Wissenschaft im Fokus
Pike, D. A. & J. C.
Stiner (2007): Sea turtle species vary in their
susceptibility to tropical cyclones. – Oecologia 153 (2): 471-478.
Meeresschildkröten variieren in Bezug auf die
Anfälligkeit gegenüber Zyklonen
Schwerwiegende klimatische Effekte wirken sich auf alle Spezies aus, aber
bislang gibt es wenige quantitative Befunde, wie sympatrisch vorkommende Spezies
auf solche Situationen reagieren. Wir verglichen die saisonabhängige
Reproduktion von sympatrisch nistenden Meeresschildkröten mit der
dazugehörigen Anfälligkeit gegenüber tropischen Zyklonen (in
dieser Studie benutzen wir den Begriff tropische Zyklone für
Tropenstürme und Hurrikane), die aufgrund des globalen Klimawandels in
ihrem Schweregrad zunehmen. Stürme senkten signifikant die
Reproduktivität der Schildkröten durch eine Reduzierung der Anzahl von
Nestern aus denen Schlüpflinge schlüpften und senkten die Anzahl der
erfolgreich schlüpfenden Schlüpflinge in den anderen Nestern.
Allerdings variierten diese Auswirkungen je nach Spezies.
Lederrückenschildkröten (
Dermochelys coriacea) beginnen ihre
Nistsaison sehr früh im Jahr, so dass deren Schlüpflinge
geschlüpft waren, bevor die Saison der Tropenstürme begann, so dass
sie nur wenig davon betroffen waren. Unechte Karettschildkröten
(
Caretta caretta) zeigen eine intermediäre Nistsaison, so dass nur
deren sehr spät abgelegten Nester von Sturm-bedingten
Salzwasserüberschwemmungen betroffen waren. Suppenschildkröten
(
Chelonia mydas) nisten als Letzte, und ihre gesamte Nistsaison
fällt mit der Sturmsaison zusammen, was dazu führte, dass sie die
Mehrheit (79 %) ihrer Nester im September verloren, einer Zeit zu der die
Wahrscheinlichkeit für Tropenstürme sehr hoch ist. Weil deren Nistzeit
erheblich mit der Sturmsaison überlappt, sind ihre Nester besonders
gefährdet, von Salzwasser überflutet zu werden. Eine Zunahme beim
Schweregrad tropischer Zyklone könnte den gesamten Reproduktionserfolg von
Suppenschildkröten in der Zukunft zunichte machen. Im Gegenzug dazu geht
aus der Literatur hervor, dass Unechte Karettschildkröten als Reaktion auf
höhere Temperaturen des Oberflächenwassers der Meere in Folge des
Klimawandels früher nisten und ihre Nistsaison verkürzen. Letzteres
könnte den Reproduktionserfolg von Unechten Karettschildkröten in der
Zukunft sogar steigern, denn mehr Nester würden dann noch vor dem Beginn
der Sturmsaison schlüpfen. Unsere Daten lassen vermuten, dass sympatrisch
nistende Spezies, die die gleichen Niststrände aufsuchen unterschiedlich
von Zyklonen betroffen werden, was durch die kleinen zeitlichen Unterschiede in
Bezug auf den Beginn ihrer jeweiligen Nistsaison bedingt wird, die eine
Schlüsselstellung für ihr Leben haben.
Anmerkung von H.-J. Bidmon:
Eine Arbeit, die zeigt, wie genau man für die jeweilige Art hinschauen
muss, um die Auswirkungen zu erfassen, denn es gibt auch Arbeiten, die nur
geringe Effekte beschreiben. Zudem lässt die Arbeit erahnen, an was sich
Meeresschildkröten, um zu Überleben, sowohl in der Vergangenheit als
auch in der Zukunft anpassen müssen und wie unterschiedlich die jeweiligen
Spezies in Bezug auf die Nistsaison betroffen sind. Gerade da macht sich
Variabilität in einer Population bezahlt, die wenigen früh ablegenden
Suppenschildkröten, die wenn man nur auf die Durchschnittswerte schaut, als
Ausreißer gelten würden, scheinen unter solchen Szenarien jene mit
dem größten Potential zur Populationserhaltung zu sein. Zieht man
aber auch in Betracht, dass Hybridbildung bei Meeresschildkröten zur
Biologie dazu gehört (Bowen & Karl (2007):
Population genetics and phylogeography of sea turtles. – Molecular Ecology
16 (23): 4886-4907 oder SiF 1/08;
Lara-Ruiz et al. (2006): Extensive hybridization in
hawksbill turtles (Eretmochelys imbricata
) nesting in Brazil revealed
by mtDNA analyses. – Conservation Genetics 7 (5): 773-781. oder
SiF 4/06), dann kann man sich auch fragen, wie
würden sich die Hybriden verhalten, oder würde das genetische Erbe der
Suppenschildkröten nicht auch dann für die Zukunft erhalten werden,
wenn sich einige Suppenschildkröten-Männchen mit den früher
ablegenden Lederrückenweibchen paaren? Ich denke, man kann getrost davon
ausgehen, dass solche Dinge schon passiert sind, als unsere eigenen Vorfahren
noch nicht mal auf zwei Beinen gingen. Warum sollten wir also heute der Natur
ins Handwerk pfuschen? Sicher, dass mag sich jetzt so anhören als sei
Hybridbildung oder zumindest Polyandrie auf Teufel komm raus zu favorisieren
– dem ist nicht so! Wir sollten aber genau hinschauen, wo und bei welcher
Tiergruppe sie zur natürlichen Überlebensstrategie gehören mag.
Denn in der Natur gibt es alles, das ist den meisten von Kranichen,
Schwänen und etlichen anderen, die in Einehe leben bekannt, und bringt
für deren Lebensweise und Reproduktion auch klare Vorteile, allerdings
sollte man genauso wertfrei eben auch die anderen Möglichkeiten sehen, und
sie bei Erhaltungsmaßnahmen entsprechend berücksichtigen.
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