Wissenschaft im Fokus
Veröffentlicht: 20.07.2008
Manire, C. A., L. Byrd, C. L. Therrien, & K.
Martin (2008): Mating-induced ovulation in loggerhead sea turtles,
Caretta caretta. – Zoo Biology 27 (3): 213-225.
Paarungsinduzierte Ovulation bei der Unechten
Karettschildkröte, Caretta caretta
Ein paarungsinduzierter Eisprung (Ovulation) ist bei Säugetieren sehr
verbreitet, wurde bislang aber nur selten für andere Taxa beschrieben.
Beobachtungen an einigen adulten Unechten Karettschildkrötenweibchen,
Caretta caretta, die in Gefangenschaft ohne Männchen gehalten
wurden, ließen vermuten, dass auch bei diesen eine Paarungsinduktion
notwendig ist. Somit wurde diese Studie durchgeführt, um zu
überprüfen, ob das Ausbleiben einer Ovulation durch die
Haltungsbedingungen oder durch das Fehlen der Männchen verursacht wurde.
Dazu wurden zwei geschlechtsreife weibliche Schildkröten über sechs
jährliche Reproduktionszyklen hinweg beobachtet, wobei ungefähr alle 2
Wochen eine Ultraschalluntersuchung den Entwicklungszustand der Follikel
(Eizellen) überprüfte. Während der ersten beiden Zyklen war kein
Männchen anwesend, in den folgenden zwei Zyklen war ein geschlechtsreifes
Männchen anwesend, konnte aber nicht paaren, während des fünften
Zyklus durfte sich dieses Männchen mit einem der beiden Weibchen paaren und
während des sechsten Zyklus konnte es sich mit beiden Weibchen paaren. Die
Ultraschalluntersuchungen ergaben, dass sich ohne Männchen und ohne Paarung
die Follikel im Eierstock zur vollen Größe entwickelten und dass
diese anschließend schrittweise wieder abgebaut und resorbiert wurden. In
der fünften Saison, wo sich nur ein Weibchen gepaart hatte, legte auch nur
dieses etwa eine Woche später die ersten 2 Eier ab. Bei diesem Weibchen
setzten sich die Eiablagen während der nächsten Monate fort, und es
wurden insgesamt 275 Eier abgelegt. Das nicht paarende Weibchen zeigte den
gleichen Follikelverlauf wie in den Vorjahren. Im letzten Zyklus, wo beide
Weibchen paarten und ovulierten, wurden von beiden während der folgenden 4
Monate insgesamt 539 Eier abgelegt. Im anschließenden Folgejahr war wieder
kein Männchen anwesend und keines der Weibchen zeigte einen Eisprung. Diese
Studie zeigt eindeutig, dass Unechte Karettschildkröten einen durch die
Paarung induzierten Eisprung aufweisen.
Anmerkung von H.-J. Bidmon:
Eine eindeutige und klare Studie, die zeigt, dass Unechte
Karettschildkröten zum einen einen paarungsinduzierten Eisprung haben und
dass sie Sperma nur für eine Nistsaison speichern. Für wie viele
andere Schildkrötenarten könnte das auch zutreffend sein? Ja selbst
bei einigen Landschildkröten ist es schwer nach der Ablagesaison noch
histologisch Spermien in den Rezeptakuli nachzuweisen. Also scheint die Natur
hier sehr sparsam und energieeffizient vorzugehen, denn die Resorption der
reifen Follikel dürfte den Weibchen in der Natur die Energiespeicher
für eine nächste Ablagesaison mit vorheriger Paarung füllen.
Daraus könnte sich für die Haltung die Konsequenz ergeben, dass ohne
Geschlechtspartner gehaltene geschlechtsreife Weibchen bei optimaler
Futterversorgung leichter auf Dauer zur Verfettung neigen, weil sie die Zyklus
bedingt aufgenommene Energie aus den Follikeln eben auch rückresorbieren,
und da die Natur von Natur aus auf Energieeffizienz eingerichtet ist, diese auch
speichern. Ebenso ergibt sich hier die interessante Frage, wie unterschiedlich
sind die Reproduktionsstrategien der verschiedenen Schildkrötengattungen
bzw. Arten überhaupt, und gibt es bei manchen so etwas wie Parthenogenese?
Siehe auch: Whitaker, N. (2006): Immaculate
conception, incubation protocols, and egg characteristics of the Ganges
softshell turtle (Aspideretes gangeticus
). – Contemporary
Herpetology. 2006(1):1-6 oder WiF-Archiv,
Xiangkun H., Z. Li, L. Meiying, B. Huijun, H. Nainan &
C. Qiusheng (2008): Seasonal changes of sperm storage and correlative
structures in male and female soft-shelled turtles,
Trionyx sinensis. – Animal
Reproduction Science 291: 335-351 oder WiF-Archiv.
Insgesamt stellt sich hier schon die Frage, ob nicht auch die Spermaspeicherung
bei den meisten Schildkröten, die ja in der Regel meist nur durch das
Vorhandensein mehrer Väter innerhalb eines Geleges nachgewiesen wird, nur
für die jeweilige Ablagesaison zutrifft? Oder für die
Spermaspeicherung von der Herbstpaarung bis zur nächsten Ablagesaison? Die
Klärung dieser Fragen wäre sicher auch in Bezug auf die Zucht und
Zusammenstellung von Zuchtgruppen von besonderem Interesse. Oder kennt jemand
wirklich harte, belegbare Daten, die zeigen dass Sperma tatsächlich
über Jahre gespeichert wird? Sicher, die Arbeit von
Whitaker legt das nahe, aber auch hier ist das
Vorhandensein eines Männchens oder eines Männchens einer anderen Art
(Hybridisierung ist häufig) nicht ausgeschlossen. Sollte sich nämlich
herausstellen, dass es eine Langzeitspeicherung (über mehrere Jahre) von
Sperma gar nicht gibt, hätte das auch Konsequenzen für die
Erhaltungsmaßnahmen und Strategien für manche Arten.
Zum Seitenanfang
Tipp:
Benutzen Sie die Suchfunktion unserer Homepage, so können sie
einfach und schnell unsere Seiten nach einem bestimmten Begriff durchsuchen.