Wissenschaft im Fokus
Spencer, R. J., F. J.
Janzen & M. B.
Thompson (2006): Counterintuitive density-dependent
growth in a long-lived vertebrate after removal of nest predators. –
Ecology 87 (12): 3109-3118.
Ein der Intuition widersprechendes, (wider den
Erwartungen verlaufendes) dichteabhängiges Wachstum bei langlebigen
Wirbeltieren nach der Eliminierung von Nesträubern
Das Studium der phänotypischen und der genetischen Ursachen von
Unterschieden in den Lebensspannen bei langlebigen Organismen ist essentiell
für das Verständnis der Evolution von Lebensspannen (Lebenszeiten).
Das Wachstum und die Überlebensraten von Jungtieren verlaufen bei Reptilen
oft dichteabhängig, und die Theorie sagt vorher, dass die Evolution dahin
geht, dass es als Reaktion auf geringere Ressourcen zur Verlangsamung des
Wachstums kommt (Hypothese der begrenzten Ressourcen), zumindest unter den
Bedingungen einer hohen Populationsdichte. Schnelles Wachstum wird jedoch
vorhergesagt, wenn das Überschreiten einer kritischen
Körpergröße (Mindestgröße) das Mortalitätsrisiko
drastisch verringert (Mortalitätshypothese). Hier präsentieren wir
eine gepaarte Analyse groß angelegter und über fünf Jahre
laufender Feldexperimente, die dazu dienen sollen, die Gründe für die
Variationen bei den individuellen Wachstumsraten und der Überlebensraten
bei der Australischen Wasserschildkröte (
Emydura macquarii) zu
ermitteln und die vor Erreichen der Geschlechtsreife eine Rolle spielen. Um
zwischen diesen gegensätzlichen Hypothesen unterscheiden zu können,
reduzierten wir die natürlichen Nesträuber in zwei der Populationen
und erhielten eine unbeeinflusste Kontrollpopulation, um im natürlichen
Habitat Unterschiede in der Populationsdichte (Zuwachserhöhung) bei den
Jungtieren zu erzeugen. Wir führten ergänzend dazu ein Split-clutch
field-transplant experiment (Gelege wurden geteilt und auf unterschiedliche
Habitate verteilt) durch, um den Einfluss der Inkubationstemperatur (25 °C
oder 30 °C), den Beutegreifereinfluss (niedrig oder hoch), und der
Gelegegröße auf die Wachstumsrate und das Überleben der
Schlüpflinge aus ein und demselben Gelege (für unterschiedliche
Standorte) zu untersuchen. Die Schlüpflinge in den Populationen mit hohem
Zuwachs (nach Entfernung der Beutegreifer) litten nicht unter Ressourcenmangel
und wuchsen schneller als die Schlüpflinge der Kontrollpopulation. Unsere
Experimente zeigten auch einen lang anhaltenden Einfluss der thermischen
Bedingungen, denen die Schlüpflinge während ihrer Embryonalentwicklung
(Inkubation) ausgesetzt waren, auf deren Wachstumsraten vor der
Geschlechtsreife. Mehr noch, dieser thermische Effekt war selbst bei Erreichen
der Geschlechtsreife noch vorhanden und ausgeprägter als in den
jüngeren Entwicklungsstadien, und dieser „späte“ Effekt
war dann von der Populationsdichte abhängig, die während der Phase des
Heranwachsens herrschte. Diese offensichtliche phänotypische
Plastizität (Anpassungsfähigkeit) in den Wachstumsraten ergänzt
unsere Beobachtung einer starken, positiven, genetischen Korrelation zwischen
individueller Körpergröße in den experimentellen und
Kontrollpopulationen während der ersten fünf Lebensjahre (r(G) gleich
+0,77). Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass diese Australischen
Halswender-Schildkröten eine erstaunliche Kapazität besitzen, sich
größeren populationsdemographischen Veränderungen anzupassen,
indem sie sich ein lang anhaltendes Potential für eine adaptive
Variabilität in der Entwicklung erhalten haben.
Anmerkung von H.-J. Bidmon:
Dies ist mal eine ausgesprochen gut angelegte Studie, die – und dass
ist einer der überzeugendsten Vorteile – unter Freilandbedingungen in
natürlichen Biotopen durchgeführt wurde. Das Ergebnis ist auch
verblüffend klar. Es gibt deutliche Unterschiede bei den Zuwachsraten der
Schlüpflinge. Sie wachsen anfänglich sehr schnell und behalten in
Abhängigkeit zum genetischen Hintergrund (Herkunft) in einer klaren
Abhängigkeit zur Inkubationstemperatur und Populationsdichte
unterschiedliche Zuwachsraten bei. Zudem zeigt die Studie indirekt, dass die
Tiere beim Fehlen der Beutegreifer anscheinend ihre Nahrungsressourcen besser
oder länger nutzen und dadurch deutlich besser und schneller wachsen als in
der Kontrollpopulation mit einer natürlichen Dichte an Beutegreifern, die
wahrscheinlich die Schlüpflinge der Kontrollpopulation zu einer
versteckteren Lebensweise zwingen und dadurch die Zeit zur Futtersuche
begrenzen. Sollten sich diese Befunde auch auf andere Schildkrötenspezies
übertragen lassen, für die wir bis dato keine solch exakten Daten
haben, dann können wir davon ausgehen, dass bei Gefangenschaftshaltung und
Aufzucht junge Schildkröten schneller wachsen, weil auch hier Beutegreifer
weitgehend keinen Einfluss haben. Zudem lässt sich wieder einmal
feststellen, dass anfängliche hohe Zuwachsraten natürlich zu sein
scheinen zumindest bis zu der Größe, ab der die Tiere für viele
der jungtierspezifischen Beutegreifer oder negativen Umwelteinflüsse zu
groß geworden sind. Das heißt aber auch, dass es zum
natürlichen Lebenszyklus von Schlüpflingen gehört schneller zu
wachsen als später. Das sollte man einfach mal zur Kenntnis nehmen und
ernsthaft darüber nachdenken. Denn nur zu behaupten, Jungtiere müssten
groß-gehungert werden, weil sie sonst Schaden nehmen, ist bisher zwar oft
behauptet worden, aber für keine der untersuchten Spezies
einschließlich der Landschildkröten nachgewiesen worden (Ausnahme
vielleicht 2-5 jährige Galapagosriesenschildkröten, siehe
Furrer et al. (2004): Zoo Biology 23: 177ff oder
WiF-Archiv). Bislang wurde in den natürlichen
Lebensräumen nur immer das genaue Gegenteil dieser Behauptung nachgewiesen
und zwar für Wasserschildkröten und Landschildkröten (s.
O'Brien et al. (2005): Biological Conservation 126
(2): 141-145 oder WiF-Archiv; oder Diskussion bei
Bidmon (2006):
Sonderband Testudo: 123-140). Sicher
besteht zwischen optimalem und zu schnellem Wachstum ein Unterschied, aber
dennoch die Nutzung energieärmeren Futters und die Umstellung des Futters
ist wohl für semiadulte und adulte Schildkröten wesentlich wichtiger
als das so genannte Großhungern von Schlüpflingen, wie es mal von
einigen Veterinären beschrieben wurde. Insofern würde ich den
Beobachtungen aus den natürlichen Lebensräumen und solchen hier
vorgestellten Freilandexperimenten auf alle Fälle mehr Glauben und
Beachtung schenken als den meist retrospektiv von pathologischen
Kadaver-Untersuchungen abgeleiteten, unbewiesen Vermutungen einiger
Veterinäre. Denn wirkliche experimentelle Daten dazu, wie Wachstumsraten
von Schlüpflingen z. B. während der ersten 3 Lebensjahre mit
Leberschäden zum Zeitpunkt der Geschlechtsreife zusammenhängen, gibt
es nicht und ob die geäußerten Vermutungen stimmen, weiß auch
keiner. (Ausnahme; vielleicht der Befund – oder die angeführte
Behauptung –, dass eine weibliche Griechische Landschildkröte mit 3
Jahren schon geschlechtsreif war. Aber das ist – sollte es wirklich
stimmen – ein Extremfall, der sich jenseits jeglicher
Diskussionsgrundlage befindet!). Denn wie im Titel der obigen Arbeit angegeben,
auch bei dieser Studie hatten die Autoren eigentlich anhand der vorgegebenen
Hypothesen ein anderes Ergebnis erwartet. Nach meiner Beobachtung sind auch die
oft angeführten Wachstumsstörungen bei der Carapaxform eher auf
Störungen bei der rel. Luftfeuchte oder vielleicht auf ein Ungleichgewicht
von essentiellen Nahrungsbestandteilen in Abhängigkeit zur
Wachstumsgeschwindigkeit zu suchen, als nur durch das reine Wachstum aufgrund zu
hoher Futter-(Protein)-mengen, denn ausreichend mit allem versorgte Jungtiere
zeigen diese Deformationen trotz höherer bzw. individuell unterschiedlicher
Zuwachsraten nicht (s. Bidmon &
Jennemann (2006):
Schildkröten im Fokus 3 (4): 3-18).
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