Wissenschaft im Fokus
Scheyer, T. M. & P. M.
Sander (2007): Shell bone histology indicates
terrestrial palaeoecology of basal turtles. – Proceedings: Biological
Science 274 (1620): 1885-1893.
Die Histologie der Panzerknochen deutet auf eine
terrestrische Paläoökologie der ursprünglichsten
Schildkröten
Die Paläoökologie der ursprünglichsten Schildkrötenformen
aus der späten Trias ging klassischer Weise davon aus, dass es sich bei
diesen Formen um semiaquatische Arten handelte, die eine Lebensweise
ähnlich der heutigen Schnappschildkröten hatten. Erst kürzlich
wurde diese Ansicht aufgrund der Proportionen der Beinknochen in Frage gestellt,
die eher eine terrestrische Paläoökologie für diesen
Ursprungsstamm der Schildkröten vermuten ließen. Hier
präsentieren wir unabhängige mikrostrukturelle Beweise zum
Panzerknochenbau, die für eine klare terrestrische Habitatbesiedlung dieser
ältesten und ursprünglichsten Schildkröten sprechen z. B. die aus
dem oberen Trias stammenden
Proterochersis robusta und
Proganochelys quenstedti. Der Vergleich ihrer Panzerknochenhistologie
mit der von Schildkröten, die entweder aquatische Habitate oder
terrestrische Habitate bevorzugen, zeigt eine klare Übereinstimmung mit den
terrestrischen Schildkrötentaxa. Die Übereinstimmungen bei den
Panzerknochen dieser Schildkrötentaxa begründen sich in der klaren
Dipolstruktur der Knochen mit einer ausgeprägten Anlage äußerer
und innerer Cortices bei nur spärlicher Vaskularisierung (Blutversorgung)
der kompakten Knochenschichten und einer dichten Natur der inneren
Substantia spongiosa überwiegend bestehend aus kurzen
Knochenbälkchen (
Trabekulae). Andererseits zeigen aquatische
Schildkröten eine Tendenz zur Reduktion der kortikalen Knochenschichten bei
gleichzeitiger Zunahme der Vaskularisierung (Blutversorgung) des gesamten
Knochengewebes. Im Gegensatz zur Untersuchung der Proportionen der Beinknochen
ist diese Studie unabhängig vom meist schlechten Erhaltungszustand der
anhängenden Skelettelemente bei fossilen Schildkröten (meint:
Extremitätenknochen fehlen oft oder sind zerbrochen, weil nicht fest mit
dem Panzer verbunden). Somit erlaubt die Panzerknochenanalyse das Studium der
Paläoökologie auf einer sehr viel breiteren Basis für die bislang
nur unzureichend verstandenen Schildkrötentaxa in den fossilen
Datensammlungen.
Anmerkung von H.-J. Bidmon:
Wieder ein schönes Beispiel wie man sich irren kann, wenn man sich nur
auf Äußerlichkeiten verlässt und vielleicht seine
Einschätzungen vor der alt hergebrachten Meinung „Alles Leben stammt
aus dem Wasser“ zu treffen pflegt. Die ältesten Schildkröten,
die uns bis heute bekannt geworden sind, waren anscheinend schon längst an
Land, wie diese Studie belegt. Da muss also so mancher Museumssystematiker die
zu deren Lebensweise vermutete Geschichte für diese Ursprungsformen
umformulieren. Aber noch etwas fällt auf, denn auch schon damals hatten
wohl aquatische Schildkröten öfter mit Sauerstoffmangel zu
kämpfen als Landschildkröten, was die stärkere Vaskularisierung
der Panzerknochen andeutet, denn nur die ermöglicht ja eine schnelle
effiziente Kalzium-abhängige Abpufferung der bei Sauerstoffmangel
anfallenden Laktatmengen (Milchsäure, siehe
Jackson (2004): Respiratory Physiology &
Neurobiology: 173-178 oder WiF-Archiv;
Reese et al. (2004) Journal of Experimental Biology
(16): 2889ff oder Abstract in SiF-1/2005).
Ebenso ist diese Studie auch wieder ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie
die Umwelt bzw. ökologische Einnischung in diesem Fall die Mikromorphologie
des Knochenbaus und die (siehe Vergleich zu Wasserschildkröten)
Durchblutungsphysiologie beeinflussen. Insofern kann ich nur immer wieder daran
erinnern, dieses bei den systematischen Auswertungen zu berücksichtigen,
insbesondere wenn man seine Aussagen nur auf morphometrisch erfasste Charaktere
stützt, wird man um das Problem phänotypischer Plastizität nicht
umhin kommen. Wie leicht man sich irren kann, wird hier deutlich gezeigt, denn,
wenn man sich schon in Bezug auf die Lebensweise sprich den Unterschied Wasser-
oder Landschildkröte irren kann, lässt sich nachvollziehen, dass es
auch durchaus noch zu anderen Verwechslungen bzw. Fehlinterpretationen kommen
kann (siehe dazu Rieppel & Kearney (2007):
Biology Philosophy 22 (1): 95-113 oder WiF-Archiv).
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