Wissenschaft im Fokus
Saumure, R. A., T. B.
Herman & R. D.
Titman (2007): Effects of haying and agricultural
practices on a declining species: The North American wood turtle, Glyptemys
insculpta. – Biological Conservation 135 (4): 565-575.
Der Einfluss der Heuernte und anderer
landwirtschaftlicher Praktiken auf eine zurückgehende Spezies: Die
nordamerikanische Waldbachschildkröte, Glyptemys insculpta
In Nordamerika, hat die Entwaldung, wenn man sie über die Zeit und
Fläche erfasst, zu einem 94%igen Rückgang der Waldflächen in nur
360 Jahren geführt. Trotz dieses enormen Ausmaßes der
Landschaftsveränderung ist der Fortschritt in der Landwirtschaft so
gravierend in den modernen Gesellschaften, dass deren Einflussnahmen weitgehend
unterschätzt werden. Wir untersuchten den Einfluss der derzeitigen
landwirtschaftlichen Praktiken auf eine von Störungen beeinflusste Spezies
im südlichen Quebec, Kanada. Von 30 Waldbachschildkröten
(
Glyptemys insculpta), die per Radiotelemetrie überwacht wurden,
verstarben 20 % in Folge von Verletzungen durch landwirtschaftliche
Aktivitäten. Anthropogene Mortalitätsraten, die für adulte und
juvenile 1998 kalkuliert wurden, betrugen 0,10 und 0,18 für die jeweilige
Altersklasse. Für 1999 lagen die Werte bei 0,13 und 0,17. Von den
überlebenden Schildkröten waren sehr viele durch landwirtschaftliche
Maschinen verletzt. Die sublethalen Verstümmelungsraten lagen für
adulte Tiere bei 90 ±3 % in beiden Untersuchungsjahren, wohingegen die
der Jungtiere eine Häufigkeit von 57 % aufwies. Es wurde ein
Carapaxverstümmelungsindex errechnet, um die Verteilung und den Schweregrad
der Verletzungen zu quantifizieren. Nur zwischen adulten Männchen und
juvenilen Carapaxverletzungen ergaben sich signifikante Unterschiede. Adulte
hatten signifikant mehr Carapaxverletzungen und Amputationen von
Gliedmaßen auf ihrer rechten Körperseite. Diese bilaterale
Asymmetrie der Verletzungen ist das Ergebnis aus der Kombination eines
bestimmten Fluchtverhaltens der Schildkröten und den üblichen
Erntetechniken. Wir wiederholen hier nochmals die Forderung an die
Agrarwissenschaftler, dafür zu sorgen, dass die Schnitthöhe von
Scheibenmähern auf 100 mm angehoben wird, dies würde sogar den
Ernteertrag steigern, die Maschinenbelastung reduzieren und die Bodenerosion
abschwächen. Nebenbei würde diese Veränderung der
Schnitthöhe sehr wahrscheinlich die Schildkrötenmortalität und
Verstümmelungen reduzieren, da die Carapaxhöhe der
Waldbachschildkröten weniger als 87 mm beträgt. Ohne diese
Änderungen in den landwirtschaftlichen Erntetechniken wird diese Population
aussterben.
Anmerkung von H.-J. Bidmon:
Eine gute Studie, die wirklich die Ursachen beim Namen nennt. Allerdings,
was mich bei diesen Studien immer erstaunt, ist ihre späte Publikation,
denn um solche klaren Datensätze auszuwerten, braucht man doch nicht sieben
Jahre von Ende 1999 bis 2006 um eine Publikation einzureichen, wobei es mich
wundern sollte, wenn die Wissenschaftler selbst die Publikation der Daten ohne
interne Gründe so verschleppt haben sollten. Bis dahin kann die Population
ja längst erloschen sein! Ist der politische Druck durch Verbandslobbyisten
direkt oder indirekt über Fördermittel wirklich so groß, dass es
immer noch zu solchen Verschleppungen kommt? Stellen Sie sich einmal vor, ein
Onkologe würde so arbeiten, einen Tumor klar diagnostizieren und dann nach
sieben Jahren, falls der Patient noch lebt, die Empfehlung zur Einleitung einer
Chemotherapie aussprechen, das wäre doch grotesk, oder? Ich glaube,
darüber sollten auch Umweltpolitiker ernsthaft nachdenken. Aber bei
denkenden Politikern (siehe EU und Deutschland) ist man ja nie sicher, ob
für sie auch die Gesetze der Logik gelten, denn wer ernsthaft über die
Berechnung eines Nutzlast-CO2-Index dafür sorgen will, dass
Geländewagen für die private Nutzung (in den meisten sitzen auch nicht
mehr als 2 Personen) auch weiterhin trotz höheren Ausstoßes fast
bessere CO2-Werte bescheinigt bekommen sollen, als Kleinwagen mit
absolut gesehen weniger CO2-Emission, der muss sich ernsthaft fragen,
ob die Natur und das Weltklima sich auch so leicht durch faule Kompromisse
übertölpeln lassen, wie so mancher Politiker von den Lobbyisten der
KFZ-Produzenten?
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