Wissenschaft im Fokus
Sommer, R. S., C. Lindqvist, A. Persson, H. Bringsoe,
A. G. J. Rhodin, N. Schneeweiss, P. Siroky, L. Bachmann & U. Fritz
(2009): Unexpected early extinction of the European pond turtle (Emys
orbicularis) in Sweden and climatic impact on its Holocene range. –
Molecular Ecology 18: 1252-1262.
Ein unerwartet frühes Aussterben der
Europäischen Sumpfschildkröte (Emys
orbicularis) in Schweden und die klimatischen
Auswirkungen auf ihre holozäne Verbreitung
Unter Verwendung alter DNS-Sequenzen von subfossilen Europäischen
Sumpfschildkröten (
Emys orbicularis) aus England, Zentral- und
Nordeuropa und der Anwendung der Beschleunigten
Massenspektrometrie-Radiocarbondatierung zur Analyse von
Schildkrötenüberresten aus den ehemaligen schwedischen
Vorkommensgebieten liefern wir Beweise für eine im Holozän erfolgte
Expansion des Verbreitungsgebiets der Sumpfschildkröten vom
südöstlichen Balkan nach England, Zentraleuropa und Skandinavien in
Übereinstimmung mit dem so genannten „Grasshopper pattern“
(Grashüpfermuster) nach HEWITT. Nordosteuropa und das benachbarte Asien
wurden von einem anderen Rückzugsgebiet aus kolonisiert, welches weiter
östlich lag. Mit den zunehmenden jährlichen Durchschnittstemperaturen
erreichten die Sumpfschildkröten Schweden ungefähr vor 9.800 Jahren.
Bis vor etwa 5.500 Jahren führten die steigenden Temperaturen sogar zu
einer weiteren Ausbreitung bis hoch nach Östergötland, Schweden
(ungefähr 58 Grad 30 min N). Allerdings vor rund 5.500 Jahren hören
die Sumpfschildkrötenfunde plötzlich in Schweden auf, was etwa 1.500
Jahre vor dem Erreichen des Endes des holozänen, thermalen Maximums in
Skandinavien liegt, so dass das Aussterben wesentlich früher erfolgte, als
bisher angenommen. Das Erlöschen der Vorkommen fällt mit einer
temporären Abkühlungsoszillation während des holozänen
Temperaturmaximums zusammen, was vermutlich mit niedrigeren Sommertemperaturen
einherging, die den Reproduktionserfolg zunichte machten. Obwohl die
klimatischen Bedingungen danach wieder besser wurden, konnte Schweden von den
südlicheren Populationen aus nicht mehr rekolonisiert werden, da im
Holozän die ehemalige Landbrücke über Dänemark schon
früher vor etwa 8.500 Jahren untergegangen war.
Anmerkung von H.-J. Bidmon:
Neben dieser interessanten Geschichte der Besiedlung Nordeuropas durch die
Sumpfschildkröte liefert diese Arbeit auch etwas Lehrreiches, das uns
deutlich macht, dass Schildkröten wie viele andere Lebewesen auch schon
mehrere Warm- und Kaltzeiten überdauert haben. Wenn wir heute auf die
fossilen Schildkrötenfunde von vor mehr als 225 Millionen Jahren
zurückblicken (siehe Li, C., X. C: Wu, O. Rieppel, L.
T. Wang & L. J. Zhao (2008): An ancestral turtle from the Late
Triassic of southwestern China. – Nature 456 (7221): 497-501 oder
WiF-Archiv), dann kann man sich des Gedankens kaum
erwehren, dass es nicht erst des Menschen bedurfte, um z. B. eine globale
Erderwärmung zu induzieren. Das solche Temperaturoszillationen auch in
geologischen Maßstäben gemessen kurzen Perioden von nur wenigen 1000
oder gar hundert Jahren erfolgen können, sollte auch nicht wirklich
verwundern. Was wir aber klar erkennen ist, dass eben diejenigen
Lokalpopulationen, die es bis an den Rand eines gerade noch nutzbaren
Ökosystems geschafft haben, auch jene sind, die von den Schwankungen am
ehesten getroffen werden, und immer härteren Stresssituationen im
ökologischen Sinne ausgesetzt sind und sein werden. Das geht sicher den
kanadischen Vorkommen von Clemmys guttata
genauso wie den
Waldbachschildkröten Nova Scotias. Sehen wir es also etwas gelassener, und
machen uns lieber klar, dass das Ausbreitungs- und das damit unweigerlich
verknüpfte (Adaptations-) Anpassungspotential eine wichtige Voraussetzung
für das Überleben in geologischen Zeiträumen darstellt. Wir als
Menschen können höchstwahrscheinlich weder die Kontinentaldrift noch
die globalen Klimaveränderungen beeinflussen oder gar stoppen, insofern
sollten wir uns klar machen, was es bedeutet, bei der Arterhaltung so zu tun,
als könne man einen Ist-Zustand konservieren. Das ist eine Illusion, die
dem Überleben und dem Wandel in der Umwelt widerspricht. Deshalb sollte es
zu einer gut gemeinten, den natürlichen Gegebenheiten angepassten
Arterhaltung dazu gehören, von der Natur und aus der Naturgeschichte zu
lernen und die Erkenntnisse zu nutzen, um die notwendigen Voraussetzungen zu
gewährleisten, wie z. B. einen maximalen Genfluss innerhalb einer Spezies
aufrecht zu erhalten. Langfristig machen wir wohl einen schweren Fehler, wenn
wir bei geringen Individuenzahlen selbst die Reinerhaltung von Unterarten in den
diversen Nach- und Erhaltungszuchtprogrammen propagieren. Was mich
persönlich auch manchmal aus eigener Beobachtung und von Berichten einiger
Halter/innen verwundert ist, wie fit und problemlos manche Hybriden zu halten
sind, wenn man es mit der Haltung der artreinen Individuen vergleicht. Da fragt
man sich wirklich manchmal, ob nicht auch das globale Überlebens- und
Ausbreitungspotential unserer eigenen Spezies nicht gerade von dieser
„artgrenzenlosen“ oder „unterartgrenzenlosen“ Vermehrung
so enorm profitiert hat, dass wir heute zur Bedrohung für viele Mitbewohner
auf diesem Planeten geworden sind.
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Schlagwörter
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Europäischen Sumpfschildkröte, Emys orbicularis |
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