Wissenschaft im Fokus
Rosenbaum, P. A., J. M.
Robertson & K. R.
Zamudio (2007): Unexpectedly low genetic
divergences among populations of the threatened bog turtle (Glyptemys
muhlenbergii). – Conservation Genetics 8 (2): 331-342.
Eine unerwartet geringe genetische Diversität
zwischen den Populationen der bedrohten Sumpfschildkröte (Glyptemys
muhlenbergii)
Wir benutzten Vergleiche von mitochondrialen DNS-Sequenzen, um die im
Gesamtverbreitungsgebiet vorliegende Populationsstruktur zu erfassen und um die
zurückliegenden (historischen) Muster der genetischen Differenzierung
zwischen den verschiedenen Populationen der Sumpfschildkröte (
Glyptemys
muhlenbergii) aufzuzeigen. Es handelt sich bei dieser Art um eine der
kleinsten und meist bedrohten Sumpfschildkröten Nordamerikas und sie wird
zur Zeit nur noch in drei sehr weit von einander getrennten Gruppen von
Populationen im Süden der USA, im Nordosten und in den Ebenen um Finger
Lake und Lake Ontario des westlichen und zentralen Teil des Bundesstaates New
York gefunden. Alle Fundorte New York's und die meisten Bereiche im Nordosten
waren während des Pleistozäns eisbedeckt. Wir analysierten 2793
Basenpaare der mitochondrialen DNS, die drei Gene (cytb, nd4, und d-loop) aus 41
Individuen von 21 Populationen einschlossen, die sich über fast das gesamte
Verbreitungsgebiet der Sumpfschildkröten erstreckten. Wir fanden ein
überraschend geringes Ausmaß an Divergenz (Unterschieden) zwischen
den Populationen auch in den südlichsten Populationen für die man
annimmt, dass sie die Rückzugsrefugien während der
Klimaveränderungen (Eiszeit) darstellten. Unsere Daten lassen vermuten,
dass die Sumpfschildkrötenpopulationen von einem so genannten Flaschenhals
betroffen waren (d.h. nur eine kleine Restpopulation überlebte in einem
Gebiet) und dass diese Population dann nach dem Pleistozän (Eiszeit) in die
nördlichen Segmente des Verbreitungsgebiets der Spezies expandierte. Wir
diskutieren die historischen Veränderungen in Bezug auf die
Habitatverfügbarkeit und das Klima, was die zurückliegenden
Entwicklungslinien für die Art beeinflusst haben dürften. Ebenso gehen
wir auch auf die Lebensweise und die Habitatdynamiken bei dieser Art ein, die
ebenfalls dazu beigetragen haben könnten, dass sich diese generell geringe
genetische Diversität über das gesamte Verbreitungsgebiet hinweg
erhalten hat.
Anmerkung von H.-J. Bidmon:
Wieder eine systematische Arbeit, die aber im Gegensatz zu unseren
europäischen „Emys-Arten“ (s.
Fritz et al. (2005): Zoologica Scripta 34: 351ff.
oder WiF-Archiv und (2006): Amphibia-Reptilia 27:
513ff oder SiF 2/2007) zeigt, dass bei
Glyptemys muhlenbergii
vermutlich während der pleistozänen
Kaltzeit nur eine Population übrig blieb, von der aus dann in der folgenden
Warmzeit die nördlicheren Gebiete wiederbesiedelt wurden. Sicher, die
genauere Analyse und Modulation gerade dieser Daten könnte für
zukünftige Arterhaltungskonzepte hilfreiche Erkenntnisse liefern. Denn auch
heute haben wir von manchen stark bedrohten Spezies nur noch wenige Exemplare,
die zum Neuaufbau zukünftiger Bestände zur Verfügung stehen. Also
Arten, die von extremen genetischen Flaschenhälsen betroffen sind und die
wahrscheinlich zum Teil sogar ohne in Kaufnahme von Inzuchten gar nicht mehr zu
erhalten sein dürften (siehe dazu auch Abstract
Kuo & Janzen
(2004): Conservation Genetics 5 (4): 425-437;
Wagner (2005) S. 3-20 beides
SiF 2/2005). Hier bräuchte man dringend
Erkenntnisse darüber, wie sich niedrige genetische Diversitätslevel
langfristig auf Populationsniveau auswirken, oder ob sie auch einen deutlichen
Einfluss auf das zukünftige Anpassungspotential
(Plastizitätspotenzial) der betroffenen Spezies im Freiland haben, denn
letztendlich können auch der Bedrohungsstatus und das Überleben und
Expansionspotential einer Art davon abhängen, wie gut sie sich an eine sich
verändernde Umwelt zukünftig und langfristig anpassen kann, und der
Grad der Anpassungsfähigkeit hängt nach heutigen Erkenntnissen stark
von der genetischen Variabilität ab. Sicher, wenn man nur in kleinen
zeitlichen Dimensionen denkt, 2-5 Generationen mag Inzucht und geringe
genetische Diversität verkraftbar sein, aber was kommt danach? Oder geht
jemand davon aus, dass das Ausmaß an Umweltveränderungen
zukünftig abnehmen dürfte? Ich glaube, so naiv ist niemand! Ja selbst
die Natur scheint, wo immer möglich, „genetische Sackgassen“ zu
vermeiden, wenn man sich die Befunde von Lara-Ruiz
et al. (2006): Conservation Genetics 7 (5): 773-781 oder Abstract
SiF 1/2007) mal anschaut und überdenkt.
Daten zur prognostischen Langzeitplanung solcher Phänomene dürften
also auch zukünftig gefragt sein, wenn das Betätigungsfeld, das wir
heute mit „Biological Conservation“ bezeichnen, von einem wirklich
langfristigen Erfolg gekrönt sein soll. Etwas, was man durchaus nicht aus
den Augen verlieren sollte, insbesondere dort, wo man sich die Erhaltungszucht
von letzten Reliktbeständen zur obersten Priorität gemacht hat wie am
Internationalen Zentrum für Schildkrötenschutz im Zoo Münster.
Übrigens, mit 90 Referenzen eine wirklich umfassend recherchierte
Arbeit!
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