Wissenschaft im Fokus
Veröffentlicht: 04.04.2010
Marsack, K. & B. J. Swanson (2009): A Genetic Analysis of the Impact of Generation Time and Road-Based
Habitat Fragmentation on Eastern Box Turtles (Terrapene c. carolina). – Copeia 2009 (4): 647-652.
Eine genetische Analyse des Einflusses der Generationszeit und der durch den Straßenbau verursachten
Fragmentierung bei Carolina-Dosenschildkröten (Terrapene c. carolina).
Historisch wurde die Carolina-Dosenschildkröte (
Terrapene c. carolina) in 31 Counties (Landkreisen) in der Unteren Michigan
Halbinsel gefunden, allerdings ist sie während der letzten 10 Jahre in 13 Counties ausgerottet worden. Eine Ursache für die
Rückgänge ist die durch Straßen bedingte Habitatfragmentierung und die damit verbundenen demographischen und genetischen
Konsequenzen. Eine akkurate Erfassung der Populationsstruktur ist notwendig, um Erhaltungseinheiten festzulegen, damit sich
Terrapene c.
carolina erholen kann. Wir genotypisierten 163 Schildkröten mit acht Mikrosatellitenloci aus drei Standorten im südwestlichen
Michigan, wobei wir 360 km
2 abdeckten. Innerhalb dieses Systems fanden wir ein hohes Niveau für die genetische
Variabilität (H=0,83; A=16) und niedrige Niveaus für die genetische Differenzierung (F-ST = 0,006). Die drei Untersuchungsareale
beherbergen eine einzige Population, und es gab nur eine niedrige Rate (11 %) von Falschzuordnung über die Lokalitäten gesehen.
Für einen genetischen Flaschenhals ergaben sich anfängliche Anhaltspunkte bei zwei der drei Lokalpopulationen und für das
Gesamtsystem. Allerdings zeigten zusätzliche Analysen keine Verschiebungen in den Allelfrequenzen, und es ergaben sich in allen drei
Lokalpopulationen auch keine weiteren Beweise für einen Flaschenhals. Wir schließen daraus, dass die widersprüchlichen
genetischen Indizien für einen Flaschenhals trotz der geographischen Gegebenheiten auf die langen Generationszeiten von
Terrapene
c. carolina zurückzuführen sind. Trotzdem lässt die Studie vermuten, dass die Erhaltung genetischer Variation trotz der
Populationsrückgänge Erhaltungsmanagern noch genug Flexibiltät bei der Erhaltung langlebiger Spezies bietet.
Kommentar von H.-J. Bidmon
Diese Arbeit macht auf zwei Probleme aufmerksam, zum einen die noch hohe genetische Variabilität trotz sinkender Individuenzahlen, die
einem eigentlich noch eine intakte Population vorgaukelt. – Warum vorgaukelt? Weil sie eigentlich nur auf die alten adulten
Schildkröten zutrifft, die ja ihre Variabilität zu einer Zeit vererbt bekamen, als die ursprüngliche Gesamtpopulation noch
unfragmentiert war. Das ist ein ähnliches Problem wie es
Gerlach (2009) für zu erhaltende Habitate
und deren Zeitpunkt der Verschlechterung beschrieben hat (eigentlich gute Beispiele, dass man immer das Gesamtbild unter
synökologischer Betrachtung erfassen und abwägen sollte). Zum anderen zeigt sie aber, dass die bei den Alttieren vorhandene
genetische Variabilität Erhaltungsmanagern erlaubt, diese trotz verminderter Individuenzahl relativ lange aufrecht zu erhalten. Die
Frage ist nur, was bedeutet das für das praktische Management stark fragmentierter Populationen? Nun, hier könnte man an
künstliche Verbindungskorridore zwischen den Einzelpopulationen denken, sprich man legt die Straßen höher, so dass sie
bestimmte Landschaftsbereiche nicht trennen sondern überbrücken. Es kann allerdings auch so weit gehen, dass man gerade bei sehr
standorttreuen Arten die weit getrennten Individuen zwecks einer Verpaarung zeitweise zusammenbringt. Ich weiß, das ist etwas, was
manchen Naturschützer, die ich mal etwas zynisch als „Lokalpopulationsfanatiker“ bezeichnen möchte, ein Dorn im Auge
wäre. Aber wir müssen einfach lernen, dass es zwar spezifische Unterschiede für die einzelnen Arten gibt, aber dass diese
genetischen Daten auch zeigen, dass manche Populationen, so weit sie auch aktuell auseinander liegen mögen, in der Vergangenheit zu nur
einer Population gehörten. Die Frage ist nur wie lange sind solche Populationen schon getrennt? Und da machen wir als Menschen oft den
Fehler, dass wir nur in Bezug auf unsere eigene Lebenszeiterinnerung denken, was natürlich immer den Fehler der Fehleinschätzung
birgt. Denn gerade für langlebige Arten sind 40 oder 50 Jahre oft ein nur kurzer Zeitraum oder nur eine Generation, insofern nutzt die
Aussage mancher, dass diese Lokalpopulationen schon so lange sie sie kennen, getrennt waren, recht wenig. In solchen Fällen kann einem
die Molekulargenetik wirklich helfen Fehler zu vermeiden, genauso wie sie dies tut, wenn es darum geht, morphologisch kaum zu
differenzierende Arten zu charakterisieren. Siehe auch:
Hall & Steidl (2007),
Gerlach (2008),
Fritz et al. (2009),
Loarie et al. (2009).
Literatur
Fritz, U., D. Ayaz, A. K. Hundsdoerfer, T. Kotenko, D. Guicking, M. Wink, C. V. Tok, K. Cicek & J. Buschbom
(2009): Mitochondrial diversity of European pond turtles (
Emys orbicularis) in Anatolia and the Ponto-Caspian Region: Multiple old
refuges, hotspot of extant diversification and critically endangered endemics. – Organisms Diversity & Evolution 9 (2): 100-114 oder
WiF-Archiv.
Gerlach, J. (2008): Fragmentation and demography as causes of population decline in Seychelles freshwater
turtles (Genus Pelusios). – Chelonian Conservation and Biology 7 (1): 78-87 oder
WiF-Archiv.
Hall, D. H. & R. J. Steidl (2007): Movements, activity, and spacing of Sonoran mud turtles (
Kinosternon
sonoriense) in interrupted mountain streams. – Copeia 2007 (2): 403-412 oder
WiF-Archiv.
Loarie, S. R., P. B. Duffy, H. Hamilton, G. P. Asner, C. B. Field & D. D. Ackerly (2009): The velocity of
climate change. – Nature 462: 1052-1055 oder
WiF-Archiv.
Zum Seitenanfang