Wissenschaft im Fokus
Veröffentlicht: 10.10.2010
Paquette S.R., Louis E.E. Jr. & F.J. Lapointe(2010): Microsatellite Analyses Provide Evidence of
Male-Biased Dispersal in the Radiated Tortoise Astrochelys radiata (Chelonia: Testudinidae). – [Epub ahead of print]
Mikrosatellitenanalysen liefern Beweise für eine Männchen-lastige Verteilung von Mikrosatelliten bei der
Strahlenschildkröte Astrochelys radiata (Chelonia: Testudinidae).
Verbreitung und Verteilung ist einer der Hauptfaktoren die Einfluss auf die genetische Struktur und die Populationsdynamik einer Spezies
haben. Somit ist das Verständnis dieser Vorgänge entscheidend für die Formulierung entsprechender Erhaltungsstrategien. Bei
vielen Arten wirken auf die Geschlechter unterschiedliche evolutive Selektionsdrücke und eine direkte Folge daraus ist, dass es zu
einer asymmetrischen Verteilung (im Sinne des Genflusses) zwischen Männchen und Weibchen kommt. Diese Tatsachen sind für
Vögel und Säugetiere sehr gut belegt wurden aber nur selten bei anderen Taxa einschließlich der Reptilen und im speziellen
für nicht-marine Schildkröten untersucht. Für diese Arten gibt es viele Untersuchungen zur Nistplatztreue und dies wird
meist nur unter dem Aspekt des „natal homing“ (Rückkehr zum Niststrand) betrachtet.
Hier untersuchten wir die geschlechtsabhängige Verteilung (von Mikrosatelliten) bei Strahlenschildkröten im südlichen
Madagaskar. Mit Hilfe von 13 Mikrosatellitenmarkern wurde das Muster der Verwandtschaftsbeziehungen zwischen den Individuen beiderlei
Geschlechts für zwei Populationen untersucht. Alle durchgeführten „Mantel Tests“ (statistische Analyseverfahren zur
Untersuchung zweier Datensätze auf Korrelation) ergaben eine signifikante Isolation mit zunehmender geographischer Entfernung für
die weiblichen Individuen. Allerdings fand sich dieses Muster nicht bei den Männchen. Zusätzlich wurde dieser Befund noch
gestützt durch „Räumliche Autokorrelationsanalysen“ sowie durch zwei analytische Untersuchungen die so angelegt waren,
dass damit die genetischen Trends bei der geschlechtsabhängigen Ausbreitung aufgezeigt werden konnten. Beide Verfahren belegten eine
von den Männchen verursachte Verbreitung. Jedoch lieferten die Vergleiche über die Gesamtheit der genetischen Struktur zwischen
den unterschiedlichen Lokalitäten der Probenentnahmen keine schlüssigen Befunde für eine sehr ausgeprägte Philopatrie
(gleichbleibende Nistplatzwahl) bei den Weibchen. Allerdings sind diese Tests durch methodische und biologische Fehler nur von geringem
statistischen Gewichts.
Strahlenschildkröten zeigen sowohl Polyandrie wie auch Polygynie. Die evolutiven Prozesse die zu einer geschlechtsabhängigen
Verbreitung führen können werden im Zusammenhang mit der Nistbiologie der Landschildkröten diskutiert. Wir stellen die
Hypothese auf, dass Weichen basiertes "natal homing" ein größeres Ausmaß der Polyandrie in Bezug auf die weiblichen
A.
radiata erklärt. Diese Befunde zeigen dass eine Notwendigkeit besteht zusätzliche verlässliche Daten über das
Ausmaß des „natal homing“ bei Landschildkröten zu bekommen, da diese Verhaltensweise direkte Auswirkungen auf das
Arterhaltungsmanagement haben dürften.
Kommentar von H.-J. Bidmon
Hierbei handelt es sich um eine sehr aufschlussreiche Arbeit die zum einen einleitend die schon so oft diskutierte Wichtigkeit der
Genflüsse innerhalb von Populationen und Arten hervorhebt und die zeigt, dass es bei der Strahlenschildkröte wie bei den daraufhin
untersuchten Meeresschildkröten, die Männchen sind die für einen verstärkten Genfluss innerhalb der Populationen sorgen.
Beobachtungen aus artifizieller Tierhaltung sind zwar diesbezüglich immer mit Vorsicht zu genießen, aber sie deuten zumindest an,
dass die Weibchen bezüglich der Nistplatzwahl eine gewisse Flexibilität zeigen, aber wenn möglich innerhalb eines Geheges oft
auch die gleiche Niststelle jedes Jahr wieder aufsuchen.
Nach meinen eigenen Beobachtungen merkt sich jedes Weibchen wo es Eier abgelegt hat und es kommt kaum vor das ein und dasselbe Weibchen das
Zweitgelege an gleicher Stelle wie das Erstgelege innerhalb eines Jahres ablegt. Es sind meistens andere Weibchen die dann ein solches
Gelege ausgraben um ihr eigenes dort zu platzieren. Es soll sogar Weibchen geben die sich in den ersten Tagen nach ihrer Ablage wenn noch
ein zweites Weibchen ablegen will wieder auf ihren Nistplatz setzen um diesen zu blockieren. Ein durchaus auch im Freiland sinnvolles
Verhalten für eine Art bei der die Weibchen pro Jahr 3-6 Gelege absetzen und deren Eier im Freiland auch in Madagaskar durchschnittlich
263 Tage (
Leuteritz & Ravolanaivo 2005) bis zum Schlupf inkubieren. Ebenso müssen die Weibchen
geeignete z.B. beschattete Plätze wählen und deren Lage kann sich im Laufe des Lebens verändern (siehe
Diaz-Paniagua et al. 2006). Diese Flexibilität dürfte auch ein Grund dafür sein, dass man nicht
so leicht eine Nistplatztreue für solche Arten nachweisen kann. Generell ist bei solchen Untersuchungen der Begriff Nistplatztreue
vorab zu definieren: Ist es ein 1m
2 großes Areal indem ein Weibchen z. B. 3 Gelege pro Jahr absetzt oder muss man auch
schon das als Nistplatztreue bezeichnen, wenn ein Weibchen seine Nester jedes Jahr innerhalb eines 1-3 Hektar großen Areals platziert.
Vor diesem Hintergrund wird auch klar, warum die Wissenschaft bessere Daten zur Beurteilung der Bedeutung der Nistplatztreue für das
Erhaltungsmanagement braucht.
Literatur
Diaz-Paniagua, C., Andreu A. C. & C. Keller (2006): Effects of temperature on hatching success in field
incubating nests of spur-thighed tortoises,
Testudo graeca. – Herpetological Journal 16 (3): 249-257 oder
WiF-Archiv.
Leuteritz, T. E. J. & R. Ravolanaivo (2005): Reproductive ecology and egg production of the radiated
tortoise (
Geochelone radiata) in southern Madagascar. – African Zoology 40: 233-242 oder
WiF-Archiv.
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