Wissenschaft im Fokus
Pedrono, M., L. L.
Smith, J. Clobert, M.
Massot & F. Sarrazin
(2004): Wild-captive metapopulation viability analysis. – Biological
Conservation 119: 463-473.
Überlebensanalyse von
Metapopulationen aus wild lebenden und in Gefangenschaft gehaltenen Individuen
Wir entwickelten ein interaktives Managementmodell für die wild lebenden und
in Gefangenschaft lebenden Populationen der madagassischen Schnabelbrustschildkröte
oder Angonoka,
Geochelone yniphora. Interaktives Management basiert auf der
Grundlage, dass ein Austausch zwischen wild lebenden und in Gefangenschaft gehaltenen
Individuen zustande kommt, damit man beide Einzelpopulationen als eine große
Metapopulation ansehen kann. Die demographischen Parameter von einer in Gefangenschaft
gehaltenen Population und zwei frei lebenden Populationen wurden zu einer Metapopulation
zusammengefasst, um eine Metapopulationsüberlebensanalyse (MVA) zu berechnen. Die
Effektivität der vorgeschlagenen Erhaltungsstrategien und Zuchtstrategien, die
für diese Art propagiert werden, wurden anschießend evaluiert, wobei wir die
Chancen (Parameter) für ein Aussterben und die Zuwachsraten innerhalb der
Metapopulation unter Vorgabe einer fixen Überlebenszeit variierten.
Anschließend wurden mehrere unterschiedliche, alternative Szenarios des interaktiven
Managements analysiert und anhand der positiven Auswirkungen für das Überleben
der Metapopulation wurde eine Rangliste erstellt. Das Modell zeigte klar, dass
Katastrophen wie Buschfeuer, die wild lebenden Populationen am negativsten beeinflussen.
Das Modell zeigte auch, dass das Einbringen von in Gefangenschaft gezüchteten
Jungtieren das Risiko des Aussterbens verringern, insbesondere dann, wenn zusätzliche,
räumlich getrennte frei lebende Populationen gebildet werden können, wird das
Überleben der Metapopulation wahrscheinlicher. Wir glauben, dass bei Zugrundelegung
guter wissenschaftlicher Daten über die demographischen Parameter für eine Art
die Populationsentwicklung mittels MVA optimal analysiert werden kann. Diese Ergebnisse
können dann als Bestandteil des interaktiven Managements zur Populationserhaltung
eingesetzt werden. Dabei können wir insbesondere testen, wie sich die verschiedenen
Managementstrategien sowohl auf die in unter menschlicher Obhut gehaltenen als auch auf
die wild lebenden Teilpopulationen auswirken. Einer der besonderen Aspekte dieses
interaktiven Managements ist die Kombination von
in situ (wild lebend) und
ex situ (in Gefangenschaft) Erhaltung.
Anmerkung von H.-J. Bidmon:
Diese Programme zur Populationsentwicklung sind sicher hilfreich, um die vielfältigen
Umwelteinflüsse auf die Überlebenschancen einer Art zu simulieren. In dieser
Studie hat man sich ein gut untersuchtes Paradebeispiel ausgesucht. Allerdings, sind wir
doch mal ehrlich, für wie viele Arten haben wir denn gut abgesicherte wissenschaftliche
Daten über alle zum Überleben notwendigen Faktoren, um solche Langzeitprognosen
wirklich abschätzen bzw. exakt berechnen zu können. Zudem, da ist dann immer noch
der Faktor Mensch, denn für jeden ist wohl ersichtlich, dass nur ein simpler
politischer Machtwechsel auf das Überleben der Angonoka in Madagaskar schwerere Folgen
haben kann als die beste ökologische Managementmaßnahme. Sicher, das angewandte
Programm zeigt, dass die Etablierung mehrerer räumlich getrennter (am besten auch
außerhalb Madagaskars befindlicher) Teilpopulationen, die
Überlebenswahrscheinlichkeit deutlich erhöht. Aber was sagt das aus für das
Überleben im natürlichen Biotop (doch recht wenig, oder?). Ob man dann aber, bei
meist so magerer bio-sozioökonomisch-politischer Datenlage wirklich mithilfe von
Computersimulationen mehr erreichen kann als mit dem einfachen militärstrategischem
Verstand – der da besagt: dass das Verteilen der Truppen über eine
möglichst große Fläche die Chance des Totalausfalls bei einem massiven
Treffer deutlich verringert – bleibt fraglich. Meiner Meinung nach eröffnen uns
solche Computersimulationen zwar weitaus vielfältigere Möglichkeiten, als wir
sie vorher hatten, allerdings entbinden sie uns nicht von der Pflicht, saubere
biologisch-soziologische Daten zu erarbeiten, auf denen diese Simulationen basieren.
Genau hier liegt aber der Fehler, wir haben eine ausgezeichnete Technik, die wir leider
immer noch mit unzureichenden Daten füttern müssen. Wenn wir dann auch noch
diese auf unzureichenden Daten basierenden Simulationsergebnisse (oft bloß weil's
modern ist) als alleinige Parameter zur Entscheidungsfindung propagieren, brauchen wir
uns nicht zu wundern, wenn wir auch in Zukunft mit schweren Rückschlägen
insbesondere im Umweltschutz zu rechnen haben. Selbst wenn dies unwissenschaftlich ist
– ich erinnere mich noch gut an die Computerprogramme zur Simulation der
langfristigen Gartengestaltung (wobei Garten ein recht einfaches Biotop darstellt im
Vergleich zu komplexen, wilden Lebensgemeinschaften) und wie viele der Benutzer waren
nach 5-10 Jahren froh, wenn ihnen dann kein Gärtner, sondern nur noch der
Holzfäller, die dauerschattenspendenden Riesen entsorgen konnte.
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