Wissenschaft im Fokus
Poschadel, J. R., Y.
Meyer-Lucht & M.
Plath (2006): Response to chemical cues from
conspecifics reflects male mating preference for large females and avoidance of
large competitors in the European pond turtle, Emys orbicularis.
– Behaviour 143: 569-587.
Die Reaktion auf chemische Signale von Artgenossen
reflektiert die Paarungspräferenz der Männchen für
große Weibchen und die Vermeidung eines Zusammentreffens mit
großen Konkurrenten bei der Europäischen Sumpfschildkröte,
Emys orbicularis
Wir untersuchten die chemische Kommunikation bei männlichen und
weiblichen Sumpfschildkröten (
Emys orbicularis). In
simultanen binären Auswahltests wurden einem bestimmten Tier Pheromone
von Artgenossen oder eine Kammer mit unbehandeltem Wasser zur Auswahl
angeboten. Die Weibchen zeigten weder gegenüber weiblichen noch
männlichen Signalen Auswahlverhalten. Im Gegensatz dazu bevorzugten die
Männchen den Geruch von Weibchen im Vergleich zu unbehandeltem
Wasser, was vermuten lässt, dass Männchen aktiv nach Weibchen
suchen. Die Stärke der Präferenz war positiv korreliert mit dem
Körpergrößenunterschied zwischen dem Weibchen (von dem
der Duft stammte) und dem getesteten Männchen, was andeutet, dass
Männchen eine Paarungspräferenz für große Weibchen
zeigen. Der Reproduktionserfolg der Weibchen ist bei
E. orbicularis
positiv korreliert mit der Körpergröße der Weibchen, was eine
Erklärung für die Auswahlpräferenz der Männchen
darstellen könnte. Es gab keine generelle Auswahlpräferenz bei den
Testmännchen für die Gerüche, die von anderen
Männchen stammten. Allerdings war die Stärke einer zu
beobachtenden Präferenz negativ korreliert mit der
Körpergrößendifferenz der Männchen. Dabei zeigte sich,
dass Männchen ein Zusammentreffen mit größeren
Männchen vermeiden, während sie kleinere aufsuchen. Dieses
Verhalten zeigt, dass die Männchen Dominanzhierarchien bilden, wobei
große Männchen die kleineren aggressiv attackieren. Somit scheint es
so zu sein, dass die weit reichende chemische Kommunikation es den
Männchen ermöglicht, das Risiko von energieverbrauchenden,
aggressiven Interaktionen zu minimieren. Dies ist nach unserem Wissensstand, die
erste Studie über die Bedeutung von chemischen Signalen zur Inter- und
Intrasexuellen Kommunikation bei der Europäischen Sumpfschildkröte.
Anmerkung von H.-J. Bidmon:
Eine sehr gute Arbeit, die insbesondere auch für die vielen Halter von
E. orbicularis
interessante Informationen enthält. Denn wenn
die Tiere so auf diese Signale reagieren, ist damit zu rechnen, dass wenn sich zum
Beispiel Männchen nicht ausweichen können, ein Haltungsstress
entsteht. Dabei zeigt sich auch, da die Pheromone ja gelöst im Wasser
übertragen werden, dass aller Wahrscheinlichkeit nach das Einbringen einer
Trennvorrichtung, die nicht wasserdicht ist, vor Stress nicht schützt, da sich
die Kontrahenten immer noch riechen können. Das solche Situationen zu
Haltungs- bzw. auf Dauer zu Gesundheitsproblemen führen können,
ist bekannt (siehe. Wright et al. 2005, Exotic DVM.
7 (4): 11-15 oder Zusammenfassung in
Schildkröten im Fokus 1-2006).
Indirekt zeigt aber auch diese Arbeit, dass die Tiere eine Gedächtnisleistung
haben und lernfähig sind, denn sie merken sich, wie sich die Pheromone
verschieden großer Artgenossen/innen unterscheiden und wie sie sich
daraufhin artgerecht zu verhalten haben. (Mal vereinfacht gesagt: In ihrer Umwelt
sind sie sehr wohl dazu fähig zu lernen, wie man einem stärkeren
Feind aus dem Weg geht, oder wie man einen begehrten Sexualpartner nach
Möglichkeit nachstellt. Ist dass wirklich so sehr verschieden zu dem, was so
mancher „Schuljunge“ an intelligentem Verhalten auf so manchem
Heimweg an den Tag legt?). Insofern ist fast jedes Lebewesen lernfähig,
wobei natürlich und vielleicht aus energetischen Gründen nur Dinge
erlernt werden, die für die jeweilige Spezies in ihrer Umwelt
überlebensnotwendig sind, die dann aber meist deutlich besser, als wir es
von uns selbst her kennen. Sicher kann man sich auf den Standpunkt stellen und
sagen, dass sei ja alles nur Umweltanpassung oder gar nur instinktgesteuerte
Umweltanpassung. Aber dann kann ich auch sagen, dass das letztendlich auch auf
uns zutrifft. Wir mussten uns nur am Ende der Nahrungskette an eine etwas
komplexere Umwelt anpassen in der zum Beispiel „Rechnen
Können“ einen innerartlichen Selektionsvorteil haben kann.
Andererseits aus Sicht von Emys orbicularis
wären wir
„Faulschlammdoof“, weil wir unter Wasser weder unsere Partner
noch unsere Feinde früh genug ohne Hilfsmittel erkennen könnten.
Daraus lässt sich leicht erkennen, wie die Evolution und der Selektionsdruck
auch uns formen, denn für uns ist abstraktes Denkvermögen mit
einem Selektionsvorteil verbunden, so dass wir uns so genannte Hilfsmittel
konstruieren können. Insofern nutzt es nichts, sich um ungelegte Eier zu
streiten, sondern man muss schon die Dinge etwas differenzierter betrachten, wenn
man ein artspezifisches Basislernverhalten von abstraktem Denkvermögen
und dem daraus resultierenderen, komplexeren Lernverhalten unterscheiden will.
Beiden gemeinsam ist nur, dass jede Form von bekanntem Lernverhalten sowohl
einem umweltbedingten wie innerartlichem Selektionsdruck unterliegt.
Zum Seitenanfang
Tipp:
Benutzen Sie die Suchfunktion unserer Homepage, so können sie
einfach und schnell unsere Seiten nach einem bestimmten Begriff durchsuchen.