Wissenschaft im Fokus
Nagashima, H., F. Sugahara, M. Takechi, R. Ericsson,
Y. Kawashima-Ohya, Y. Narita & S. Kuratani (2009): Evolution of the
turtle body plan by the folding and creation of new muscle connections. –
Science 325 (5937): 193-196.
Die Evolution des Schildkrötenbauplans durch Faltung
und Ausbildung neuer Muskelansätze
Der Schildkrötenpanzer stellt eine faszinierende Fallstudie der
Wirbeltierevolution dar, die darauf aufbaut, dass der normale Körperbauplan
einer starken Modifikation unterliegt. Der Carapax bildet sich aus Rippen, die
das Schulterblatt einkapseln, was im krassen Gegensatz zum typischen
Körperbauplan der anderen Amnioten steht, und somit ist das
Verständnis dieser Veränderung ein Schlüssel zum Verständnis
der Schildkrötenevolution. Vergleichende Analysen zur Entwicklung des
Muskuloskelettalen-Apparats bei der Chinesischen Weichschildkröte und bei
anderen Amnioten zeigte, dass sich Schildkrötenembryonen anfänglich
nach dem gleichen generellen Bauplanmuster wie alle anderen Amnioten entwickeln,
allerdings führt dann während der späteren Embryogenese das
seitliche Auswachsen (Verbreitern) der Rippen dazu, dass einige Elemente ihre
Entwicklung entsprechend verändern und anpassen. Zusätzlich dazu
verändern sich einige Beinmuskeln und bilden neue
schildkrötenspezifische Ansatzstellen in Anpassung an die Bildung des
Carapax. Wir postulieren, dass der evolutionäre Ursprung des
Körperbauplans der Schildkröten darauf beruht, dass eine Heterotopie
auftritt, die darauf basiert, dass sich im Embryo bestimmte Strukturen (Muskeln)
anders falten und neue Ansatzstellen (Verbindungen) eingehen.
Anmerkung von H.-J. Bidmon:
Sicherlich ist dies so, und es sollte auch wirklich niemanden verwundern,
denn wenn es nicht so wäre, wären Schildkröten weder in der Lage
sich fortzubewegen, noch effektiv genug zu atmen. Dass molekulare Faktoren wie
bestimmte Zytokine das Auswachsen und die Verbindung zwischen ganz bestimmten
später knöchernen Elementen und den dazugehörigen Muskeln
steuern, ist auch klar. Ob aber diese Erkenntnis ausreicht, um zu erklären
oder gar zu verstehen, warum diese Veränderungen überhaupt aufgetreten
sind, bleibt mehr als vage, denn letztendlich bedeutet das ja, dass sich im
zeitlichen, organspezifischen Ablauf der Embryogenese eine Veränderung
eingestellt hat, deren Ursache weiterhin offen bleibt. Allerdings zeigt die
Untersuchung, was man unter gerichteter Evolution zu verstehen hat, denn wenn
alle Komponenten eines Organismus den altbekannten vorgegebenen Signalen folgen,
kann eben auch die Veränderung (oder Mutation) einer Struktur dazu
führen, dass sich der sequentielle Ablauf vieler Signalkaskaden in
abhängiger und gerichteter Art und Weise mitverändert und den neuen
Gegebenheiten anpasst. Dass sich solche Veränderungen, solange sie
entscheidende Selektionvorteile bieten, auch lange erhalten, sollte auch klar
sein, denn alles was wir heute als rezente Arten noch betrachten können,
sind die Ergebnisse solcher Evolutions- und Anpassungsereignisse. Siehe auch:
Li, C., X. C. Wu, O. Rieppel, L. T. Wang & L. J.
Zhao (2008): An ancestral turtle from the Late Triassic of southwestern
China. – Nature 456 (7221): 497-501 oder
Wif-Archiv; Zani, P. A. & R.
Kram (2008): Low metabolic cost of locomotion in ornate box turtles,
Terrapene ornata
. – Journal of Experimental Biology 211(Pt
23):3671-3676 oder WiF-Archiv.
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Schlagwörter
| Arten |
Chinesische Weichschildkröte, Pelodiscus sinensis |
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