Wissenschaft im Fokus
Tada, N., M.
Saka, F.
Shiraishi & Y.
Kamata (2007): A field study on serum vitellogenin
levels in male Reeves' pond turtles (Chinemys reevesii) from
estrogen-contaminated sites and a reference site. – Science of the Total
Environment 384 (1-3): 205-213.
Eine Feldstudie zum Serumvitellogeninspiegel bei
männlichen Teichschildkröten (Chinemys
reevesii) aus Östrogen-kontaminierten Habitaten und
Vergleichshabitaten
Um zu untersuchen, ob wild lebende männliche Schildkröten von in der
Umwelt vorhandenen Östrogenen beeinflusst werden, untersuchten wir die
Vittellogeninspiegel (VTG, Dottereiweiße) bei männlichen
Teichschildkröten (
Chinemys reevesii), die an vier
Untersuchungsorten (A-D) in der Umgebung von Kyoto, Japan gesammelt worden
waren. Die Untersuchungorte A-C waren beeinträchtigt durch örtliche
und Industrieabwässer oder wurden durch die Abflüsse aus
Kläranlagen gespeist und repräsentierten die kontaminierten Standorte.
Der Standort D lag in einer unbelasteten Vergleichsregion. Die kontaminierten
Orte sowie die der Referenzort wurden für ein Jahr kontrolliert und
charakterisiert, indem wir die Östrogenaktivitäten übers Jahr
hinweg bestimmten. Die Serum-VTG-Spiegel der Schildkröten wurden mit einem
Enzym-gekoppelten Immunoassay quantifiziert. Die Östrogenaktivität der
Wasserproben wurde mit einem validierten Hefedoppelhybridassay bestimmt und als
17ß-Östradiolequivalente gemessen. Östrogenaktivitäten
wurden in hohem Maße während der Untersuchungsperiode in den
Standorten A-C nachgewiesen und waren fast nicht nachweisbar am Standort D: Die
Durchschnittswerte und Spannen lagen bei 0,74 (<0,07-2,1), 0,52 (0,17-1,6),
1,7 (<0,07-7,3), und 0,07 (<0,07-0,62) ng/l an den Orten A-D. Signifikante
Unterschiede ergaben sich nur für den Referenzstandort D im Vergleich zu A,
B und C. Somit konnte klar gezeigt werden, dass wir hier kontaminierte Standorte
mit einem Referenzstandort verglichen. Insgesamt wurden 320 männliche
Schildkröten untersucht. Die Mehrheit der Schildkröten zeigte noch
normale VTG-Spiegel (0,10-0,74 µg/ml). Allerdings zeigten auch fünf
der Schildkröten aus den Standorten A-C außergewöhnlich hohe
VTG-Spiegel (1,1-5,9 µg/ml), die annähernd eine 10er Potenz
höher lagen als die Normalwerte, aber auch diese waren noch um einiges
niedriger als die Normalwerte bei adulten Weibchen. Es gab keine signifikanten
Unterschiede in Bezug auf die Häufigkeit erhöhter VTG-Spiegel zwischen
den Standorten A-C und D. Vielmehr war es so, dass eine der fünf
Schildkröten, die zwei Monate nach der ersten Messung wiedergefangen werden
konnte, nun für die Wiederholungsmessung einen Normalwert zeigte. Diese
ungewöhnlich hohen VTG-Werte könnten durch eine zufällige
höhere Belastung bedingt sein und/oder durch individuenspezifische Agentien
verursacht werden. Wenn man die außergewöhnlichen hohen
VTG-Serumspiegel unberücksichtigt lässt, lagen die Durchschnittswerte
im Mittel bei 0,22 (0,10-0,74), 0,27 (0,11-0,62), 0,27 (0,17-0,68), und 0,23
(0,10-0,57) µg/ml für die Reihenfolge der Standorte A-D. Somit
ergaben sich keine signifikanten Unterschiede für die mittleren VTG-Werte
zwischen den Standorten A-D. Obwohl auch geklärt werden sollte, warum die
ungewöhnlich hohen Werte an den Standorten A-C auftraten, lassen unsere
Ergebnisse vermuten, dass wild lebende männliche
C. reevesii nicht
signifikant von den umwelttoxikologisch relevanten, xenobiotischen
Östrogenspiegeln in ihrer Umwelt in Bezug auf ihren Serumvitellogeningehalt
beeinflusst werden.
Anmerkung von H.-J. Bidmon:
Diese Arbeit scheint die für Schnappschildkröten erhobenen Befunde
zu untermauern (siehe: Cheek, A. O. (2006): Subtle
sabotage: endocrine disruption in wild populations. – Revista de Biologia
Tropical 54: 1-19 Suppl. 1 oder WiF-Archiv).
Allerdings sind Vitellogenine Dottereiweiße, die normalerweise
während der Eianlage in der Leber der Weibchen gebildet werden und dann
übers Blut zu den reifenden Oozyten transportiert werden, um dort
eingelagert zu werden. Ob solche zyklusabhängigen Proteine im Serum
männlicher Tiere überhaupt einen sensitiven Marker für eine von
Umweltöstrogenen ausgelöste Beeinflussung darstellen, müsste erst
einmal gezeigt werden. Zumindest sollte aber überprüft werden, ob sich
bei männlichen Tieren die Vitellogeninspiegel z. B. während der Balz
und der Paarungsbereitschaft verändern, das würde einem nämlich
zeigen, ob und wie sensitiv bei männlichen Tieren die Leber auf
Veränderungen bei den Sexualsteroidhormonen reagiert. Denn anderenfalls
könnte man die Befunde nur so verstehen, dass sich diese fünf
betroffenen Männchen zufällig zur Zeit einer hochkonzentrierten, nur
sporadisch erfolgenden Einleitung am unmittelbaren Ort der Einleitung
kontaminiert hatten, also bevor sich ein Verdünnungsfaktor einstellen
konnte.
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