Wissenschaft im Fokus
Moran, K. L. & K. A.
Bjorndal (2007): Simulated green turtle grazing
affects nutrient composition of the seagrass Thalassia testudinum.
– Marine Biology 150 (6): 1083-1092.
Simuliertes Beweiden durch Suppenschildkröten
beeinflusst die Nahrungszusammensetzung im Seegras Thalassia testudinum
Bevor die Populationen der Suppenschildkröten (Chelonia mydas) durch den
Menschen so stark dezimiert wurden, wurde das Seegras
Thalassia
testudinum sehr intensiv von den Schildkröten in der Karibik
abgefressen. Um nun zu untersuchen, wie sich dies auf den Nährstoffgehalt
und die Nährstoffzusammensetzung von
T.-testudinum-Weiden auswirkt
haben wir dieses sehr intensive Beweiden simuliert, indem wir 15 Plots (jedes
3×3m) regelmäßig für die Dauer von 16 Monaten im Bereich
der zentralen Bahamas beschnitten. Der Vergleich von den beschnittenen Plots mit
benachbarten unbeschnittenen Plots zeigte, dass in dem beschnittenen Seegras
signifikant mehr Energie in Form von Stickstoff, Phosphat, Lignin, Cutin und
kondensiertem Tannin enthalten war, wobei auch die organischen Bestandteile des
Sediments unverändert blieben. Daraus ergibt sich, dass die kontinuierliche
Beweidung dafür sorgte, dass den Schildkröten junge aktiv
nachwachsende, hochgradig energiereiche Blätter mit hohem Stickstoff- und
Phophatgehalt zur Verfügung standen. Unsere 16-monatige intensive
Seegrasbeschneidung erzeugte nicht die eigentlich erwartete Abnahme im
Nährstoffgehalt der Seegrasblätter von
T. testudinum.
Allerdings wurde ein signifikanter Rückgang des Stickstoffgehalts und der
organischen Bestandteile in den unterirdischen Rhizomen zwischen 11 und 16
Monaten festgestellt, was andeuten mag, dass erst nach längerer,
kontinuierlicher Beschneidung der Nährstoffgehalt abnehmen könnte.
Anmerkung von H.-J. Bidmon:
Nun, interessant ist, dass erst einmal der Nährstoffgehalt zunimmt, was
andeutet, dass dadurch den Schildkröten ein energiereicheres Futter zur
Verfügung steht. Ebenso deutet der Befund, dass der Phosphatgehalt in
beweidetem Seegras ansteigt, an, dass es ernährungsphysiologisch durchaus
vergleichbare Ansprüche bei herbivoren Meeresschildkröten und
Landschildkröten geben könnte, denn auch für z.B.
Psammobates
ist bekannt, dass sie Futterpflanzen mit höheren
Phosphatgehalten bevorzugen (Henen et al.
(2005):– South African Journal of Science 101 (9-10): 435-438 oder
Abstract WiF-Archiv). Allerdings halte ich die
Abschlussvermutung, dass nach 16 Monaten der Nahrungsgehalt abnehmen
könnte, für eine vage Vermutung, denn die Autoren beschneiden ja das
Seegras. Dieser künstliche Schnitt hat aber einen entscheidenden Nachteil
im Vergleich mit einer echten Beweidung durch lebende Schildkröten. Lebende
Schildkröten setzen meist dort, wo sie sich aufhalten und fressen, auch Kot
und Harn ab, sie düngen also gleichzeitig nach. Zudem deutet wie bei vielen
Pflanzen der Anstieg des kondensierten Tannins an, dass sich das Seegras vor
Überweidung schützen kann (ein bekannter Schutzmechanismus bei
Landpflanzen siehe Peters &
Constabel (2002) Plant Journal 32 (5): 701-712),
denn steigende Tanningehalte machen die Pflanzen ungenießbar und schwer
verdaulich, was vermutlich die Schildkröten dazu zwingen würde, nach
einer gewissen Zeit weiterzuziehen, um frische Weidegründe zu finden. So
etwas gibt es nicht nur bei Meeresschildkröten auch die so genannten stark
kurz gehaltenen typischen Schildkrötenrasen auf den Atollen der Seychellen
und einigen Galapagosinseln zeigen dieses Phänomen und dienen seit
Jahrtausenden als Hauptenergielieferanten für die dortigen
Riesenschildkröten. Da fragt man sich natürlich, wenn diese jungen
nachwachsenden Grasaustriebe so energiereich sind, sind sie dann wirklich mit
den Heurationen in unseren Zoos vergleichbar, oder sind viele der oft deutlich
sichtbaren Wachstumsdeformationen auch eine Folge eines doch nicht ganz so
artgerechten Futters gepaart mit den Folgen einer falschen Luftfeuchte
(Durchschnittstemperatur), die auch oft nicht jener der küstennahen
Ursprungsbiotope entspricht. Gerade kleine Atolle mit ihrer oft
eingeschränkten sehr speziellen Flora erzwingen ja in Form eines
Selektionsdrucks, dass sich die von diesen Pflanzen lebenden Tiere zu
Nahrungsspezialisten entwickeln und über Generationen ihre
Ernährungsphysiologie und ihre jahreszeitlichen Wachstumsphasen und
Zuwachsraten diesem speziellen Nahrungsangebot anpassen. Aber auch wenn wir
einmal von diesen Schildkrötenriesen der Meere und Atolle weggehen und auf
die oft auch privat gehaltenen kleineren Arten schauen, gibt es viel zu
Überdenken (siehe SiF: Sonderband
Testudo). Trotzdem, und aus akutem Anlass, weil wieder ein großer
Bestand adulter Testudo horsfieldi
laut Sektionsbefund zwar
infektionsfrei aber alle mit Fettleber verstorben sind, hier die Frage, was
machen wir mit Schildkröten, die zwar von ihrer Ernährungsphysiologie
auch auf den Verzehr junger saftiger nachwachsender Kräuter oder
proteinreichen Futters angepasst sind, die aber nachweislich acht Monate im Jahr
ruhen, wie z. B. T. horsfieldi
(Lagarde et
al. (2002) A short spring before a long jump: the ecological challenge to the
steppe tortoise (Testudo horsfieldi
). – Canadian Journal of
Zoology – Revue Canadienne de Zoologie 80 (3): 493-502? Dort steht
ausdrücklich, dass in Usbekistan die Zeit der Nahrungsaufnahme auf weniger
als drei Monate pro Jahr beschränkt ist! ) – oder Terrapene
ornata luteola
(Plummer (2004) – Journal
of Herpetology 38: 589-593 oder Abstract im
WiF-Archiv). Denn eines sollte klar sein, es ist
schwierig, Schildkröten, die an energiereiche Kräuter bzw. tierische
Kost ernährungsphysiologisch angepasst sind, auf energieärmeres,
härteres Futter umzustellen, denn die Tiere mögen es nicht und
könnten sogar auf diese Futteränderung mit Krankheit reagieren. Wir
stehen aber dennoch vor dem Problem, dass für Individuen solcher Arten oder
bestimmter Unterarten das saftige Grünfutter eines sieben Monate dauernden
deutschen Sommers eben auch bedeutet, dass sie allein von der Zeit her im
Jahresverlauf doppelt so viel Futter aufnehmen, wie sie das in ihrem
Ursprungshabitat tun würden. Sicher, unter den hier zu Lande herrschenden
Bedingungen aufgewachsene Nachzuchten mögen sich vielleicht daran
gewöhnen, aber bei ernährungsphysiologisch an einen ganz anderen
Lebensraum angepassten Importtieren lässt sich dieses Problem nur dann
ignorieren, wenn man eben bereit ist, Verluste in Kauf zu nehmen. Dieses Problem
des Überangebots an Futter wird sicher von schnell wachsenden Jungtieren
wesentlich leichter weggesteckt, was mit ein Grund dafür sein mag, dass die
Probleme erst dann akut werden, wenn die Wachstumskurven der fast adulten Tiere,
die man vielleicht und fälschlicherweise schon als gut eingewöhnt
ansehen mag, abflachen und die zu viel aufgenommene Energie eben nicht mehr in
Muskel- und Organzuwachs geht, sondern nur noch in die Fettspeicher bestimmter
Organe. Solche Speicher sind auch gerade bei solchen Arten natürlicherweise
gut ausgeprägt, denn wenn die Tiere daran angepasst sind, acht Monate des
Jahres in Ruhephasen zu verbringen (Aestivation ist eine warme Ruhephase, also
dürfte auch der Metabolismus ein anderer sein als der fast Stillstand bei
Hibernation im frostnahen Bereich), ist auch dafür ihre Physiologie
speziell ausgestattet. Eigentlich warte ich noch immer darauf, dass uns die
veterinärmedizinischen Ernährungsphysiologen auf solche Fragen einmal
sachkundige Auskünfte liefern, denn über unbewiesene Theorien (besser
wohl Vermutungen) diskutieren heute schon zu viele.
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