich trotz anderer Möglichkeiten auf
diese traditionelle Art der Proteinversorgung zurück besinnt und sie aus
Tradition weiter nutzt. Die Frage bleibt, ob essbare Reptilienprodukte auch
Vorteile haben, die durch die Nutzung anderer tierischer Produkte nicht zu
bekommen sind, oder unter welchen ökologischen Lebensbedingen könnte
die Nutzung von Reptilienprodukten wirkliche Vorteile gegenüber dem Verzehr
anderer Produkte haben?
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