Wissenschaft im Fokus
Veröffentlicht: 13.09.2009
Russell, D. F. & G. H. Balazs (2009):
Dietary Shifts by Green Turtles (Chelonia mydas) in the Kane'ohe Bay
Region of the Hawaiian Islands: A 28-Year Study. – Pacific Science 63 (2):
181-192.
Nahrungsverschiebungen bei Suppenschildkröten
(Chelonia mydas) in der Kane'ohe Bay Region der
hawaiischen Inseln: eine Studie über 28-Jahre
Die Suppenschildkröte hat ihre Ernährungsweise dahingehend
modifiziert, dass sie zunehmend die wachsende Anzahl von eingewanderter Algen im
Gebiet der Kane'ohe Bay Area von O'ahu innerhalb der hawaiischen Inseln nutzt.
Dieser Ernährungswechsel korreliert exakt mit der Zunahme von sieben
Algenarten, die als nicht einheimische Arten zwischen 1977 und 2005 eingewandert
sind. Insgesamt verzehrten die Schildkröten 130 Arten an Meeresvegetation,
wobei die drei häufigsten Arten zu den nicht einheimischen Spezies
Acanthophora spicifera,
Hypnea musciformis und
Gracilaria
salicornia zählen. Diese drei sehr häufigen und
äußerst nährstoffreichen Futterarten stellen zusätzlich zu
den ursprünglichen einheimischen Arten der Kane'ohe Bay derzeit einen
wichtigen Anteil der Schildkrötennahrung.
Chelonia mydas
veränderte also ihr Ernährungsverhalten in nur 10 Jahren dahingehend,
dass sie diese neu in die Region eingewanderten Arten nutzte. Ebenso lernten die
Schildkröten auch, vier weitere eingewanderte Arten zu nutzen, die aber
keine so hohe Abundanz (Häufigkeit) erreichen. Zu diesen zählen
(
Eucheuma denticulatum,
Gracilaria tikvahiae,
Kappaphycus
striatum und
Kappaphycus alvarezii), und es konnte beobachtet
werden, dass die Schildkröten wesentlich länger brauchten (20-30
Jahre), um diese mit in ihr Nahrungsspektrum einzuschließen. Während
dieser 28-jährigen Beobachtungsperiode nahm die Anzahl von
C.
mydas innerhalb der hawaiischen Inseln stetig zu.
Kommentar von H.-J. Bidmon
Obwohl für die Leser der WiF Berichte über Meeresschildkröten
nicht unbedingt die höchste Priorität haben dürften, so
möchte ich doch die Gelegenheit nutzen, diesen Wissenschaftlern für
ihre Langzeitbeobachtungen zu danken und sie somit auch den deutschen Lesern
näher zu bringen. Solche Arbeiten sind eigentlich die Highlights im
Vergleich zu den oft publizierten Schnellschüssen auf dem ökologischen
Sektor, denn sie sind es, die wirklich auf langfristige Veränderungen im
Nahrungsangebot und der Nahrungsnutzung aufmerksam machen. Wie viele würden
voreingenommen sagen, ja jetzt auch schon unnatürliche Nahrung bei
herbivoren Meeresschildkröten. Nur wie die Arbeit zeigt, nutzen die Tiere
diese neue Energiereiche Nahrung selektiv und zeigen dabei auch noch eine
deutliche Bestandserholung. Dass die Suppenschildkröten plötzlich oder
während der letzten 28 Jahre höckerig geworden wären, davon
berichten die Autoren nicht. Eigentlich hat sich durch die neuen invasiven
Algenarten für die Nahrungskette der Suppenschildkröten erst einmal
ein Vorteil ergeben, der ihnen einen Populationszuwachs ermöglichte, auf
den man an anderen Orten trotz der Unterschutzstellung noch wartet.
Außerdem sollte man auch mal das Gedankenspiel machen und sich vorstellen,
es hätte diese Langzeitstudie nie gegeben, sondern es wäre erst jetzt
ganz aktuell eine Untersuchung durchgeführt worden, dann wüsste man
also gar nicht, dass hier invasive fremde Arten eingewandert sind und würde
sehr wahrscheinlich alle vorhandenen und gefressenen Algenarten als
natürliche Nahrungsbestandteile betrachten. Wir sehen an diesem Beispiel,
wie selektiv und fehlerhaft wir uns oft ein eigenes nur auf kurzfristigen
Beobachtungen (Urlaubserinnerungen) gestütztes, angebliches Bild über
die Lebensräume und Umstände machen (siehe auch
Saenz-Arroyo A., C. M. Roberts, J. Torre, M. Carino-Olvera
& J. P. Hawkins (2006): The value of evidence about past abundance:
marine fauna of the Gulf of California through the eyes of 16th to 19th century
travellers. – Fish and Fisheries 7 (2): 128-146 oder
WiF-Archiv). Lassen Sie mich für die an
Landschildkröten interessierten, mal ein paar solcher Gedankenspiele
darlegen. Auf eines machte mich vor Jahren schon Andreas Nöllert
aufmerksam, als er mir Literatur nannte, die beschreibt, wie Sri Lanka vor 800
Jahren aussah und dass es auf Sri Lanka seit fast 800 Jahren nur durch die
Landwirtschaft veränderte Sekundärhabitate gibt. Also lässt sich
daraus schon ableiten, dass auch die dortigen wild lebenden
Sternschildkröten Sekundärlebensräume besiedeln, die ihnen
längst nicht mehr die Bedingungen bieten, an die sie vielleicht einmal
optimal angepasst waren. Sollte es einen da wirklich wundern, dass sie auch in
der Natur Höcker aufweisen? Denn ob sie dort noch unter optimalen
Lebensbedingungen leben oder nur überdauern konnten, weil sie sich an
suboptimale Lebensräume mehr oder weniger gut anpassen konnten, können
wir nur vermuten. Auch die ewige Diskussion, dass Europäische
Landschildkröten karge nahrungsarme Biotope besiedeln, zumindest dort, wo
sie der heutige Tourist noch beobachten kann, sollte zu denken geben. Denn zum
einen beschränken sich die meisten Beobachtungen der Touristen auf die
heißen Sommermonate und nicht auf das Frühjahr, in dem die
Schildkröten ihre Hauptaktivitätsphasen haben. Zum anderen muss man
leider wohl auch zugeben, dass die guten Landschildkrötenbiotope mit
fruchtbaren, feuchtigkeitspeichernden Böden heute sowohl in Griechenland
als auch in Italien und Spanien landwirtschaftliche Nutzflächen einer
hochtechnisierten Agrarindustrie sind, die Bodenbearbeitungstechniken einsetzt,
die wohl kaum mit dem Überleben von Schildkrötenpopulationen
einhergehen können. Beobachten wir also seit Jahren
Schildkrötenpopulationen, die gerade noch die eben von den Tieren
tolerierbaren Reliktbiotope darstellen und gar nicht mehr ihren eigentlichen
Lebensraum? Selbst
Ben Kaddour K, T. Slimani, E. H. El
Mouden, F. Lagarde & X. Bonnet (2006): Population structure,
population density and individual catchability of
Testudo graeca in the
central jbilets (Morocco). – Vie et Milleu – Life and Environment 56
(1): 49-54 oder
WiF-Archiv beschreiben
Maurische Landschildkröten in einem stark überweideten Gebiet. Es ist
zwar schön, dass die uns so lieb gewonnenen Landschildkröten in kargen
Lebensräumen überdauern können, aber sollten wir nicht lieber die
alten archäologischen Funde nutzen, um aufzuzeigen, wo sie früher auch
vorkamen und wie dort die Lebensbedingungen für die Tiere waren? Jeder
Jäger weiß, dass sich die Qualität von Jagdrevieren
unterscheidet und dass es nur in jenen Jagdrevieren kapitale Kronenhirsche gibt,
wo auch eine bestimmte optimale Ernährungs- und Mineralsituation für
die Tiere gegeben ist, würde das auf unsere Schildkröten und viele
andere Arten nicht auch zutreffen? Wenn wir das mal auf das oben angeführte
Abstrakt beziehen, ließe sich da nicht sogar der Schluss ziehen, dass,
wenn sich unsere bedrohten Schildkrötenbestände wieder erholen sollen,
wir dann auch wieder ein Stück Optimalbiotop zurückgeben müssten?
Selbst dann, wenn man landwirtschaftliche Flächen opfern
müsste.
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