Wissenschaft im Fokus
Veröffentlicht: 06.03.2011
Pellitteri-Rosa, D., R. Sacchi, P. Galeotti, M. Marchesi & M. Fasola (2010): Do Hermann's tortoises
(Testudo hermanni) discriminate colours? An experiment with natural and artificial stimuli. – Italian Journal of Zoology 77
(4): 481-491.
Können Griechische Landschildkröten (Testudo hermanni) Farben unterscheiden?
Ein Experiment mit natürlichen und artifiziellen Stimuli.
Viele Tiere nutzen chemische und visuelle Signale, um verlässliche Informationen über potentielle Nahrungsressourcen zu gewinnen.
Bei den meisten Reptilien hat die Evolution zur Ausbildung hochgradig spezialisierter chemosensorischer und visueller Fähigkeiten
geführt, insbesondere auch in Bezug auf das Farbsehen, was es ihnen ermöglicht ihre Aufgaben zu meistern. Indem wir den Tieren
sowohl Blüten als auch eingefärbte Pappscheiben in einem Auswahlexperiment mit zwei Wahlmöglichkeiten reichten, untersuchten
wir, ob männliche und weibliche Griechische Landschildkröten (
Testudo hermanni) in der Lage sind, zwischen verschiedenen
Farben zu unterscheiden und ob sie dabei eine Präferenz für bestimmte Farben zeigen. Wir fanden, dass beide Geschlechter in
gleicher Weise Farben unterscheiden können, wobei sich allerdings einige Unterschiede zwischen der Farbauswahl bei den Pappscheiben
oder echten Blüten ergaben. Im Speziellen kam heraus, dass die Schildkrötenmännchen bei den Farbscheiben eine höhere
Bevorzugung für die Farbe Rot zeigten, während bei den echten Blüten beide Geschlechter die rote Blüte nicht beachteten,
wobei es sich um Mohnblüten von
Papaver rhoeas handelte. Dies zeigt, dass Griechische Landschildkröten sehr
wahrscheinlich zwei Systeme, nämlich visuelle und olfaktorische Fähigkeiten nutzen, um Futter auszuwählen und die Aufnahme
von bestimmten Nahrungsbestandteilen wie Mineralien und Karotinoiden zu optimieren. Unsere Ergebnisse zeigen eindeutig, dass diese
Landschildkröten die Farbe Gelb bevorzugen, was andeutet, dass sie nach dem Karotingehalt selektieren. Diesbezüglich diskutieren
wir die potentielle Bedeutung dieser Befunde.
Kommentar von Hans-Jürgen Bidmon
Beim Lesen dieses Abstracts können Sie mit Recht anmerken, dass das doch längst bekannt ist, denn alle
Wasserschildkrötenhalter kennen solche Farbpräferenzen und zumindest nach den Arbeiten von Simang et
al. (2010) und Wilkinson et al. (2007, 2010) sollte klar sein, dass dies auch auf Landschildkröten
zutrifft. Insofern haben die Autoren das halt hier nun auch explizit für T. hermanni
bestätigt. Der Reiz dieser Arbeit liegt
jedoch in der Bedeutung der Ergebnisse, die so nebenbei erzielt wurden. Zum einen, hätten Sie auch auf Gelb getippt? Ich habe
eigentlich von vielen, die sich dazu in der Vergangenheit äußerten, eher Rot gehört! Die zweite, eigentlich bedeutendere
Nebensächlichkeit ist darin zu sehen, dass die zweitliebste Farbe bei den geruchlosen Scheiben durchaus die Farbe Rot war, nicht aber
bei den echten Mohnblüten, was die Autoren darauf zurückführen, dass Mohn auch giftige Alkaloide enthält, so dass die
Schildkröten bei der olfaktorischen Erkennung solcher Stoffe dann eher auf ihren Geruchsinn vertrauen als auf das Sehsystem und bei
freier Auswahl, dann doch lieber eine andere Farbe wählen, die mit keinem gefährlichen Geruch assoziiert ist – auch wenn
Mohn in Italien zu den Futterpflanzen gehört, denn in dieser Studie wurden nur Blüten von potentiell im Freiland genutzten
Futterpflanzen zur Auswahl angeboten. Doch auch bei den Gelbtönen wurde eindeutig Hellgelb einem Dunkelgelb vorgezogen. Dieser Befund
war in Bezug auf die echten Blüten auch Anlass für die Autoren nach dem Grund zu fragen, und – wie sie in ihrer
ausführlichen Diskussion darlegen –, scheinen die Schildkröten die höchste Präferenz für Gelbfarbtöne zu
haben, die einen hohen Karotinoidgehalt signalisieren. Dieser Befund wird auch in der Diskussion sehr ausführlich abgehandelt, so dass
diese Arbeit auch dadurch glänzt, dass sie eine gute Literaturquelle für die Bedeutung der zur Vitamin A-Synthese notwendigen
Karotinoide und ihrer Metabolite sowie deren Bedeutung für die Reptilienernährung darstellt. In diesem Zusammenhang möchte
ich auch gleich auf ein durchaus gelungenes Buch über Futterpflanzen für Schildkröten hinweisen, das bislang leider nur in
Italienisch verfügbar ist (Dovesi et al. 2010). Insofern finde ich diese Arbeit für durchaus
lesenswert und gehaltvoll, da sie uns wie die Arbeit von (Henen et al. 2005), die ja auch andeutet, dass die
dort untersuchten südafrikanischen Landschildkröten Pflanzen nach der Höhe des Kohlehydrat-, Eisen- und Phosphatgehalts
auswählen, daran erinnert, durchaus alles noch mal genau zu beleuchten und zu überdenken. Denn auch da würde man ja nach den
gängig gehandelten Ernährungstabellen für Schildkröten eher erwarten, dass sie nach niedrigem Phosphatgehalt selektieren
müssten. Warum sie in der Natur genau das Gegenteil machen, lässt sich so einfach nicht beantworten, aber es sollte uns daran
erinnern, dass eben nicht alles so sein muss, wie wir als Halter oder einige hauptsächlich an Säugetieren ausgebildete
Veterinäre es sich denken und uns erzählen. Forschung beruht darauf, dass man möglichst unvoreingenommen auf das schaut, was
man in der Natur beobachtet und dabei versucht, auch Neuem gegenüber offen zu sein. Denn wer immer mit einer felsenfest vorbestimmten
Meinung an eine Sache herangeht, wird sehr oft scheitern, denn gerade Neues bislang noch nicht Bekanntes passt ja per se noch in keines der
bekannten Schemata, sonst wäre es ja nicht neu. Und da müssen wir uns als Halter und auch als akademisch vorgebildete
Veterinäre und Biologen einfach eingestehen, dass bis jetzt an Schildkröten vergleichsweise wenig geforscht wurde und auch in der
Ausbildung noch weniger an Wissen vermittelt wurde, und es somit, was diese Tiere anbelangt, für uns alle wohl noch etliches unerwartet
Neues zu erkennen und zu verstehen gibt.
Literatur
Dovesi, M., L. Pietta & D. Donati (2010): Principi di alimentazione per tartarughe e altri rettili
erbivori. – Ravenna, Italien (TestudoEdizioni) 356 S.
Henen, B. T., M. D. Hofmeyr, R. A. Balsamo & F. M. Weitz (2005): Lessons from the food choices of the
endangered geometric tortoise
Psammobates geometricus. – South African Journal of Science 101 (9-10): 435-438 oder
WiF-Archiv.
Simang, A., P. L. Cunningham & B. T. Henen (2010): Color Selection by Juvenile Leopard Tortoises
(
Stigmochelys pardalis) in Namibia. – Journal of Herpetology 44 (2): 327-331 oder
WiF-Archiv.
Wilkinson, A., H. M. Chan & G. Hall (2007): Spatial learning and memory in the tortoise (
Geochelone
carbonaria). – Journal of Comparative Psychology 121 (4): 412-418 oder
WiF-Archiv.
Wilkinson, A., K. Kuenstner, J. Mueller & L. Huber (2010): Social learning in a non-social reptile
(
Geochelone carbonaria). – Biology Letters: 6 (5): 614-616 oder
WiF-Archiv.
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