Wissenschaft im Fokus
Veröffentlicht: 06.02.2011
Schwanz L., Warner D.A., McGaugh S., Di Terlizzi R. & A. Bronikowski (2011): State-dependent
physiological maintenance in a long-lived ectotherm, the painted turtle (Chrysemys picta) JOURNAL OF EXPERIMENTAL BIOLOGY 214 (1):
88-97.
Entwicklungsstadien-abhängige physiologische Erhaltung bei einem langlebigen Wechselwarmen, der
Zierschildkröte (Chrysemys picta).
Die Energieverteilung und physiologische (körperliche) Erhaltung sowie Reproduktion und Wachstum variiert nicht nur zwischen Arten
sondern auch in Bezug auf die Individuen ein und derselben Art sowie innerhalb von Lebensabschnitten, Altersgruppen, Geschlechtern und der
Saison. Bislang gab es nur wenige Forschungsarbeiten zur physiologischen Erhaltung bei langlebigen Arten und insbesondere bei Wechselwarmen
wie den Reptilien. In dieser Studie untersuchten wir die geschlechtsspezifischen Unterschiede und deren altersabhängige und
saisonabhängige Veränderung in Bezug auf die Immunfunktion und die DNS-Reparatureffizienz bei einem langlebigen Reptil, der
Zierschildkröte (
Chrysemys picta). Die Immunkomponenten (Zellen, Antikörper) waren während der Überwinterung im
Vergleich zum Herbst und Frühjahr erniedrigt. Lediglich eine erhöhte Anzahl an Heterophilen (Typ unspezifischer Abwehrzellen)
während der Überwinterung garantierte eine erhöhte zelluläre Abwehr während des Winters. Bei juvenilen und adulten
Schildkröten, fanden wir anhand physiologischer Erhaltungsparameter wenig Nachweise für eine Alterung, was mit Vorhersagen
für langlebige Organismen übereinstimmt. Unter den Immunkomponenten zeigte sich, dass die Schwellungsreaktion als Antwort auf eine
Phytohaemagglutinin (PHA) Injektion oder Kontrollinjektion mit dem Alter zunimmt, wohingegen die Zahl an basophilen Granulozyten (Typ
weißer Blutzellen) mit dem Alter sinkt. Auch Schlüpflinge zeigten reduzierte Werte für Basophile und für
natürliche Antikörper was anzeigt, dass das Immunsystem noch nicht ausgereift ist. Allerdings zeigten Schlüpflinge eine
deutlich höhere Effizienz bei der DNS-Reparatur im Vergleich zu älteren Schildkröten. Reproduktionsaktive, geschlechtsreife
Schildkröten zeigten niedrigere Lymphozytenzahlen (Typ weißer Blutzellen) im Vergleich zu juvenilen Schildkröten
während des Frühjahrs, was vermutlich dadurch bedingt ist, dass mehr Energie in die Reproduktion (Eier, Sperma) gesteckt wird als
in die Immunabwehr. Das Geschlecht hatte nur einen geringen Einfluss auf die physiologischen Erhaltungsparameter. Diese Ergebnisse legen
nahe, dass die Komponenten zur physiologischen Selbsterhaltung differentiell entsprechend der jeweiligen Lebensphase moduliert werden.
Letzteres zeigt, dass noch mehr Forschungsinvestitionen notwendig sind, um die vielfältigen Komponenten, die zur physiologischen
Erhaltung von Tieren während der verschieden Entwicklungsstadien beitragen, zu analysieren.
Kommentar von Hans-Jürgen Bidmon
Jetzt mag sich so mancher fragen wozu das gut sein soll? Nun für uns als Schildkrötenhalter und für Tierärzte liefern
solche Untersuchungen Grundlagen. Wie vielen von Ihnen liebe Leser hat ein Tierarzt, wenn sie mit ihrer Schildkröte direkt nach dem
Erwachen aus der Winterruhe einen Check-up haben durchführen lassen, gesagt es liegt eine Infektion vor weil die Zahl der Heterophilen
erhöht sei. Laut dieser Arbeit ist das zumindest für
Chrysemys picta ein Normalbefund und kein Anzeichen für eine
mit Antibiotika zu behandelnde Infektion. Das ist ein Beispiel für die eigentliche „Praxisnähe“ solcher Studien,
selbst dann wenn sie von Zoologen und Biologen anstatt von Veterinären durchgeführt werden. Da es aber erfahrungsgemäß
immer etwas dauert bis sich solche Erkenntnisse auch in der veterinärmedizinischen Praxis durchsetzen ist es ratsam sich auch in eher
biologisch als medizinisch ambitionierten Zeitschriften kundig zu machen. Und letztendlich zeigen uns solche Arbeiten, dass man
Schildkröten während ihrer Aktivitätsphasen nicht mästen sollte, eine optimale Versorgung mit Proteinen aber für
Aufbau und Erhaltung des Immunsystems essentiell ist. Wenn Weibchen also während der Eireifung sogar weniger Abwehrzellen bilden, weil
die Energie zur Reproduktion gebraucht wird, muss man sich schon fragen wie es bei Schildkröten mit den physiologischen Energiereserven
aussieht und wie sich gerade zur Paarungszeit ein reduziertes Immunsystem auswirken kann? Denn genau zu dieser Zeit können Infektionen
mit sexuell übertragbaren Erregern gehäuft auftreten. Auch frisch geschlüpfte Schildkröten scheinen den Aufbau ihres
Immunsystems noch vor sich zu haben, was sicherlich erheblich schwieriger ist wenn man meint sie „Großhungern“ zu
müssen. Sie liebe Leser sehen also, es sind gerade solche Arbeiten die uns Einblicke in häufig von uns Haltern diskutierte
Fragestellungen bringen und wir sollten dazu beitragen, dass sich diese Erkenntnisse zum Wohle der Tiere verbreiten.
Literaturhinweise
Roark, A. M., K. A. Bjorndal & A. B. Bolten (2009): Compensatory responses to food restriction in juvenile
green turtles (Chelonia mydas). – Ecology 90 (9): 2524-2534 oder
WiF-Archiv.
Kommentar von Flora Ihlow
Bei Phytohemagglutinin (PHA) handelt es sich um ein Lektin, einen Pflanzenstoff der in Leguminosen (Hülsenfrüchten) vorkommt und
hauptsächlich aus 2 Proteinen aufgebaut ist. Medizinisch relevant ist die Wirkung der Lektine auf den Metabolismus (Stoffwechsel) der
Zelle. Durch Lektin wird unter anderem die Mitose initiiert. In hohen Konzentrationen wirken Lektine toxisch.
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