Wissenschaft im Fokus
Veröffentlicht: 06.03.2011
Quinton I. J., M. D. Hofmeyr & B. T. Henen (2010): Seasonal and Site Variation in Angulate Tortoise
Diet and Activity. – Journal of Herpetology 44 (1): 124-134.
Saisonale und Standortvariationen bezüglich der Nahrung und Aktivität bei der Schnabelbrustschildkröte.
Wir wissen nicht, ob die Verfügbarkeit von Futterpflanzen einen primären Faktor darstellt, der es den
Schnabelbrustschildkröten ermöglicht, eine Vielzahl von Habitaten entlang der Süd- und Westküste Südafrikas zu
besiedeln. Hier verwendeten wir einzelne Beobachtungsperioden, um die Nahrung der Schnabelbrustschildkröten während der vier
Jahreszeiten an zwei distinkten Orten im südwestlichen Kap zu untersuchen, nämlich im West Coast National Park (WCNP) und auf der
Insel Dassen (Dassen Island; DI). Saisonale Schwankungen von Temperatur, Regenfällen und der Futterpflanzenverfügbarkeit
beeinflussten das Aktivitätsmuster und die Fressaktivität der Schnabelbrustschildkröten. Die Schildkröten waren
während der Regenzeit (Winter und Frühjahr) wesentlich aktiver als in der Trockenzeit (Sommer und Herbst). Die Nahrung variierte
sowohl zwischen den Standorten als auch mit den Jahreszeiten. Die Schildkröten des WCNP fraßen sehr unterschiedliche Nahrung,
wozu Gräser, Sträucher, Kräuter und Sukkulenten zählten, während die Schildkröten auf DI hauptsächlich
Kräuter nutzten. Die Schildkröten auf DI hatten eine deutlich verringerte Futterauswahl zur Verfügung als jene im WCNP. Aber
an beiden Standorten bestand das Futter während der Regenzeit aus Kräutern und deren Keimlingen. Das Nahrungsspektrum
während der Trockenzeit beschränkte sich auf trockenes Pflanzenmaterial. Die Schildkröten auf der DI ergänzten ihr
trockenes Pflanzenfutter, während der Trockenzeit mit Kaninchenkot, der mehr als 27 % der Nahrung während des Sommers und Herbstes
ausmachte. Dieses opportunistische Verhalten in Bezug auf die Nahrungsauswahl ermöglicht es den Schnabelbrustschildkröten eine
Vielzahl an unterschiedlichen Habitaten zu besiedeln. Ihr Vorkommen und Überleben in stark gestörten Gebieten ist sehr
wahrscheinlich wesentlich vom Vorhandensein von leicht verdaulichen Kräutern während der Regenzeit abhängig, die es ihnen
ermöglichen die meist inaktiv verbrachte Trockenperiode zu überstehen, die mit einer niedrigen metabolischen Rate einhergeht.
Kommentar von Hans-Jürgen Bidmon
Diese Arbeit liefert zum einen eine sehr schöne Zusammenstellung des natürlichen Nahrungsangebots für
Schnabelbrustschildkröten und beschreibt zum anderen sehr ausführlich ihr Aktivitätsmuster während des Tages und
während der Jahreszeiten. Grundsätzlich zeigen die Daten, dass die Schildkröten die meiste Zeit inaktiv sind und dass sich
die Aktivität mit der Saison verändert (siehe auch Ramsay et al. 2002,
Joshua et al. 2005). Im WCNP, das trockener ist, werden im Herbst wieder ein paar trockene Pflanzenteile
gefressen, während die Schildkröten im Sommer gar nicht beim Fressen beobachtet werden konnten. Hier zeigt sich also klar, dass es
zu einer Trockenruhe mit reduzierter metabolischer Aktivität während der Sommermonate kommt, die auch zum Teil noch über den
Herbst bis zum Beginn der nächsten Regenzeit anhält (siehe auch Kommentar zu Ritz et al. 2009). Im
Gegensatz scheint zumindest die Luftfeuchte und vielleicht auch die Taubildung auf der Insel Dassen, dafür zu sorgen, dass die
Schildkröten auch im Sommer etwas aktiver bleiben, und hier beschränken sie sich nicht nur auf trockene Kräuter, sondern mehr
als ein Viertel der Trockenzeitnahrung besteht aus leicht verdaulichen relativ energiereichen Kaninchenkot der ja auch, wie
Walde et al. (2006) beschreiben, von amerikanischen Gopherschildkröten genutzt wird. Also auch hier ein
klarer Beleg dafür, dass selbst in der Natur in Habitaten, in denen die klimatischen Bedingungen etwas mehr Aktivität zulassen
auch leichtverdauliche energiereichere Nahrung genutzt wird, selbst wenn die aus dem noch energiereichen Kot (siehe Kommentar zu
Walde 2006, Pemberton & Gilchrist 2009) anderer Tiere besteht. Siehe auch
Bidmon 2009 und die dort zitierte Literatur).
Literatur
Bidmon H-J. (2009) Ernährungsgrundlagen und Darmpassagezeiten bei herbivoren Landschildkröten –
oder wie selektierende Nahrungsgeneralisten auch unter extremen Bedingungen überleben: Eine Übersicht
Schildkröten im Fokus, Bergheim 6 (1): 3-26.
Joshua, Q. I., M. D. Hofmeyr, B. T. Henen, & F. M. Weitz (2005): Seasonal changes in the vegetation of
island and mainland habitats of angulate tortoises in the Western Cape, South Africa. – South African Journal of Science 101 (9-10):
439-445 oder
WiF-Archiv.
Pemberton, J. W. & J. S. Gilchrist (2009): Foraging behavior and diet preferences of a released population
of giant tortoises in the Seychelles. – Chelonian Conservation and Biology 8 (1): 57-65 oder
SiF 6 (4) 2009.
Ramsay, S. L., M. D. Hofmeyr & Q. I Joshua (2002): Activity patterns of the angulate tortoise
(
Chersina angulata) on Dassen Island, South Africa. – Journal of Herpetology 36: 161-169.
Ritz, J., C. Hammer & M. Clauss (2009): Body size development of captive and free-ranging leopard tortoises
(
Geochelone pardalis). – Zoo Biology Early View, DOI: 10.1002/zoo.20273 oder
WiF-Archiv.
Walde A., M. L. Harless, D. K. Delaney & L. L. Pater (2006):
Gopherus agassizii (Desert Tortoise)
diet. – Herpetological Review 37 (1): 77-78 oder
WiF-Archiv.
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