Wissenschaft im Fokus
Veröffentlicht: 23.04.2011
Ritz, J., E. M. Griebeler, R. Huber & M. Clauss (2010): Body size development of captive and
free-ranging African spurred tortoises (Geochelone sulcata): high plasticity in reptilian growth rates. – Herpetological
Journal 20 (3): 213-216.
Die Entwicklung der Körpergröße bei in Gefangenschaft gehaltenen und wild lebenden afrikanischen
Spornschildkröten (Geochelone sulcata): Eine Plastizität bei den Zuwachsraten von
Reptilien.
In Gefangenschaftshaltung wachsen Landschildkröten meist schneller als ihre Angehörigen in der freien Wildbahn. Hier dokumentieren
wir das Wachstum (als Körpermassenveränderung) bei drei
Geochelone sulcata über eine außergewöhnliche
Periode von nahezu 18 Jahren. Zum Vergleich benutzen wir Zuwachsdaten frei lebender Tiere (gemessen als Carapaxlängenänderung) aus
der Literatur. Die Körperlänge erreichte während der langen Beobachtungszeit bei drei gemessenen Tieren ihr Maximum. Nach
Transformation der Daten zur Carapaxlänge in Körpermasse für die Daten von den Wildtieren ermittelten wir logistische
Zuwachskurven für alle Datenpunkte. Die resultierende Funktion zeigte im Vergleich zu den Wildtieren eine 1,4-2,6-fach höhere
Zuwachsrate für die Schildkröten aus der Tierhaltung. Das logistische Zuwachsmodell ergab für die Individuen aus der
Tierhaltung eine Abschätzung des Inflexionspunktes der Zuwachskurve bei 6-9 Jahren. Dieser Befund korrelierte mit dem Alter bei
Erreichen der Geschlechtsreife, sprich mit der ersten Eiablage des Weibchens und der ersten Masturbation bei einem der Männchen. Der
Inflexionspunkt der Wachstumskurve für frei lebende Individuen lag bei einem Alter von etwa 15 Jahren. Die Aufzucht von
Landschildkröten unter einem Regime der intensiven Fütterung in Gefangenschaft kann erheblich zur Verkürzung der
Generationsfolge führen, was für die Erhaltungszucht für Aufstockungsprogramme dienlich sein kann, während langsam
aufwachsende Tiere sich eventuell besser für das Überleben nach der Auswilderung eigenen. Derzeit fehlen jedoch noch
Untersuchungen über den Gesundheitsstatus von Jungtieren, die von schnell aufgezogenen Elterntieren abstammen.
Kommentar von Hans-Jürgen Bidmon
Grundsätzlich finde ich es gut und begrüßenswert, dass sich die veterinärmedizinische Ernährungs- und
Entwicklungsphysiologie dieser Fragestellung zuwendet und zu diesem Problem exakte Daten liefert. Aber ebenso wie die Autoren hier
feststellen, fehlen nicht nur Daten über den Gesundheitsstatus von Jungtieren, deren Eltern schneller aufgezogen wurden, sondern es
mangelt auch an einer soliden Basis, auf welchen Grundlagen und Voraussetzungen dieses unterschiedliche Wachstum zwischen Wildtieren und
Exemplaren in der Tierhaltung beruht, bzw. darüber wann und in welchem Umfang die Wachstumsschübe in der freien Wildbahn erfolgen.
Für mein Dafürhalten liegen diese Unterschiede im Wesentlichen daran, dass man in der Tierhaltung keine oder zu kurze Ruhephasen
wie Aestivation und/oder Hibernation anbietet, so dass solche Tiere eben allein aufgrund der deutlich verlängerten
Aktivitätsphasen im Jahreszyklus mehr Nahrung aufnehmen und längere Wachstumsperioden zeigen. Die Autoren mögen zwar recht
haben, dass sich langsamer wachsende Jungtiere besser für die Auswilderung eignen, aber ich würde vermuten, dass Jungtiere, die
von Anfang an so aufgezogen werden, dass schon während der Aufzucht die Ruhephasen (Aestivationsphasen) so lange andauern wie im
Auswilderungshabitat, am besten geeignet wären, um mit den Unbilden der Natur fertig zu werden. Denn wenn die Daten, die die
Tierphysiologen Minnich und Nagy mit ihren Mitarbeitern erarbeitet haben,
zutreffen („Jahresenergiebilanzen“, siehe Übersicht Bidmon 2009), dann scheint die
Futteraufnahme und Verwertung während der Aktivitätszeiten bei wild lebenden Landschildkröten gar nicht so sehr von jener in
der Tierhaltung abzuweichen, so lange kein artifizielles Kraft- oder Mastfutter eingesetzt wird. Lediglich die Dauer der Futteraufnahme mag
sich bei Verkürzung oder Wegfall der Ruhephasen verändern. Hier fehlen also noch gravierende Grundlagendaten, ehe man den wahren
Grund für diese festgestellten Unterschiede wissenschaftlich belegbar ausgemacht hat (siehe auch Kommentar zu
Ritz et al. 2010). Ganz so drastisch sehe ich diese Unterschiede auch nicht, weil wir ja gerade aus der
biologisch-ökologischen Grundlagenforschung neue Erkenntnisse gewinnen, dass selbst langlebige Schildkrötenspezies plastisch im
Sinne von Zuwachsraten und Endgröße und sogar in Bezug auf den Eintritt der Geschlechtsreife auf veränderte
Umweltbedingungen reagieren können (siehe Fordham et al. 2007, Wolak et al.
2010).
Literatur
Bidmon, H.-J. (2009): Ernährungsgrundlagen und Darmpassagezeiten bei herbivoren Landschildkröten
– oder wie selektierende Nahrungsgeneralisten auch unter extremen Bedingungen überleben: Eine Übersicht. –
Schildkröten im Fokus, Bergheim 6 (1): 3-26.
Fordham, D. A., A. Georges & B. W. Brook (2007): Demographic response of snake-necked turtles correlates
with indigenous harvest and feral pig predation in tropical northern Australia. – Journal of Animal Ecology 76 (6): 1231-1243 oder
WiF-Archiv.
Ritz, J., C. Hammer & M. Clauss (2010): Body size development of captive and free-ranging leopard tortoises
(
Geochelone pardalis). – Zoo Biology 29 (4): 517-525.
Wolak, M. E., G. W. Gilchrist, V. A. Ruzicka, D. M. Nally & R. M. Chambers (2010): A Contemporary,
Sex-Limited Change in Body Size of an Estuarine Turtle in Response to Commercial Fishing. – Conservation Biology 24: 1268-1277 oder
WiF-Archiv.
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