Wissenschaft im Fokus
Rieppel, O. & M.
Kearney (2007): The poverty of taxonomic
characters. – Biology & Philosophy 22 (1): 95-113.
Die „Wertlosigkeit“ taxonomischer
Charakteristika
Die Theorie und Praxis von vergleichender Biologie und phylogenetischer
Rekonstruktion (Systematik) bezieht sich auf algorithmische Aspekte, negiert
aber die berechtigten Bedenken, dass es für diese keine stichhaltigen
Beweise gibt. Die Charaktere (Merkmale) als Daten, die von der Systematik
benutzt werden, um Hypothesen über die Verwandtschaftsbeziehungen zu
formulieren, stellen bei umfassender, vielfältiger Betrachtungsweise eine
so genannte „Black Box“ dar, die den subjektiven, oft unkritischen
Einschätzungen unter den jeweilig vorherrschenden gesellschaftlichen
Einflüssen unterliegt. Besorgt darüber und im Bewusstsein, dass dieser
Zustand einer bodenlosen Systematik (gemeint ist: auf unsicheren
wissenschaftlichen Kriterien aufbauenden Systematik) und der daraus
resultierenden phylogenetischen Theorien meist noch unterschätzt wird,
beleuchten wir in dieser Übersichtsarbeit die Natur der Homologiekriterien
und deren Anwendung für die Konzeptbildung im Kontext von Transformation
(Veränderung) und generativen Paradigmen. Unter der Erkenntnis der
Unsicherheit bei der Konzeptualisierung (also der abstrakten Beschreibung) der
Merkmale kommen wir zum Schluss, dass Merkmalskongruenz
(Merkmalsähnlichkeit) relativ zu einer Hierarchie (relativen
Merkmalshierarchie) eine Grundvoraussetzung ist, die aber nicht notwendigerweise
eine ausreichende Voraussetzung ist, um darauf eine phylogenetische
Rekonstruktion aufzubauen. Im Speziellen ist sie deshalb unzureichend, weil es
an einer kausalen (stichhaltigen, beweisbaren) Begründung für diese
Merkmalshypothesen mangelt. Die Konzeptualisierung der Merkmale als
„Homeostatic Property Cluster“ (das ist ein philosophischer
Terminus, der besagt, dass die Festlegung oder Auswahl von Merkmalen oder
Gruppen von Merkmalen willkürlich und/oder auch subjektiv ist)
natürlicher Gegebenheiten ist aber im Einklang mit der empirischen Praxis
der Systematik. (Zu deutsch: Die heute praktizierte Systematik baut auf
subjektiven, willkürlich ausgewählten Merkmalen und deren subjektiver
Bewertung auf). Dieser Umstand ist auch dafür verantwortlich, dass es
bislang keine Klarheit bei der Konzeptualisierung der Merkmale gibt, denn das
würde voraussetzen, dass es eine Merkmalsidentifizierung und
Wiederidentifizierung gibt, die auf einem (nach wissenschaftlichen Kriterien
nachvollziehbaren) kausalen Prozess beruht.
Anmerkung von H.-J. Bidmon:
Warum dieses Abstract (mit so provokativem Titel), das nur im Review (mit
107 Referenzen umfassend) aber nicht im Abstract auf Schildkröten eingeht?
Nun um aufzuzeigen, dass die zu mancher Arbeit zur Schildkrötensystematik
geäußerte Kritik nicht ganz grundlos ist und nur meiner
persönlichen subjektiven Ansicht entspricht, wie manche meinen mögen.
Diese Übersichtsarbeit zur Thematik wurde von zwei Systematikern eines
großen amerikanischen Museums verfasst, die sich anscheinend darüber
bewusst sind, auf welchen (wackeligen) Grundlagen und Voraussetzungen, das
basiert, was so mancher Laie oder Herpetologe als wissenschaftlich, systematisch
abgesichert ansehen mag. Zugegeben, auch manche früheren Systematiker waren
sich sicher über so manche Unzulänglichkeit bei ihrem Tun bewusst,
ohne etwas daran ändern zu können, und Zeitgeist spielt auch heute
noch eine zwar unwissenschaftliche, aber bedeutende Rolle. Wenn wir einmal vom
Zeitgeist und seinen jeweiligen Blüten“ absehen (auch Systematiker
unterliegen karrieremäßig einem Leistungsdruck) ist sicher
Subjektivität als solches nichts Schlechtes und wir sind in unserer eigenen
Evolution eigentlich recht gut damit gefahren, denn wir sind durchaus in der
Lage subjektive, sinnvolle, ja sogar manchmal überlebensnotwendige
Entscheidungen sicher zu treffen. Auf die Systematik bezogen sind wir sehr wohl
in der Lage, Unterschiede zu erkennen und zu beschreiben, aber eben der eine
mehr und der andere weniger, deshalb ist die Beschreibung z. B. eines
Phänotyps an sich auch nichts zu Kritisierendes, allerdings schlägt
bei der Bewertung meist die Subjektivität voll durch, so dass wir anfangen
über abstrakte Konzepte und persönliche Ansichten zu diskutieren. In
vielen Fällen sind wir auch in den letzten drei Jahrhunderten seit Linne
mit dieser Vorgehensweise zu beachtlichen Erkenntnissen gelangt, aber dennoch
wird der Druck auf die heutigen Systematiker und Entwicklungs- und
Populationsbiologen sich damit auseinander zu setzen größer. Sie
werden eben zunehmend damit konfrontiert, dass die „klassischen“
morphologischen Merkmale nicht mehr zu den gleichen phylogenetischen
Einordnungen führen wie die molekulargenetischen Untersuchungen und sicher
auch bald die protein-biochemischen Muster-Analysen. Eines sollte aber jede
systematische Methodik immer klar berücksichtigen, nämlich die
morphologischen und physiologischen Anpassungen, die mit der ökologischen
Einnischung eines jeden Lebewesens in seinen aktuellen Lebensraum (Umwelt)
einhergehen. Denn gerade diese Anpassungen können zu so gravierenden
Veränderungen führen, dass das Erkennen von vorhandenen oder auch
nicht vorhandenen Verwandtschaftsbeziehungen nur anhand äußerer
Merkmale so gut wie unmöglich wird. Vielleicht sind wir diesbezüglich
ja auch durch einen sehr negativen Zeitgeist geprägt worden, der uns heute
noch Schwierigkeiten bereitet. Denn der Begriff Rassenlehre hat natürlich
seit dem 3.Reich einen faden Beigeschmack, obwohl gerade die ursprüngliche
Definition dieses Begriffs die Lücke, die sich zwischen lokalem
Phänotyp und einer auf allen Ebenen klar abgrenzbaren Art auftut,
ausgezeichnet füllen würde, wie wir das aus der Haustierkunde ja auch
kennen, denn Wolf, Yorkshire Terrier und Mastiff fallen alle unter die Art
Canis lupus
(letztere zwei vielleicht mit den Zusatz
„familiaris
“), und trotzdem würde man sie
unvoreingenommen nach ihrem morphologischen Phänotyp wohl eher als eigene
Arten denn als verschiedene Rassen ein und derselben Art ansehen. Hier hat der
Mensch durch Zuchtziele einen Selektionsdruck erzeugt (da der Mensch für
den Wolf allgemein gesehen „Umwelt“ war, hat hier die Umwelt
selektioniert), nichts anderes macht die Umwelt andern Orts auf diesem Planeten
auch, und deshalb scheint es auch anderswo Phänotypen (oder Rassen) zu
geben, die alle nur zu einer Art gehören. Sie können sich vor diesem
Hintergrund ja selbst mal Gedanken machen, wie sie zum Beispiel die neue Gattung
Eurotestudo
einschätzen wollen. Sie beruht ja so gut wie
ausschließlich auf der subjektiven Auswahl und Bewertung einiger
morphologischer Merkmale. Ob diese nun ihre Entstehung der ökologischen
Einnischung in einen (oder mehreren) neuen Lebensraum/räumen in Europa
verdanken oder wirklich ein auf allen Ebenen zutreffendes Abtrennungsmerkmal zur
Gattung Testudo
sind, mag ich vor diesem Hintergrund jedem selbst
überlassen, da zumindest, was die ausgestorbenen Vertreter beider
angeblichen Gattungen anbetrifft, sowieso niemand mehr einen nach eindeutigen
wissenschaftlichen Kriterien aufrecht zu erhaltenden Beweis erbringen kann
(siehe dazu auch: Fritz et al. (2005): Molecular
Phylogenetics and Evolution 37 (2): 389-401 oder
WiF-Archiv; Fritz et al.
(2007): Amphibia-Reptilia 28 (1): 97-121 oder
WiF-Archiv; Siroky &
Fritz (2007): Biologica Bratislava, 62: 1-4 oder
WiF-Archiv oder
Carretero et al. (2005): Animal Biology 55: 259-279
oder WiF-Archiv und
Praschag et al. (2006): Organisms Diversity &
Evolution 6 (2): 151-162 oder WiF-Archiv;
Lubcke et al. (2007) Journal of Herpetology 41 (1):
107-114 oder WiF-Archiv.
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