Wissenschaft im Fokus
Veröffentlicht: 17.01.2010
Roark, A. M., K. A. Bjorndal, A. B. Bolten & C.
Leeuwenburgh (2009): Biochemical indices as correlates of recent growth
in juvenile green turtles (Chelonia mydas). – Journal of
Experimental Marine Biology and Ecology 376 (2): 59-97.
Biochemische Anzeichen als Korrelate für kürzlich
erfolgtes Wachstum juveniler Suppenschildkröten (Chelonia
mydas).
Nukleinsäure- und Proteinkonzentrationen und deren Verhältnis
zueinander werden zunehmend als Korrelate zur Erfassung der
ernährungsbedingten Kondition und dem Wachstum mariner Spezies benutzt.
Allerdings wurde bislang ihre Anwendbarkeit in Studien an Reptilien nie
evaluiert. Die Suppenschildkröte (
Chelonia mydas) ist eine
bedrohte marine Reptilienart, für die es zur Erfassung der
Populationsgesundheit unabdingbar ist, sich einen Erkenntnisstand über die
demographischen Parameter wie die individuellen Wachstumsraten zu verschaffen.
Das Ziel dieser Studie war es zu untersuchen, welche biochemischen Parameter
([DNS], [RNS], RNS:DNS Verhältnis, [Protein], Protein:DNS Verhältnis,
und RNS:protein Verhältnis) in Leber, Herz, und Blut sich potentiell
dafür eignen, Vorhersagen für ein kürzlich erfolgtes Wachstum bei
juvenilen Suppenschildkröten zu erlauben. Dazu wurden juvenile
Suppenschildkröten streng kontrollierten Fütterungsversuchen
unterzogen. Dabei wurde die Nahrungsaufnahme der Schlüpflinge über 12
Wochen so manipuliert, dass man unterschiedliche Zuwachsraten erreichte. Mit
Ausnahme von [RNS](aus Blut), [DNS](aus Herz), und [Protein]:[DNS](aus Leber),
zeigten alle anderen biochemischen Parameter eine signifikante lineare Beziehung
zur Wachstumsrate während der letzten 1,5 Wochen des Experiments. Die
besten Parameter zur Feststellung eines kürzlich erfolgten Zuwachses war
gegeben durch die Leber [RNS] und das Verhältnis von [RNS]:[Protein] in der
Leber, die zusammen 66 % bzw. 49 % der beobachteten Unterschiede in der
Zuwachsrate anzeigten und erklärten. Allerdings waren diese beiden
Parameter im Gegensatz zu den Erwartungen negativ korreliert mit der
Zuwachsrate. Um herauszufinden, ob der Grund für die erhöhte RNS in
der Leber bei langsam wachsenden Jungtieren durch eine erhöhte Expression
von Genen für antioxidative Enzyme zustande kommt, quantifizierten wir die
Glutathionperoxidaseaktivitäten und das Gesamtpotential der
Antioxidativenaktivität. Beide Messparameter für die
Antioxidativefunktion wurden durch die Nahrungsaufnahme und das Wachstum
beeinflusst, allerdings konnten diese Effekte nicht die Befunde für eine
Erhöhung der Leber-RNS bei langsamer wachsenden Tieren erklären. Wir
entwickelten ein Modell, das 68 % der Unterschiede in den spezifischen
Wachstumsraten (SGR, specific growth rate) anhand folgender Gleichung
erklären konnte SGR=-0.913(In[RNS](Leber)) + 17.689(Konditionsindex) +4316.
Zusätzlich zeigen unsere Ergebnisse, dass die [DNS] aus Blut und das
Verhältnis [RNS]:[DNS] im Blut signifikant mit der SGR korreliert sind, was
es möglich macht, mit einer minimal invasiven Methode (Blutabnahme) eine
Populationsüberwachung im Hinblick auf deren Ernährungsstatus
durchzuführen.
Kommentar von H.-J. Bidmon
Hierbei handelt es sich um eine wichtige Arbeit aus der
Ernährungsphysiologie für Schildkröten, die auch der
Veterinärmedizin zu denken geben sollte. Hier wird ganz klar
herausgestellt, welche wichtige Rolle die so genannte
„ernährungsbedingte Kondition“ für die Schildkröten
spielt. Ich möchte dazu sagen; während ihrer Aktivitätsphasen
spielt, denn in vielen Fällen findet bei anderen Spezies Wachstum ja in den
Aktivitätsphasen statt. Solche Daten sind nicht nur für das
Populationsmonitoring brauchbar, sondern auch für die Gesunderhaltung. Im
Wesentlichen ist diese Arbeit ja eine Ergänzung zu der schon vorgestellten
Arbeit des Autorenteams (siehe auch Kommentar zu:
Roark et al. 2009). Warum die Autoren hier aktuell
die negative Korrelation von Zuwachs und RNS oder RNS:Protein in der Leber nicht
nur über die Zunahme des antioxidativen Potentials erklären
können, könnte sich nämlich aus dieser zweiten Arbeit
erklären, die ja unter ähnlichen Voraussetzungen durchgeführt
worden war. Denn Nahrungs- und Proteinmangel trotz Wachstum führen zu einem
Proteinverlust im Blut und damit sinkt der „Onkotische Druck“ im
Blut und es kommt zu Wassereinlagerugen und metabolischen Störungen in den
Körperzellen. (Was Onkotischer Druck bedeutet liebe Leserinnen und Leser,
da vertraue ich ganz auf ihren Umgang mit Wikipedia). Stoffwechselstörungen
in den Organen führen zwangsläufig dazu, dass die Leber mehr
schädliche Stoffwechselendprodukte entgiften muss, und dass führt wie
bei jeder verstärkten Entgiftungsreaktion zu einem RNA- und Proteinanstieg
in der Leber, sofern sie dazu noch genug Reserven hat – auch Medikamente
werden so verstoffwechselt und deren Endprodukte so „entgiftet“.
Insofern ist es nicht verwunderlich, dass die alleinige Betrachtung und Messung
des antioxidativen Potentials die oben beschriebene negative Korrelation nicht
komplett erklären kann. Aber was auch hier für den Tierhalter/in als
Fazit wichtig ist: diese negative Korrelation der biochemischen Leberparameter
mit dem Schlüpflingswachstum ist ein klarer Hinweis auf einen sich
entwickelnden pathologischen Zustand.
Da fragt man sich doch, ob auch unsere veterinämedizinischen
Forschungsinstitute mit Reptilienambitionen nicht etwas mehr mit einer Blutprobe
anstellen könnten, als ein paar Normwerte zu bestimmen? Denn wie diese
Arbeiten klar herausstellen, lassen sich damit wichtige Erkenntnisse über
Ernährungszustand, Körperkondition und Wachstum ableiten, die eine
Beurteilung der Patientengesundheit wesentlich erleichtern könnten. Das
wäre doch eine Doktorarbeit wert und wenn dafür kein Geld da ist,
könnte ein Fond aufgelegt werden, der solche Untersuchungen aus Spenden
fördert. Es ist schon etwas billig, dass die AGARK ohne dass sie wie andere
Arbeitsgemeinschaften der DGHT ein Journal auflegt, nun 20 EURO Jahresbeitrag
erheben will, mit der Begründung, die Kosten für die zwei
Jahrestagungen konstant zu halten, die jeder aktive Veterinär/in sowieso
als Fortbildung von der Steuer absetzen kann. Warum nicht stattdessen pro Jahr
50 EURO für einen Fond erheben, der veterinärmedizinische Forschung
auf dem Sektor der Amphibien- und Reptilienmedizin fördert? Letzteres
würde mehr Sinn ergeben, denn so bleibt der Verdacht, dass hier nur mehr
eine Kommerzialisierung einer DGHT initiierten Fortbildung für die Zukunft
angestrebt werden soll, um andere Haushaltslöcher zu stopfen. Denn Tagungen
kann man auch kostengünstiger organisieren, das schaffen andere
Arbeitsgemeinschaften und an Reptilien interessierte Interessensverbände
auch, und unter der früheren, ambitionierten ehrenamtlichen Leitung war das
ja auch der AGARK möglich.
Literatur
Roark, A. M., K. A. Bjorndal & A. B. Bolten
(2009): Compensatory responses to food restriction in juvenile green turtles
(
Chelonia mydas). – Ecology 90 (9): 2524-2534 oder
WiF-Archiv.
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