Wissenschaft im Fokus
Martin, J., I.
Marcos & P. Lopez
(2005): When to come out from your own shell: risk-sensitive hiding decisions in
terrapins. – Behavioural Ecology and Sociobiology 57 (5): 405-411.
Wann gilt es aus dem eigenen Panzer hervorzukommen: Eine
risiko-abhängige Rückzugsentscheidung bei Schildkröten
Tiere müssen ihre Entscheidungsfindung dahingehend optimieren, wann es
richtig ist, nach der überlebten Auseinandersetzung mit einem Beutegreifer
wieder aus ihrem Versteck hervor zu kommen, denn versteckt zu bleiben, kann
teuer sein (Energieverlust etc nach sich ziehen). Zahlreiche Beutetiere laufen
und verstecken sich in schützenden Höhlen innerhalb ihres Habitats,
während andere sessile Formen sich mit einer sie schützenden Struktur
umgeben. Eine intermediäre Situation findet sich bei Tieren wie den
Schildkröten, die eine morphologische Schutzstruktur mit sich herumtragen,
die teilweisen Schutz bietet, wobei sie zudem auch noch aktiv zu sichereren
Plätzen flüchten können z. B. ins Wasser. Dieser Umstand
könnte die Versteckentscheidungsfindung komplizieren, wie sich aus der
Hypothese zur „Optimalen Verstecknutzung“ ableiten lässt.
Deshalb untersuchten wir die Antiprädatortaktik
(Gefahrvermeidungsverhalten) bei der Maurischen Bachschildkröte,
Mauremys leprosa als Antwort auf simulierte Attacken von Beutegreifern
mit bestimmten Charakteristika, z. B. einer Kombination mehrerer Risikofaktoren
bzw. wechselnden Bedingungen z. B. verschiedenen Entfernungen zu einer sicheren
Versteckmöglichkeit, wobei wir davon ausgingen, das diese Bedingungen die
Tiere zu einer Gesamtrisikoabwägung stimulieren. Spezifisch beurteilten wir
das Maß der Risikoeinschätzung anhand der Zeit, die die Tiere
zurückgezogen im Carapax verbrachten, bis zu dem Punkt, wo sie aktiv die
Flucht ergriffen. Die Ergebnisse zeigten, dass die Schildkröten in der Lage
waren, ihr Fluchtverhalten der Risikolage anzupassen, wobei sie unter bestimmten
Bedingungen trotz des noch anwesenden simulierten Beutegreifers aus dem Carapax
herauskamen, um aktiv zu flüchten. Da allerdings ein längeres
inaktives Zurückziehen in den Carapax dem Beutegreifer auch mehr Zeit
einräumt und somit das Risiko erhöht, dass er doch noch einen Weg
findet, an die Beute zu gelangen, scheint die Möglichkeit sich zwischen
reinem inaktiven Zurückziehen und der aktiven Flucht zu sichereren
Verstecken z. B. Wasser die Rückzugszeit zu beeinflussen.
Anmerkung von H.-J. Bidmon:
Spitze ist, dass Tierpsychologen oft Hypothesen testen, die durch einfache
Verhaltensbeobachtungen vorhersagbar sind. Der offensichtliche Vorteil ist
dabei, dass wir jetzt ein Maß für bestimmte Risikosituationen haben,
die sich allerdings nur in Sekunden, Minuten oder Stunden des Zurückziehens
in den Carapax oder in sofortiger Flucht ausdrücken lassen. Fazit: Rennt
die Schildkröte sofort weg, können wir konkludieren, dass sie von
panischer Angst getrieben wird, – oder sitzt sie vielleicht nur so dicht
vor ihrer Höhle, „dass sie sich denkt“, auf die Entfernung
renne ich dem auch noch weg?
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