Wissenschaft im Fokus
Veröffentlicht: 10.04.2010
Paez, V. P., J. C. Correa, A. M. Cano & B. C. Bock (2009): A Comparison of Maternal and Temperature
Effects on Sex, Size, and Growth of Hatchlings of the Magdalena River Turtle (Podocnemis lewyana) Incubated under Field and
Controlled Laboratory Conditions. – Copeia 2009 (4): 698-704.
Ein Vergleich mütterlicher und Temperatureffekte auf das Geschlecht, die Größe und das Wachstum von
Schlüpflingen der Magdalena-Flussschildkröte (Podocnemis lewyana) bei Freilandinkubation und bei
kontrollierter Inkubation im Labor.
Während zweier Nistperioden überwachten wir die Inkubationsbedingungen in 19 natürlich abgelegten Nestern von
Podocnemis
lewyana, die an zwei Lokalitäten (Niststränden) innerhalb des Momposbeckens im nördlichen Kolumbien abgelegt worden
waren. Zusätzlich inkubierten wir die Eier aus 9 Nestern im Labor, wobei wir die gleichen Feuchtigkeitsbedingungen wie in
natürlichen Nestern benutzten, aber 6 verschiedene Inkubationstemperaturen einsetzten. Wir bestimmten das Geschlecht aller
Schlüpflinge aus allen Nestern, um erstmals nachzuweisen, dass es bei dieser Spezies auch eine temperaturabhängige
Geschlechtsbestimmung gibt und um das Geschlechterverhältnis zu quantifizieren sowie die Pivotaltemperatur für diese Population zu
ermitteln. In beiden Nistperioden (Saison) schlüpften aus den meisten der natürlich inkubierenden Nestern beide Geschlechtern aber
das Geschlechterverhältnis variierte sowohl zwischen den beiden Niststränden als auch zwischen den beiden Untersuchungsjahren. Die
dokumentierte Pivotaltemperatur war eine der höchsten (33,4 °C), die bislang bei einer Schildkrötenspezies beschrieben worden
ist. Die Inkubationsbedingungen in den natürlich inkubierenden Nestern hatten einen Einfluss auf die Schlupfrate, die Inkubationsdauer,
nicht aber auf die Schlüpflingsgröße oder das Schlupfgewicht. Die Schlüpflinge, die aus den im Labor inkubierten
Gelegen schlüpften, wurden einen Monat lang gehalten, um zu untersuchen, ob sich die Inkubationsbedingungen und andere Faktoren auf die
Wachstumsrate der Jungen auswirken. Bei diesen Gelegen konnten wir ganz klar mütterliche Faktoren dokumentieren, die einen Einfluss
hatten, wie Eigröße, initiale Schlüpflingsgröße sowie Gewicht und Wachstumsrate. Die Inkubationstemperatur hatte
ebenso einen Einfluss auf die Schlupfrate, das Geschlechterverhältnis und die Schlupfgröße, nicht aber auf das
Schlupfgewicht.
Kommentar von H.-J. Bidmon
Hierbei handelt es sich um eine sehr interessante Studie, die zwar noch einige Lücken hat, die aber wichtige Fragen für
zukünftige Untersuchungen aufwirft. Insofern enthält diese Arbeit wesentlich mehr Information als im Abstract zum Ausdruck kommt,
wo man sich wohl erst einmal auf das anscheinend offensichtlichste Ergebnis konzentriert hat, nämlich die äußerst hohe
Pivotaltemperatur (siehe auch
Rostal et al. 2003). Getestet wurden Inkubationstemperaturen von 28 °C bis
34,7 °C. In den natürlichen Nestern wurden Durchschnittstemperaturen von 30,8 °C in 2005 und 33,0 °C in 2006 gemessen,
wobei die Temperaturen im zweiten Trimester allerdings durchaus 34 °C erreichten. Die Inkubationsperioden schwankten zwischen 50 bis 88
Tagen bei Laborbedingungen, während im Freiland die durchschnittliche Dauer in 2005 bei 64,7 Tagen und 2006 bei 55,9 Tagen lag. Die
Durchschnittszeit für beide Jahre lag bei 59,1 Tagen (50 bis 89 Tage). Ebenso bemerkenswert ist bei dieser Studie, dass die niedrigsten
Inkubationstemperaturen (28 °C) die niedrigsten Schlupfraten erbrachten. Etwas, das bei vielen anderen Arten genau umgekehrt beschrieben
wurde (siehe auch
Du et al. 2007). Allerdings sind die mütterlichen Effekte, die beobachtet wurden, noch
wesentlich interessanter, denn selbst bei Inkubationstemperaturen, die über der Pivotaltemperatur lagen, gab es ganze Gelege, aus denen
nur Männchen und andere, aus denen nur Weibchen schlüpften. Auch bei Anwendung der anderen Inkubationstemperaturen gab es Eier von
bestimmten Weibchen, die nur ein Geschlecht hervorbrachten, gleiches wurde auch bei Nestern an den natürlichen Niststränden
beobachtet. Insofern gibt es bei dieser Spezies klare Anzeichen dafür, dass die Weibchen den Eiern Faktoren mitgeben, die neben der
Temperatur einen Einfluss auf die Geschlechtsbestimmung haben. Eine Möglichkeit wären natürlich so genannte
geschlechtsbestimmende Mikrochromosomen, die aber für die meisten Schildkrötenspezies noch nicht untersucht sind (siehe
Ezaz et al. 2006).
Die Arbeit hat zudem eine ausführliche Einleitung, die auf die bislang beschriebenen maternalen Möglichkeiten und die
Umweltfaktoren, die Auswirkungen auf die Geschlechtsbestimmung haben, eingeht. Bei dieser Studie ist auch interessant, dass bei der
kühlsten Temperatur die kleinsten (kürzesten) Schlüpflinge schlüpfen, was ebenfalls im Gegensatz zu anderen Arbeiten
steht (siehe
Du et al. 2007). Allerdings konnten wie bei den meisten anderen Studien die Schlüpflinge
diese Größenunterschiede bis zum Alter von 30 Tagen ausgleichen, somit scheinen Temperatureffekte im Gegensatz zu
mütterlichen Effekten auf die Größe durch unterschiedliche Wachstumsgeschwindigkeiten ausgeglichen zu werden. Bei
Podocnemis lewyana wachsen die kühler inkubierten kleiner schlüpfenden Schlüpflinge bei gleicher konstanter
Haltungstemperatur und Fütterung schneller. Da aber alle Schlüpflinge bei 28C gehalten wurden, könnte dieser Unterschied auch
darin begründet liegen, dass sich die am kühlsten inkubierten Schlüpflinge bei gleicher Temperatur weiterentwickeln konnten,
während alle anderen ja eine Abkühlung erfahren hatten.
Was allerdings auch bei dieser Studie wieder einmal bedauerlich ist, ist die Tatsache dass auch hier wieder alle Schlüpflinge
getötet wurden, um das Geschlecht zweifelsfrei zu bestimmen, ein Umstand dessen Fragwürdigkeit schon mehrfach kommentiert wurde
(siehe
Kuchling 2006,
Hernandez-Divers et al. 2009).
Literatur
Du, W-G, L-J Hu, J-L Lu & L-J. Zhu (2007): Effects of incubation temperature on embryonic development rate,
sex ratio and post-hatching growth in the Chinese three-keeled pond turtle,
Chinemys reevesii. – Aquaculture (1-4): 747-753
oder
WiF-Archiv.
Ezaz, T., N. Valenzuela, F. Grützner, I. Miura, A. Georges, R. L. Burke & J. A. Marshall Graves (2006): An
XX/XY sex microchromosome system in a freshwater turtle,
Chelodina longicollis (Testudines: Chelidae) with genetic sex
determination. – Chromosome Research 14 (2): 139-150 oder
WiF-Archiv.
Hernandez-Divers, S. J., S. J. Stahl & R. Farrell (2009): An endoscopic method for identifying sex of
hatchling Chinese box turtles and comparison of general versus local anesthesia for coelioscopy. – JAVMA – Journal of the
American Veterinary Medical Association 234 (6): 800-804 oder
WiF-Archiv.
Kuchling, G. (2006): Endoscopic sex determination in juvenile freshwater turtles,
Erymnochelys
madagascariensis: Morphology of gonads and accessory ducts . – Chelonian Conservation and Biology 5 (1): 67-73 oder
WiF-Archiv.
Rostal, D. C., T. Wibbels, R. C. Averill-Murray, E. W. Stitt & D. Riedle (2003): Temperature-dependent sex
determination in North American tortoises,
Gopherus agassizii and
Gopherus polyphemus. – Proceedings 28th Annual
Meeting and Symposium of the Desert Tortoise Council, February 21-23. online oder
WiF-Archiv.
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