Wissenschaft im Fokus
Veröffentlicht: 19.12.2010
Polo-Cavia N., A. Gonzalo1, P. López & J. Martín (2010) Predator Recognition of Native (Euopean Pond)
but not invasive Turtle Predators (red-eared sliders) by naïve anuran tadpoles – Result- sliders out compete native turtles for food.
– Animal Behaviour 80 (3): 461-468 pp.
Beutegreiferwahrnehmung naiver Anuren Larven für Europäische Sumpfschildkröten aber nicht für
invasive Schildkröten (Rotwangenschmuckschildkröten) – Schmuckschildkröten verdrängen einheimische
Schildkröten durch Nahrungskonkurrenz.
Der Einfluss fremder Beutegreifer auf die Populationen der Beutetiere ist bei Erhaltungsbiologen bekannt. Es gibt jedoch wenige
Informationen darüber welche negativen Auswirkungen sich durch diese von invasiven, ausgewilderten, exotischen Arten ausgehende
Nahrungskonkurrenz für die einheimische Beutegreiferpopulationen ergeben. Auf der iberischen Halbinsel wurde die
Rotwangenschmuckschildkröte (
Trachemys scripta elegans) und andere exotische Süßwasserschildkröten
eingeführt, die mit den bedrohten einheimischen, europäischen und maurischen Sumpfschildkröten (
Emys orbicularis und
Mauremys leprosa) konkurrieren und diese verdrängen. Obwohl bislang die Gründe für den Konkurrenzkampf unbekannt
sind ist eine direkte Konkurrenz um die verfügbare Nahrung sehr wahrscheinlich. Beide, einheimische sowie invasive
Süßwasserschildkröten sind bekannt dafür, dass sie sich von Amphibienlarven (Kaulquappen) ernähren. Für
einheimische naive Kaulquappen ist ein angeborenes Beutegreifervermeidungsverhalten bekannt. Sie reagieren auf einheimische, lokal
vorhandene Beutegreifer, auch wenn sie erstmals mit ihnen in Kontakt kommen. Es ist unbekannt, ob sie auf invasive Beutegreifer auch
entsprechend reagieren, da sie ja mit letzteren keine Coevolution durchlaufen haben.
Wir untersuchten bei den Larven von vier einheimischen Anurenarten der iberischen Halbinsel die Fähigkeit auf chemische Signale von
invasiven und einheimischen Beutegreiferschildkröten zu reagieren. Larven von drei der vier getesteten Spezies reduzierten ihre
Schwimmaktivität, wenn sich Signalstoffe von einheimischen Schildkröten im Wasser befanden, sie reagierten jedoch nicht auf die
Signalstoffe der exotischen, invasiven Schildkröten. Diese Unfähigkeit der Kaulquappen initial auf die chemischen Signale
invasiver Schildkröten zu reagieren könnte mit ein Grund für die Verdrängung einheimischer, iberischer
Schildkrötenpopulationen durch invasive Schildkröten sein. Letzteres könnte auch erklären warum die fremden
Prädatoren sich manchmal besser in neuen Habitaten entwickeln und ausbreiten als die Prädatoren die natürlicherweise lokal
vorkommen.
Kommentar von Hans-Jürgen Bidmon
Hierbei handelt es sich wirklich um eine gute und nachdenklich stimmende Studie. Denn sie liefert erstmals klare Anhaltspunkte dafür,
warum invasive Wasserschildkröten sich gegenüber den einheimischen Arten durchsetzen können, obwohl es sicher auch noch
andere Gründe geben mag. Sie zeigt auch wie komplex die Zusammenhänge innerhalb dieser Ökosysteme sein können.
Allerdings möchte ich auch etwas auf das oben angeführte „nachdenklich stimmende“ eingehen, denn wenn es diese
Zusammenhänge gibt, dann müsste man auch überlegen, ob es Sinn ergibt zum Beispiel neue Biotope für die Auswilderung
oder Wiederansiedlung einheimischer Sumpfschildkrötenarten anzulegen, zumindest dann, wenn vor Ort gefährdete und geschützte
Amphibienarten vorkommen, denn ohne zu wissen wie diese auf die ausgewilderten oder wieder angesiedelten Schildkröten reagieren,
könnte man diese dadurch einer weiteren Gefährdung aussetzen. Was langfristig, wenn die Schildkröten die Amphibienpopulation
dezimiert haben auch deren eigene Ernährungsgrundlagen gefährden könnte. Aber auch im umgekehrten Fall könnten intakte
Anurenpopulationen aus energetischer und ernährungsphysiologischer Sicht auch eine grundlegende Voraussetzung für die Erholung
gefährdeter Sumpfschildkrötenbestände sein.
Das einzige was mich an der obigen Arbeit etwas verwundert ist die Feststellung, dass
Trachemys scripta sich von Kaulquappen
ernährt. Das hätte ich eher für
Clemmys guttata und
Emydoidea blandingii erwartet
(
Beaudry et al. 2009).
In Bezug auf die Haltung von Wasserschildkröten stellt sich hier die Frage wie wichtig sind Amphibienlarven für deren Fortbestand
und Entwicklung und bei welchen Arten machen sie einen wichtigen Nahrungsbestandteil aus? Denn wenn dem so sein sollte, dass das Dezimieren
der Kaulquappenbestände schon ausreicht um einheimische Schildkrötenarten durch Nahrungskonkurrenz zu verdrängen, dann muss
man davon ausgehen, dass sie einen wichtigen Faktor darstellen. Das könnte sogar sein, denn ich kenne z.B. eine Anlage in der etliche
amerikanische Wasserschildkröten und
Emys orbicularis ganzjährig in Außenanlagen gehalten werden und in der es sehr
viele
Rana esculenta gibt die sich dort auch vermehren. Gerade der Schildkrötennachwuchs gedeiht prächtig in dem er im
Frühjahr und Frühsommer von Kaulquappen lebt. Dem gegenüber liest man in der Literatur zur Schildkrötenernährung
relativ wenig über Kaulquappen als Nahrungsbestandteile, so dass man fast meinen könnte, dass alle
Süßwasserschildkröten eher insektivor oder molluskivor seien. (Übrigens auch Würmer werden so gut wie nie
erwähnt bei der Auswertung von Magenspülungen oder Kotproben). Macht man da einen Fehler nur weil man in den Magenspülungen
und Kotproben zwar die harten Bestandteile des Exoskeletts von Insekten und Krebstieren, sowie die harten Schalenreste von Schnecken und
Muscheln leichter identifizieren kann als das was von zarthäutigen, weichen Kaulquappen (und Würmern) übrig bleibt? Wenn dem
so wäre müsste man eigentlich bezogen auf die Wasserschildkrötenhaltung in Zoos und privaten Nachzuchtprogrammen einmal
darüber nachdenken die Inhaltsstoffe von Kaulquappen zu analysieren, um diese Daten dann als Grundlage für ein
vermarktungsfähiges Kunstfutter zu nutzen. Vielleicht wäre man damit dann wesentlich näher an einer natürlichen,
optimalen Ernährung als mit dem was wir heute so als Ersatzfutter nutzen. Da viele Kaulquappen sich auch herbivor von Algenaufwuchs und
pflanzlichem Detritus ernähren und ihr Darm meist damit gefüllt ist könnte das eine wichtige Nahrungskomponente für
karnivore Arten oder Entwicklungsstadien sein (s.
Bidmon 2010).
Literatur
Beaudry, F., P. G. deMaynadier & M. L. Hunter (2009): Seasonally Dynamic Habitat Use by Spotted
(
Clemmys guttata) and Blanding's Turtles (
Emydoidea blandingii) in Maine. – Journal of Herpetology 43 (4): 636-645
oder
WiF-Archiv.
Bidmon, H.-J. (2010): Karnivore Schildkröten: Was ist ihr handelsübliches Futter eigentlich wert?
Oder: Die Bedeutung des Darminhalts der Futtertiere. –
Schildkröten im Fokus, Bergheim 7 (1) 2010: 3-18.
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