Wissenschaft im Fokus
Veröffentlicht: 25.07.2010
Simang, A., P. L. Cunningham & B. T. Henen (2010): Color Selection by Juvenile Leopard Tortoises
(Stigmochelys pardalis) in Namibia. – Journal of Herpetology 44 (2): 327-331.
Farbauswahl bei juvenilen Pantherschildkröten (Stigmochelys paradlis) in Namibia.
Obwohl viele Reptilien einschließlich der Landschildkröten eine morphologische Ausstattung besitzen, die sie zur Farbwahrnehmung
und Unterscheidung von Farben befähigt, gibt es sehr wenige experimentelle Beweise, dass Reptilien zwischen Farben, der
Farbsättigung und Intensität unterscheiden können. Die visuellen Fähigkeiten und das Farbsehen sind für die meisten
Schildkrötenspezies nicht untersucht. In einem Verhaltensexperiment testeten wir, welche visuellen Signale für juvenile
Pantherschildkröten (
Stigmochelys pardalis) wichtig sind. Juvenile Pantherschildkröten suchten die Farben Rot,
Hellgrün und Oliv am häufigsten auf, was wesentliche Fragen in Bezug auf die Pflanzenfarben und die Pflanzen-(Futter)-Selektion
aufwirft.
Kommentar von H.-J. Bidmon
Hier wurden zwar keine farbigen Futterpflanzen angeboten, sondern farbige Kartonkarten zur freien Auswahl aufgestellt, dennoch gab es auch
Futter. Die Autoren schließen auch nicht ganz aus, dass es bei der experimentellen Durchführung zu einem gewissen Lernprozess
kam, der letztendlich einen Einfluss auf das Ergebnis gehabt haben könnte. Allerdings, egal ob nun die Hierarchie der
Farbpräferenz von diesen Nebeneffekten beeinflusst worden ist oder nicht, ist hier klar belegt, dass Pantherschildkröten Farben
erkennen können. Wenn die Auswahl der Farben etwas mit der Futterauswahl zu tun hat – was nahe liegt –, dann ist auch das
ein Beleg dafür, dass Schildkröten ein Gedächtnis haben und sich die Farben bevorzugter Futterpflanzen oder Pflanzenteile
merken können. Wenn sie sich diese Farben merken können und sie mit ihrem bevorzugten Futter in Beziehung setzen (also
assoziieren) können, können sie nach unserem Verständnis auch lernen, dass heißt sie lernen, wie ihr favorisiertes
Futter aussieht und sehr wahrscheinlich auch wie ihr Futter riecht und oder schmeckt. Folglich sollten wir uns nicht wundern, wenn sie auch
noch etwas mehr lernen können. Auf alle Fälle sollten wir aber nicht den Fehler begehen, sie als stumpfsinnige Reptilien zu
bezeichnen. Da ihr Gehirn auch noch nicht so gebaut ist wie das eines Säugetiers, sie aber dennoch schon ein Gedächtnis und ein
Farbsehen zeigen, ohne dass sie z.B. einen visuellen Neokortex besäßen, sollten wir uns daran erinnern, dass durchaus auch anders
gebaute Gehirne vergleichbare Leistungen realisieren können. Wir als Menschen sollten lieber einmal fragen, wie sinnvoll wohl das ist,
was wir mit unserem Gehirn manchmal leisten? Dazu ein aktuelles Beispiel: Letzten Freitag bei einem Konzertbesuch standen in der Pause
einige Herren zusammen und „orakelten“ über die Fußballweisheiten von Oktopus Paul – als einer plötzlich
meinte, vielleicht hat der wirklich eine besondere Gabe, denn schließlich habe er gehört, dass er ja acht Gehirne besitzen soll.
Mir lag auf der Zunge mich einzumischen und den Vorschlag zu unterbreiten, doch das nächste Mal einen Tausendfüßler zu
engagieren, die hätten dann immerhin pro Segment oder Beinpaar auch ein Gehirnpaar (Ganglienpaar). Aber vielleicht wäre es dann
doch zu langweilig, wenn die einem schon vorhersagen könnten, wer in 12 Jahren Weltmeister wird ...
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