Wissenschaft im Fokus
Veröffentlicht: 02.05.2010
Rowe, J. W., D. L. Clark, M. Price & J. K. Tucker (2009): Reversible Melanization Following Substrate
Color Reversal in Midland Painted Turtles (Chrysemys picta marginata) and Red-Eared Sliders (Trachemys scripta elegans).
– Journal of Herpetology 43 (3): 402-408.
Reversible Melanisierung als Folge eines Wechsels der Substratfarbe bei der Zierschildkröte (Chrysemys
picta marginata) und der Rotwangen-Schmuckschildkröte (Trachemys scripta
elegans).
Einige Wasserschildkrötenarten zeigen eine Farbanpassung des Panzers an das Substrat, was ihnen hilft kryptisch (versteckt, unsichtbar)
zu leben. Da Schildkröten aber zwischen verschiedenen Unterwasserhabitaten wechseln, die unterschiedliche Farben zeigen, untersuchten
wir, ob die Melanisierung (Dunkelfärbung) bei juvenilen Zierschildkröten (
Chrysemys picta marginata) und
Rotwangen-Schmuckschildkröten (
Trachemys scripta elegans) sich mit dem Substrat veränderte. Wir hielten
Kontrollindividuen, die entweder auf schwarzem oder weißem Substrat für 160 Tage aufgezogen worden waren und verglichen sie mit
solchen Individuen, die für 80 Tage entweder auf schwarzem oder weißem Substrat gehalten worden waren und die danach umgesetzt
wurden, also von schwarzem auf weißes und von weißem auf schwarzes Substrat. Es wurde die mittlere Reflexionsintensität
bestimmt (also ein Maß für die Menge des reflektierten Lichts im sichtbaren Wellenlängenbereich), der über dem dritten
Wirbelschild des Carapax (TVSC) gemessen wurde. Ebenso wurde der Wert für die dorsale Kopfhaut gemessen. Für die auf dunklem
Substart gehaltenen Kontrollschildkröten sanken die Messwerte ab (die Tiere wurden dunkler). Die
C. p. marginata dunkelten
weniger als die
T. s. elegans. Bei den auf weißem Substrat gehaltenen Kontrolltieren wurden die Mittelwerte für TVSC und
DHS erheblich höher (die Schildkröten wurden heller) für beide Spezies. Während der ersten 80 Tage verhielten sich die
Tiere der experimentellen Gruppen bezüglich der TVSC und DHS Werte vergleichbar mit den Kontrollgruppen. Allerdings begannen nach dem
Substratfarbenwechsel in beiden Spezies die TVSC und DHS Werte mit jenen der entsprechenden Kontrollgruppe zu konvergieren. Somit war die
Umkehr der TVSC und DHS Werte und die Melanisierung (Umfärbung von hell nach dunkel oder von dunkel nach hell) nach 160 Tagen nahezu
komplett. Deshalb erscheint es uns einleuchtend, dass junge Schildkröten beider Spezies eine Farbanpassung an das Substart
unterschiedlicher Habitate realisieren können.
Kommentar von H.-J. Bidmon
Diese Arbeit hat auf experimentelle Art gezeigt, dass wie so viele Lebewesen auch Wasserschildkröten in der Lage sind, zumindest in der
Jugendzeit eine Farbanpassung an die Habitatumgebung vorzunehmen, um eine verstecktere Lebensweise führen zu können. Dabei handelt
es sich um eine gut konzipierte Studie, die allerdings unter Extrembedingungen, was den Farbkontrast des Substrat anbelangt,
durchgeführt wurde, und sie zeigt, wie langsam die Farbanpassungsreaktion bei diesen Schildkröten abläuft, denn 80 Tage sind
nun wahrlich keine Geschwindigkeit. Nun sind Schildkröten ja auch in gewisser Weise frei in Bezug auf die Substratwahl und den
Aufenthaltsort, Falllaub, abgesunkene Äste, Steine, Schlamm und Wasserpflanzen und Schilfbewuchs, so dass der Selektionsdruck hin zu
einem schnellen Farbwechsel eher gering ist und eher die optische Substratwahl auch eine entscheidende Rolle spielen dürfte.
Chamäleons, die sich in einem einzigen Busch in der Wüste so gut tarnen müssen, dass sie von Beute suchenden Greifvögeln
nicht entdeckt werden, und die den Standort nur begrenzt wechseln können, weil das Laufen über freie Sandflächen bis zum
nächsten Strauch noch gefährlicher und auffälliger wäre, haben da schon ganz anderes in Bezug auf eine schnelle und
möglichst exakte Farbanpassung zu leisten. Ein Umstand, der wohl allen wissenschaftlich Vorgebildeten sogar noch aus dem
Biologieunterricht klar sein dürfte. Insofern ist diese Arbeit auch wieder einmal ein schönes Beispiel dafür, wie der
wissenschaftliche oder besser herpetologische Feuilleton arbeitet, da konnte man schauen, wo man wollte überall reißerisch
aufgemachte Überschriften nach dem Motto, Schildkröte wechselt Farbe wie Chamäleon etc., selbst der Laie der sich die Arbeit
durchgelesen hat, wird unschwer erkennen welchen Stuss sich manche leisten, und auf welch unseriöse Art man Wissenschaft in ein
falsches Licht rücken kann. Etwas, das man eigentlich nur unter dem Phänomen Zeitgeist und mediengeile Schlagzeile abhaken kann.
Eigentlich schade, dass selbst große Verbände mit angeblich wissenschaftlichen Ambitionen sich von solchem Zeitgeist beeinflussen
lassen und dazu beitragen. Übrigens, es scheinen temperaturabhängige Farbmuster während der Inkubation bei Schildkröten
vorzukommen, siehe
Paitz et al. (2009).
Literatur
Paitz, R. T., A. C. Gould, M. C. N. Holgersson & R. M. Bowden (2009): Temperature, Phenotype, and the
Evolution of Temperature-Dependent Sex Determination: How Do Natural Incubations Compare to Laboratory Incubations? – Journal of
Experimental Zoology Part B Molecular and Developmental Evolution 314B (1): 86-93 oder
WiF-Archiv.
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