Wissenschaft im Fokus
Veröffentlicht: 20.12.2009
Southwood, A. & L. Avens (2009):
Physiological, behavioral, and ecological aspects of migration in reptiles.
– Journal of Comparative Physiology B – Biochemical Systemic and
Environmental Physiology 2009 Oct 22. [Epub ahead of print].
Physiologische, Verhaltens- und ökologische Aspekte
von Wanderungen bei Reptilien
Saisonbedingte Wanderungen zwischen Nahrungsgründen, den Nistplätzen
und den Überwinterungslokalitäten lassen sich bei einer Vielzahl von
Reptilien beobachten. Terrestrische Schlangen, Echsen und Schildkröten
wandern oft nur kurze Strecken (<20 km) zwischen den saisonal genutzten
Habitaten, während vorwiegend aquatische, marine Schildkröten Hunderte
oder gar Tausende von Kilometern zwischen den Nahrungsgründen und
Niststränden zurücklegen. Das Ziel dieses Artikels ist es, die
verschiedensten Aspekte dieser Wanderungen und deren physiologische Grundlagen
und Verhaltensgrundlagen zusammenzufassen, wobei wir uns besonders auf die
energetischen und sensorischen Mechanismen konzentrieren, die zur Navigation und
Orientierung notwendig sind. Wir diskutieren den Einfluss von Sauerstoff (aerobe
Atmung), Ausdauer und die Kosten des Transports (Verbrauch an Energie), die der
Fähigkeit Wanderungen durchzuführen zu Grunde liegen und die von der
Temperatur und den zirkulierenden Hormonen mitbestimmt werden, die letztendlich
die Aktivität und das Verhalten beeinflussen. Ebenso diskutieren wir die
Mechanismen zur Detektion und Analyse von durch die Umwelt vorgegebener
Parameter, um diese zur Navigation und Orientierung so erfolgreich einzusetzen,
dass damit Ziele angesteuert werden können. Die Probleme, die noch weiterer
Abklärung bedürfen, werden besonders hervorgehoben, und wir
diskutieren zum Abschluss, wie die Informationen über Migrationsmuster
für das Management bedrohter Populationen eingesetzt werden könnten.
Kommentar von H.-J. Bidmon
Ein sehr aussagekräftiger Übersichtsartikel, der zum einen die
Mechanismen der Kurzstreckenmigrationen beleuchtet und zum anderen auch die
Langstreckenwanderungen. Letztendlich für alle, die sich weniger für
die physiologischen Grundlagen interessieren, sondern eher Artenschutzziele
verfolgen, ein mahnendes Beispiel zu beginnen, global zu denken. Denn
letztendlich leben wir alle gemeinsam auf einem Planeten, den wir gemeinsam
nutzen und eigentlich auch gemeinsam schützen sollten. Sicher mag sich die
so genannte Konnektivität (
Howeth et al. 2008)
im kleinen Bereich auf die Distanz und den Korridor zwischen Teich A und
Tümpel B beschränken, aber die Langstreckenwanderer zeigen uns
eigentlich, dass solche Konzepte im globalen Maßstab zu kurz greifen und
anderer Lösungen bedürfen. Die Frage, die sich stellt, ist die:
Bekommen wir das eigentlich bei unseren vielen Grenzen überhaupt hin?
Müssen wir nicht trotz der Angst vor zu viel Globalisierung nicht noch
globaler werden, nicht zuletzt, um auch unsere eigenen Grundbedürfnisse
abzudecken (dabei denke ich nur mal an den Energiesektor)? Haben wir dafür
überhaupt die richtigen Leute in unseren Regierungen sitzen? Manchmal frage
ich mich schon, warum es in einem Land wie dem unseren, in dem die letzte
wirklich große Grenze vor 20 Jahren niedergerissen wurde, immer noch dazu
kommt, dass wir keinen gemeinsamen Staatshaushalt haben, sondern eine
Bundesregierung Wahlkampf mit Thematiken macht, die zwar anscheinend für
den Bund kostenneutral bleiben, aber von Länder- und Gemeindehaushalten
bezahlt werden müssen? Können wir so globale Themen überhaupt
angehen, wenn wir es noch nicht einmal schaffen, einen gemeinsamen Haushalt
für eine Republik zu gewährleisten? Sie fragen sich, was hat
Artenschutz mit dieser Form der Finanzpolitik zutun? Nun, Naturschutz und
Artenschutz kosten und verlangen nach internationalen Regelungen und Konzepten,
und wenn wir die auf nationaler Ebene schon nicht hinbekommen, wie dann auf
internationaler? So lange wir es aber nicht schaffen, aus solchen
wissenschaftlichen Erkenntnissen die Konsequenzen zu ziehen und die
erforderlichen Maßnahmen auch umzusetzen, ja so lange könnten wir
eigentlich auch die Steuergelder sparen, die deren Erforschung gekostet hat.
Siehe auch
Bowen & Karl (2007) und
Boyd et al. (2008).
Literatur
Bowen, B. W. & S. A. Karl (2007): Population
genetics and phylogeography of sea turtles. – Molecular Ecology 16 (23):
4886-4907. oder
SiF-1/2008.
Boyd, C., T. M. Brooks, S. H. M. Butchart, G. J. Edgar, G.
A. B. da Fonseca, F. Hawkins, M. Hoffmann, W. Sechrest, S. N. Stuart & P. P.
van Dijk (2008) Spatial scale and the conservation of threatened species
– Conservation Letters 1 (1): 37-43 oder
WiF-Archiv.
Howeth, J. G., S. E: McGaugh & D. A.
Hendrickson (2008): Contrasting demographic and genetic estimates of
dispersal in the endangered Coahuilan box turtle: a contemporary approach to
conservation. – Molecular Ecology 17: 4209-4221 oder
WiF-Archiv.
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