Wissenschaft im Fokus
Quinn, A. E., A.
Georges, S. D.
Sarre, F.
Guarino, T.
Ezaz & J. A.
Marshall Graves (2007): Temperature sex reversal
implies sex gene dosage in a reptile. – Science 316: 411.
Temperaturabhängige Geschlechtsumwandlung impliziert
Sexgendosierung bei einem Reptil
Diese Kurzmitteilung hat kein Abstract deshalb hier eine kurze Zusammenfassung.
Die Arbeit beschreibt, dass die Bartagame,
Pogona vitticeps wie
allgemein bekannt eine von Geschlechtschromosomen abhängige
Geschlechtsbestimmung aufweist und zwar wie bei Vögeln eine so genannte
weibliche Heterogametie mit ZZ (männlich) und ZW (weiblich). Im Gegensatz
dazu steht die für Säugetiere bekannte männliche Heterogametie,
wo die Chromosomenpaarung XX (weiblich) und XY (männlich) ergibt. Die
Autoren stellen nun in einem eindrucksvollen Experiment dar, dass sich innerhalb
eines Temperaturbereichs von 22 °C bis 32 °C ein ausgeglichenes
Geschlechterverhältnis entwickelt, welches dem genetisch ererbten
entspricht. Steigen die Inkubationstemperaturen aber auf 34,5 °C und
höher schlüpfen signifikant mehr Weibchen, selbst dann noch, wenn man
alle abgestorbenen Embryonen per se als Männchen deklarieren würde.
Diese durch die Temperaturbedingungen zu Weibchen umgewandelten männlichen
Genotypen haben auch ZZ-Chromosomen. Die Autoren erklären den Befund
dadurch, dass die Anzahl bestimmter Gene die Proteinmenge bestimmt, die pro
Zeiteinheit gemacht werden kann, und die Proteinmenge und deren
Kombinationsmöglichkeiten führen dazu, dass sich bei der Konstellation
ZZ Männchen entwickeln und sich bei ZW – also nur ein Z und die
Hälfte an Z-Genprodukt (Protein) – Weibchen entwickeln. Hohe
Temperaturen scheinen die Synthese der Z-Genprodukte so zu hemmen, dass sich
solche Individuen dann wie Weibchen entwickeln. Die Autoren schließen
vorerst daraus, dass auch Reptilien mit genotypischer Geschlechtsbestimmung in
unvorteilhafter Weise von der globalen Erderwärmung betroffen werden
können.
Anmerkung von H.-J. Bidmon:
Ja, warum dieses Abstract in einer Schildkrötenzeitschrift? Nun, weil
es einen sehr allgemeinen Aspekt betrifft und insgesamt am Fundament der
temperaturabhängigen Geschlechtsbestimmung (TSD oder ESD) rüttelt.
Deshalb erfolgte wohl auch die Publikation in der renommierten Science. Sicher,
ich sehe nicht die Gefahr, dass die globale Erwärmung zum Aussterben dieser
Arten führt, denn, wie einige Studien zeigen, sorgen ja gerade
fluktuierende natürliche Tag-Nacht-Temperaturschwankungen für
weitgehend ausgeglichene Geschlechterverhältnisse (siehe
Booth (2006): Physiological and Biochemical Zoology
79 (2): 274-281 oder WiF-Archiv;
Freedberg & Taylor
(2007): Journal of Evolutionary Biology 20 (1): 213-220 oder
SiF 4/06). Das kann man auch durchaus daraus
schließen, dass Reptilien wohl schon mehrere Warmzeiten im Verlauf der
Evolution überstanden haben. Nun aber die Frage, könnte das auch auf
Schildkröten zutreffen? Sicher, viele werden sagen, nein, dafür gibt
es gar keine Anhaltspunkte. Aber Vorsicht, bislang war man selbst bei den
Schildkrötenarten, die eine klare genetische Geschlechtsbestimmung (GSD)
aufweisen, nur in vier Fällen in der Lage, Geschlechtschromosomen nachzuweisen
(siehe Ezaz et al. (2006) Chromosome Research 14
(2): 139-150 oder WiF-Archiv), weil einige wie bislang
in einem Fall nachgewiesen anscheinend
Sexmikrochromosomen haben, die nicht ohne aufwändige Spezialanalysen zu
dokumentieren sind. Sollte sich also herausstellen, dass auch andere
Schildkrötenarten einschließlich derer mit bis heute an Hand von
empirischen Befunden beschriebener TSD solche Sexmikrochromosomen tragen,
müsste man sich eventuell von der Vorstellung einer reinen TSD
verabschieden. Sicher, in der belebten Natur kann man Nichts wirklich
ausschließen, und man ist meist gut beraten, sich darauf
zurückzuziehen, dass man sagt: Man hat es noch nicht nachgewiesen, aber
dass schließt noch nichts endgültig aus! Aus diesem Grund kann ich
mir sehr wohl vorstellen, dass all diese Möglichkeiten der
Geschlechtsfestlegung mit diversesten Übergängen nebeneinander
existieren. Aber wir sollten dennoch auch als Schildkrötenhalter diese
diskutierten Optionen im Hinterkopf behalten, denn manche der Phänomene,
die wir oft nur sporadisch beobachten, wie z. B. den Schlupf eines
Männchens bei 32 °C, obwohl es hätten Weibchen sein sollen s.
(Fife (2006): S. 505-510 in
Artner, Farkas,
Loehr (Hrsg.): Turtles); oder die Existenz
einzelner Weibchen mit großer Klitoris, wie auch vielleicht so manche
Deformationen könnten auch das Ergebnis von solchen durch z.B. konstant
hohe Inkubationstemperaturen verursachten (erzwungenen) Geschlechtsumwandlungen
bei der einen oder anderen Schildkrötenspezies darstellen (siehe auch
Dodd et al. (2006): Journal of Herpetology 40 (4):
544-549 oder WiF-Archiv). Das ist etwas, worüber
man in einigen wissenschaftlichen Kreisen zumindest schon diskutiert.
Allerdings, und das zeigt auch schon die oben angeführte Arbeit, wird ganz
klar, dass die Gene wirklich nur einen Bauplan darstellen und dass letztendlich
der Phänotyp eines jeden Individuums oder der Mitglieder einer
Lokalpopulation auch von der Umwelt geprägt werden (sprich in diesem Fall
von der Temperatur), sodass letztendlich die Proteine als Bausteine des
Phänotyps sowohl Form als auch das Geschlecht des individuellen
Phänotyps festlegen, auch dann, wenn wie in diesem Fall, zwei
männliche Geschlechtschromosomen vorliegen. Insofern ist auch diese Arbeit
zum einen ein gutes Beispiel für wohl eines der basalen epigenetischen
Phänomene und gleichzeitig dafür, dass die Umweltbedingungen einen
Einfluss auf die phänotypischen Merkmale haben, was auch in Bezug auf die
Systematik erklärt, warum nicht alle nach „Lokal-Phänotyp“
unterscheidbaren Schildkröten z. B. des T.-graeca
-Komplex auch
gleich genetisch als eigene Art zu charakterisieren sind (s.
Fritz et al. (2005): Molecular Phylogenetics and
Evolution 37 (2): 389-401 oder WiF-Archiv;
Fritz et al. (2007): Amphibia-Reptilia 28 (1):
97-121 oder WiF-Archiv;
Siroky & Fritz (2007): Biologica
Bratislava, 62: 1-4 oder WiF-Archiv).
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