Wissenschaft im Fokus
Mann, G. K. H., M. J.
O'Riain & M. D.
Hofmeyr (2006): Shaping up to fight: sexual
selection influences body shape and size in the fighting tortoise
(Chersina angulata). –- Journal of Zoology 269 (3): 373-379.
Kampfoptimierte Körperform: Sexuelle Selektion
beeinflusst Körperform und Größe bei der kämpfenden
Landschildkröte, Chersina angulata
Die afrikanische Schnabelbrustschildkröte
Chersina angulata ist
eine besondere Südafrikanische Schildkröte unter den anderen Spezies
der Region, da sie einen ungeteilten, stark verlängerten Gularschild als
ventrale Verlängerung des Plastrons trägt, welchen sie zum Rammen und
Umschmeißen ihrer arteigenen Rivalen benutzt. Dieses Verhalten brachte ihr
die Reputation einer kämpfenden Schildkröte ein. Hier, in dieser
Arbeit testen wir die Hypothese, dass die Morphologie dieser Spezies das
Ergebnis einer intrasexuellen (innerartlichen) Selektion darstellt. Die
Untersuchungen wurden an der auf der Insel Dassen lebenden Population im
September 2004 durchgeführt. Die Schildkröten wurden gefangen und im
Feld einer Datenerfassung in Bezug auf Körpermasse und der Registrierung 5
morphologischer Merkmale unterzogen. Es wurden insgesamt 144 Männchen und
99 Weibchen gesammelt. Männchen waren signifikant größer als
Weibchen, was auf alle genommen Körpermaße zutraf. Männchen
hatten signifikant längere Gularschilde (F=17,783, P < 0,005, n=242) und
eine größere hintere Carapaxbreite (F=143,664, P < 0,005, n=242)
relativ zur Körpergröße im Vergleich zu Weibchen. Insgesamt
wurden 66 Kämpfe zwischen Männchen im Feld beobachtet. Die Gewinner
waren immer signifikant länger als die Verlierer (t=2,238, P < 0,034,
n=28) und hatten eine signifikant größere Breite des posterioren
Carapaxes relativ zur eigenen Carapaxmitte (F=5,591, P=0,026, n=28). Die
Gularlänge war irrelevant für den Kampferfolg. Schildkröten
beider Geschlechter wurden auf den Rücken gelegt, um die Umdrehreaktion
(Righting) zu testen. Männchen zeigten im Vergleich zu Weibchen eine
signifikant bessere Umdrehreaktion (chi[2]=5,347, P=0,0208, n=70). Daraus wurde
geschlossen, dass die hintere Carapaxbreite ein wesentlich wichtigeres Merkmal
für den Kampferfolg darstellt als die Gularlänge, und es deutet sich
an, dass die hintere Carapaxbreite zusammen mit der Umdrehreaktion Maße
für die sexuelle Selektion bei männlichen
Schnabelbrustschildkröten darstellen.
Anmerkung von H.-J. Bidmon:
Da sieht man mal wieder, welchen innerartlichen Zwängen das
männliche Geschlecht unterliegt. Aber Spaß beiseite; auch hier zeigt
sich, welchem Selektionsdruck die Form der Tiere unterliegt. Er muss nicht immer
gleich sein, denn bei Wasserschildkröten zeigen meist die Weibchen die
bessere Umdrehreaktion. Ebenso sind es bei den Indischen Sternschildkröten
meist die massigeren Weibchen, die sich mehr Konkurrenz machen als die
Männchen, die bestenfalls Ausdauer brauchen, um zum Kopulationserfolg zu
kommen. Allerdings zeigt sich hier deutlich, dass eine Artabgrenzung, die nur
auf morphologischen Kriterien beruht, oft irreführend sein kann,
insbesondere dann, wenn über die Biologie und die Biotope der Art so gut
wie nichts bekannt ist. Letzteres trifft aber fast zwangsläufig auf alle
fossilen Funde zu. Wer einmal aus Wissenschaftsinteresse ein schönes
Beispiel für eine heute meist noch vertretene Fehlinterpretation lesen
möchte, dem empfehle ich Manger, P. R. (2006):
Biological Reviews 81: 293-338.
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