Wissenschaft im Fokus
Veröffentlicht: 27.12.2009
Sulloway, F. J. (2009): Tantalizing tortoises
and the Darwin-Galapagos Legend. – Journal of the History of Biology 42:
3-31.
Beeindruckende Landschildkröten und die
Darwin-Galapagos-Legende
Während seines historischen Galapagosbesuchs in 1835 verbrachte
Darwin neun Tage auf der Insel Santiago (James
Island), um wissenschaftliche Beobachtungen zu machen und um Belege zu sammeln.
Dabei besuchte er auch zweimal das Hochland von Santiago. Dort, nahe der in
unmittelbar Nähe des Gipfel liegenden Quellen, führte er seine
ausführlichsten Untersuchungen über die Galapagosschildkröten
durch. Die genaue Lage dieser beschriebenen Quellen war bislang nicht bekannt,
und sie werden hier unter Berücksichtigung von
Darwins Originalaufzeichnungen, Satellitenkarten
und der GPS-Technologie identifiziert. Zudem werden wiederholt angefertigte
fotographische Daten aus vier Dekaden ausgewertet, die eindrucksvoll belegen,
wie verheerend sich die Einfuhr fremder Säugetiere und Haustiere, die nach
Darwins Besuch erfolgte, auf die Biotope auswirkte.
Die Untersuchung des Einflusses, den
Darwins Besuch
auf Santiago – insbesondere dieser Aufenthalt im Hochland – auf
seine Art zu denken hatte, wirft interessante Fragen bezüglich der Tiefe
seines Verständnisses der Befunde zur Evolution auf, die er während
seines Galapagosaufenthalts sammelte. Diese Fragen und weitere darauf bezogene
Einsichten liefern zusätzliche Erkenntnisse, die den Zeitpunkt von
Darwins Umdenken hin zu einer Evolutionstheorie
belegen, was trotz konträrer Meinungen erst nach seiner Rückkehr nach
England erfolgte.
Kommentar von H.-J. Bidmon
Liebe Leserinnen und Leser, diese Arbeit enthält zwei wesentliche Aspekte.
Der erste bezieht sich auf eine gute Methode und Beweisführung bezogen auf
die Biotopveränderungen, die seit
Darwins
Besuch auf Santiago stattfanden und die im wesentlichen durch die Einfuhr von
Säugetieren, Mäusen, Ratten, Eseln, Ziegen und Schweinen verursacht
wurden. Hier beschreibt der Autor den Nutzen und die Auswertung von Berichten,
Fotographien und gezeichneten Bildern, die während dieser vergangenen
Perioden angefertigt wurden – wobei die fotografischen Belege der letzten
Jahre dazu benutzt werden, den klaren Beweis zu führen und zu untermauern,
dass die historischen Belege bezogen auf die Erfassung des Ausmaßes der
Veränderungen (siehe auch:
Saenz-Arroyo et al.
2006) wirklich gleichwertig mit den Fotodokumenten der letzten Jahre sind. Der
zweite Aspekt bezieht sich auf
Darwin, seine
Methoden und seinen Erkenntnisgewinn selbst.
Das
Darwinjahr neigt sich dem Ende zu, und insofern
ist es vielleicht ganz gut, die besinnlichen Festtage oder den Jahreswechsel zum
Überdenken der Situation und etwas Wissenschaftsphilosophie zu nutzen.
Warum Wissenschaftsphilosophie und nicht Wissenschaftsgeschichte, wie das oben
angeführte Journal eher implizieren würde? – Nun, weil der so
genannte Zeitgeist sowohl heute wie auch zu
Darwins
Zeiten die Wissenschaft beeinflusst. Wie der Autor ausführt, waren es der
Gouverneur
Lawson von der Insel Floreana und die
Spanier, die
Darwin erzählten, dass sie die
verschiedenen Formen der oft auf den Schiffen als Proviant anzutreffenden
Riesenschildkröten nach ihrer Form der Herkunftsinsel zuordnen können.
Genauso wie es der Ornithologe
Gould war, der
Darwin zuhause in England klarmachte, dass die
gesammelten „
Darwinfinken“ alles Finken
waren, ebenso wie ihm ein französischer Herpetologe aufzeigte, dass die
beiden mehr zufällig von dem Kapitän der Beagle
Fitzroy mitgebrachten
Schildkrötenschlüpflinge unterschiedlich zu jenen aus dem indischen
Ozean waren.
Als
Darwin noch auf der Beagle war, sammelte und
vor allem beschriftete er seine Belegexemplare noch nach der Manier der
Kreationisten, die ja jede Lebensform als unveränderbar geschaffen ansahen.
Auch unterlag
Darwin damals noch einem Irrtum der
Systematik, was wahrscheinlich mit ein Grund war, warum er selbst keine
Belegexemplare von Schildkröten sammelte. Denn damals waren die
Riesenschildkröten der Galapagosinseln als „
Testudo indicus“
beschrieben, und man ging davon aus, dass sie von den Inseln im indischen Ozean
eingeschleppt worden waren. An diesen Beispielen wird eigentlich klar, was die
eigentliche Leistung von
Darwin war, als er seine
Evolutionstheorie in seinem Buch
On the Origin of Species zum Ausdruck
brachte. Er war nicht der genuine Systematiker und akribische biologische
Analysator seiner Zeit, da waren seine genuinen Interpretationen und
Beschreibungen seiner geologischen Befunde und Daten wesentlich besser. Denn
seine wahre Leistung bezogen auf die Evolutionstheorie ist wohl eher darin zu
sehen, dass er sich im Gegensatz zu vielen seiner wissenschaftlich akribisch und
systematisch arbeitenden Zeitgenossen den dabei anfallenden wissenschaftlichen
Fakten gegenüber öffnen konnte und sich dabei – wenn auch
schweren Herzens – vom „Zeitgeist“ freimachen konnte, also von
der gesellschaftlich akzeptierten Denkweise und dem Geist seiner Zeit.
Gleiche Einflüsse des Zeitgeists erleben wir auch noch heute in der
Wissenschaft (z. B.
Rieppel & Kearney 2007,
Kommentar zu:
Freedberg et al. 2008) und, was
diesem Leserkreis wohl eher geläufig sein dürfte, auch manchmal bei
uns Schildkrötenliebhabern. Sicherlich ist es für einen in einer
bestimmten Gemeinschaft oder Interessensgruppe gut integrierten und
sozialisierten Mitmenschen nicht nur angenehmer, sondern auch wesentlich
leichter im alltäglichen Miteinander, wenn man sich der Denkweise und
Meinung der Mehrheit anschließt. Auch das hat sein Gutes, zumindest so
lange der allgemein akzeptierte Zeitgeist der Realität entspricht. Aber
überlegen Sie einmal selbst, wie viele vielleicht sogar beleidigende
Forendiskussionsbeiträge von Moderatoren schon gelöscht oder mit
„entschuldigenden“ oder distanzierenden Anmerkungen versehen wurden,
bloß weil sich jemand zu etwas äußerte, was eben nicht dem von
der Mehrheit gebilligten, derzeitigen Zeitgeist bezüglich der
Schildkrötenhaltung entsprach, obwohl es gute belastbare Fakten und Daten
für diese „andere Meinung oder Sichtweise“ gab.
Obwohl wir oft die Beschäftigung mit der Historie damit rechtfertigen, dass
man aus der Geschichte etwas lernen könne, glaube ich, dass dieses Lernen
aus der Geschichte nicht gerade unsere Stärke ist, sonst würden sich
solche und deshalb bezeichne ich sie einmal als „menschliche
Probleme“ nicht ständig wiederholen. Trotzdem denke ich, sollten wir
uns vielleicht als guten Vorsatz für das nächste Jahr vornehmen zu
versuchen, mit den Fakten bezüglich unterschiedlicher Meinungen offener
miteinander umzugehen. Nutzen wir die besinnlichen Tage und philosophieren wir
einfach einmal darüber – Wie viel Dogmatik braucht eine Welt, in der
die systemimmanente Wirklichkeit und der menschliche Erkenntnisstand und
Zugewinn einem Wandel unterliegen?
Literatur
Freedberg, S, T.-J. Greives, M. A. Ewert, G. E. Demas, N.
Beecher & C. E. Nelson (2008): Incubation environment affects immune
system development in a turtle with environmental sex determination. –
Journal of Herpetology 42 (3): 536-541 oder
SiF 6 (2) 2009.
Rieppel, O. & M. Kearney (2007): The poverty of
taxonomic characters. – Biology & Philosophy 22 (1): 95-113 oder
WiF-Archiv.
Saenz-Arroyo A., C. M. Roberts, J. Torre, M. Carino-Olvera
& J. P. Hawkins (2006): The value of evidence about past abundance:
marine fauna of the Gulf of California through the eyes of 16th to 19th century
travellers. – Fish and Fisheries 7 (2): 128-146 oder
WiF-Archiv.
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