Wissenschaft im Fokus
Veröffentlicht: 20.09.2009
Ozgul, A., M. K. Oli, B. M. Bolker & C.
Perez-Heydrich (2009): Upper respiratory tract disease, force of
infection, and effects on survival of gopher tortoises. – Ecological
Applications 19 (3): 786-798.
Obere Atemwegserkrankung, Infektionsdruck und die
Auswirkungen auf das Überleben von Gopherschildkröten
Obere Atemwegserkrankung (URTD), die durch
Mycoplasma agassizii
verursacht werden, werden nach gängiger Hypothese dafür verantwortlich
gemacht, zum Rückgang der wild lebenden Populationen der
Gopherschildkröte (
Gopherus polyphemus) beizutragen. Allerdings
sind Infektionsursache (Infektionsdruck; FOI) und die Auswirkungen von URTD auf
das Überleben frei lebender Gopherschildkrötenpopulationen unbekannt.
Unter Anwendung der Fang-Markierungs-Wiederfang-Methode über vier Jahre
(2003-2006) und epidemiologischer Daten, die von 10 Populationen der
Gopherschildkröte in Zentralflorida, USA stammten, kalkulierten wir eine
FOI (Wahrscheinlichkeit pro Jahr das eine empfängliche Schildkröte
auch infiziert wird) und die Auswirkungen von URTD (z. B., Seropositivität
für M. agassizii) auf die aktuellen Überlebensraten. Lokalitäten
mit hoher (>= 25 %) Seroprävalenz (Anzahl positiver Tiere) zeigten eine
deutlich höhere FOI (0,22 +/- 0,03; Mittelwert +/- SE) als Lebensräume
mit niedriger (< 25 %) Seroprävalenz (0,04 +/- 0,01). Unsere Ergebnisse
liefern die ersten quantitativen Belege dafür, dass die
Übertragungsrate für
M. agassizii in einer direkten Beziehung
zur Seroprävalenz innerhalb der Population steht. Seropositive
Schildkröten hatten höhere aktuelle Überlebensraten
(0,99 +/- 0,0001) als Seronegative (0,88 +/- 0,03), vermutlich dadurch bedingt,
dass seropositive Schildkröten die Individuen repräsentieren, die es
geschafft haben die initiale Infektion zu überstehen und die dann eine
chronische Erkrankung entwickelten, so dass sie während unserer
vierjährigen Erhebung eine geringere Mortalitätsrate aufwiesen.
Allerdings gibt es zwei Arten von Beweisen, die vermuten lassen, dass sich eine
durch
Mycoplasma verursachte URTD auf das Überleben der
Schildkröten auswirkt. Erstens gibt es ein einleuchtendes Modell, das
zeigt, dass empfängliche (seronegative) Schildkröten in
Lokalitäten mit hoher Seroprävalenz sehr niedrige aktuelle
Überlebensraten haben, was vermuten lässt dass es sehr akute
Auswirkungen bei Erstinfektionen gibt. Zweitens lag die Anzahl
Schildkrötenkadaver, die während der jährlichen Vororterhebungen
gefunden wurden, in den Lebensräumen mit hoher Seroprävalenz mit 1 bis
5 Kadaver pro 100 Individuen deutlich höher. Wenn (wie unsere Daten
vermuten lassen) URTD tatsächlich die Überlebensrate der adulten
Schildkröten senkt, könnte das bei einer Spezies, die erst sehr
spät geschlechtsreif wird und die eigentlich sehr langlebig ist, auch die
Populationsdynamik negativ beeinflussen.
Kommentar von H.-J. Bidmon
Siehe auch
Wendland et al. (2007),
Karlin (2008),
Hunter et al. (2008).
Liest man sich mal die einzelnen Arbeiten zu URTD genau durch, stellt man
unweigerlich fest, dass Jungtiere vor der Geschlechtsreife vor einer Infektion
noch relativ geschützt sind, auch wenn zumindest eine Studie zeigt, dass
Jungtiere schon Antikörper gegen
M. agassizii tragen können.
Hier stellt sich – zumindest für den Tierhalter/in die Frage –
wie viele und welche Erkrankungen sind bei Schildkröten sexuell
übertragbar und ist dies nicht oft der Hauptweg für Infektionen? Denn
wie oft hört man zum Beispiel auch von Haltern Europäischer
Landschildkröten, dass sich die Tiere ganz normal entwickelten und
aufziehen ließen, aber seit sie anfangen zu paaren, zeigen sie feuchte
Nasen etc. Sicher, auch Paarungsstress kann dazu beitragen, dass sich immer
vorhandene opportunistische Erreger verstärkt vermehren oder die Tiere so
beeinträchtigen, dass sie Symptome zeigen. Allerdings in Beständen, wo
auch schon Alttiere Symptome haben, die erst bei Erreichen der Geschlechtsreife
auch beim Nachwuchs auftauchen, sollte man wirklich im Hinblick auf eine
langfristig angelegte Zuchtplanung überlegen, ob man nicht versuchen
sollte, mit symptomfreien Jungtieren möglichst gesunde Parallelzuchtgruppen
aufzubauen.
Literatur
Karlin, M. (2008): Distribution of
Mycoplasma
agassizi in a Gopher Tortoise population in south Florida. –
Southeastern Naturalist 7: 145-158 oder
WiF-Archiv.
Hunter, K. W. Jr., S. A. Dupré, T. Sharp, F. C.
Sandmeier & C. R. Tracy (2008): Western blot can distinguish natural
and acquired antibodies to
Mycoplasma agassizii in the desert tortoise
(
Gopherus agassizii). – Journal of Microbiological Methods 75
(3): 464-471 oder
WiF-Archiv.
Wendland, L. D., L. A. Zacher, P. A. Klein, D. R. Brown,
D. Demcovitz, R. Littell & M. B. Brown (2007): An improved ELISA for
Mycoplasma agassizii exposure: A valuable tool in the management of
environmentally sensitive tortoise populations. – Clinical and Vaccine
Immunology 14 (9): 1190-1195 oder
WiF-Archiv.
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Schlagwörter
| Arten |
Gopherschildkröte, Gopherus polyphemus |
| Themen |
Atemwegserkrankung, URTD |
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