Wissenschaft im Fokus
Veröffentlicht: 28.02.2010
Rowe, R. W. & S. F. Dalgarn (2009): Body Temperature Variation During Nesting Forays in Midland
Painted Turtles, Chrysemys picta marginata, in Michigan. – Chelonian Conservation and Biology 8 (2): 168-172.
Körpertemperaturschwankungen während der Nistplatzsuche bei der Zierschildkröte, Chrysemys
picta marginata in Michigan.
Während der terrestrischen Nistplatzsuche können Wasserschildkröten der nördlichen temperierten Zonen Gefahr laufen,
dass sie Umgebungstemperaturen ausgesetzt sind, die eine Überhitzung oder die Immobilität durch Kälte zu Folge haben
könnten. Bis heute haben wir jedoch keine Erkenntnisse, wie die Körpertemperaturen bei Wasserschildkröten während der
unterschiedlichen Phasen der Nistplatzsuche und Nestanlage variieren. Wir studierten von 2003 bis 2004 die Körpertemperaturschwankungen
bei
Chrysemys picta marginata in einem kleinen Sumpfgebiet im nördlichen Michigan. Drei Individuen verließen das
Sumpfgebiet, nisteten und kehrten innerhalb eines Tages zum Wasser zurück. Im Gegensatz dazu blieben 5 andere Individuen für etwa
3 Tage an Land, wobei sie die meiste Zeit bewegungslos unter Falllaub verbrachten. Während die Schildkröten an Land waren, zeigte
deren Körpertemperatur eine parallele diurnale Oszillation wie die Lufttemperatur. Bei sich aktiv bewegenden Schildkröten lag die
durchschnittliche Körpertemperatur höher als die Lufttemperatur, jedoch war sie nicht niedriger, meist sogar gleich mit der
Körpertemperatur im Wasser, wie sie noch eine Woche vor Verlassen des Wohngewässers aufgezeichnet worden war. Somit können
wir feststellen, dass aktive Schildkröten während der Nistplatzsuche ihre Körpertemperatur an Land durch das Aufsuchen von
Sonnen- und Schattenplätzen regulieren. Während des Prozesses des Nistgrubenaushebens und der Eiablage sank die
Körpertemperatur meist von 23,5 °C auf 20,0 °C. Schildkröten, die am Abend terrestrische Unterschlüpfe aufsuchten,
hatten noch ihre Körpertemperatur-Werte, die denen von mobilen Schildkröten entsprachen, die oft noch wanderten, wenn der
Abendhimmel den Nistplatz erhellte. Somit kann man davon ausgehen, dass weder reduzierte Lichtverhältnisse, die die Orientierung und
Navigation behindern, noch zu niedrige Körpertemperatur-Werte, die die Beweglichkeit einschränken würden, der Grund
dafür sein können dass die Schildkröten einen terrestrischen Unterschlupf aufsuchen. Stattdessen vermuten wir, dass die
sinkende Umgebungstemperatur und das abnehmende Licht die Navigation der Tiere einschränken und so das Risiko vergrößern,
während der Rückwanderung zum Wasser Beutegreifern zum Opfer zu fallen, so dass die Schildkröten deshalb erst einmal
terrestrische Unterschlüpfe aufsuchen.
Kommentar von H.-J. Bidmon
Mit ihrer Schlussfolgerung könnten die Autoren durchaus recht haben. Denn wer, wie ich, selbst gesehen hat, wie häufig
Waschbären allabendlich nach Einbruch der Dunkelheit die Nistareale der Schildkröten absuchen, und wer ebenfalls mit eigenen Augen
einen Waschbären gesehen hat, wie er eine noch kleinere Schildkröte wie ein Brötchen zwischen den Vorderpfoten hält und
einfach reinbeißt, dem erscheint es durchaus als sinnvoll, wenn sich die Schildkröten noch rechtzeitig vorher verstecken. Wenn
man einmal sieht, wie viele Nester von Waschbären systematisch geplündert werden, dann wundert es nicht, dass man in seinem
eigenen Bade- oder Fischteich ganz selten Schlüpflinge beobachten kann. Auf dem Grundstück, das an einem See in North Carolina
lag, konnte man den Schlupf von kleinen
Pseudemys oder
Terrapene eigentlich nur dann erleben, wenn man schon die Ablage
beobachten konnte und die Nester anschließend durch Überstülpen eines Käfigs schützte. Dutzende anderer Nester
fand ich erst nach der Plünderung, und die wenigen, die den Waschbären entgingen, stammten wohl von so erfahrenen Weibchen, dass
man selbst auch keine Chance gehabt hatte, sie vorher zu finden. Diesbezüglich könnte man sich aber durchaus fragen, ob der
Schutz von Nestern vor Plünderung langfristig Sinn macht? Denn letztendlich erzeugen auch Beutegreifer einen Selektionsdruck, dem die
Individuen einer überlebensfähigen Population standhalten können müssen.
Sollte also nicht nur erlernbare Erfahrung, sondern auch eine ererbte Komponente eine Rolle bei der richtigen Nistplatzwahl mitspielen,
könnte man durch einen annähernd vollständigen Schutz der Nester eine Verschiebung zu mehr Tieren mit nicht ganz optimaler
Nistplatzauswahl bewirken. Hier kann man auch nie zu allgemeingültigen Aussagen kommen, denn jeder Lokalstandort hat seine Eigenheiten
und angepassten Lokalpopulationen, was ja sowohl für die Beutetiere wie auch für die Beutegreifer gilt. Auch ein Punkt, der bei
der Durchführung von erfolgreichen Umsiedlungsmaßnahmen von Tieren bedacht sein will. Siehe auch
Hester et al. (2008) und
Mrosovsky (2008).
Literatur
Hester, J. M., S. J. Price & M. E. Dorcas (2008): Effects of relocation on movements and home ranges of
eastern box turtles. – Journal of Wildlife Management 72: 772-777 oder
WiF-Archiv.
Mrosovsky N. (2008): Against oversimplifying the issues on relocating turtle eggs. – Environmental
Management 41 (4): 465-467 oder
WiF-Archiv.
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