Wissenschaft im Fokus
Tesauro, J. & D.
Ehrenfeld (2007): The effects of livestock grazing
on the bog turtle [Glyptemys (= Clemmys)
muhlenbergii]. – Herpetologica 63 (3): 293-300.
Die Auswirkungen der Beweidung auf die
Sumpfschildkröte Glyptemys
(=Clemmys) muhlenbergii
Die Sumpfschildkröte
Glyptemys (=
Clemmys)
muhlenbergii ist ein Bewohner von Grundwasser durchsetzten Weiden in
den nordöstlichen und südöstlichen Staaten von Amerika.
Beobachtungen an den Sumpfschildkröten zeigten, dass die Habitate innerhalb
ihres gesamten Verbreitungsgebiets sehr stark von der Beweidung abhängig
sind, da die Beweidung die Sukkzessionsprozesse (Pflanzenabfolge und Wuchs)
aufhält und verhindert, dass eine Invasion mit hochwüchsigen
kompetetiv-dominaten Pflanzen stattfindet, von denen viele eine exotische
Herkunft haben. Die Aufgabe zahlreicher kleiner Milchwirtschaftsfarmen
während der vergangenen drei Jahrzehnte führte zur Aufgabe der
Beweidung und zum Verschwinden des größten Teils der
Sumpfschildkrötenhabitate im Nordosten. Als Konsequenz nahm die
Habitatqualität durch den Bewuchs mit invasiven Pflanzen und die damit
einhergehenden hydrologischen Veränderungen ab, was zu einem Rückgang
der durch das Weidevieh geschaffenen Mikrohabitate führte. In dieser Studie
verglichen wir die Anzahl der Sumpfschildkrötenfänge, die
Sumpfschildkrötendemographie und die Populationsdichten sowie die
Vegetation in noch beweideten Habitaten (n=12) mit solchen, wo erst vor kurzem
die Beweidung eingestellt worden war (n=12). Diese Analyse zeigte, dass in den
beweideten Habitaten die Anzahl der Sumpfschildkröten und deren
Populationsdichte höher war. Zudem fand man insbesondere in den beweideten
Habitaten auch eine größere Anzahl von Jungschildkröten. Die
beweideten Areale zeigten auch einen dichteren Bewuchs mit niedrig wachsenden
Kräutern und zeichneten sich durch eine nur geringe Bedeckung mit
hochwüchsigen exotischen und/oder invasiven Pflanzen aus. Wir stellen die
Hypothese auf, dass es durch die landwirtschaftliche Nutzung zu einer
Anreicherung von Nährstoffen kommt, die dazu beitragen, dass sich invasive
Pflanzen sehr schnell ausbreiten können, was durch die aktive Beweidung
aber verhindert wird. Wenn aber das Weidevieh entfernt wird profitieren die
invasiven Pflanzen sehr rasch und die sumpfigen Mikrohabitate (z. B.
Trappelpfade, in denen Pfützen stehen) werden von einer einheitlichen
hochwüchsigeren Pflanzendecke überzogen. Diese Untersuchung zeigt,
dass die Bemühungen zur Erhaltung überlebensfähiger
Sumpfschildkrötenpopulationen eigentlich davon abhängen, ob man die
weniger intensive Beweidung durch die Milchwirtschaft und die Fleischviehhaltung
aufrecht erhalten kann.
Anmerkung von H.-J. Bidmon:
Hier wird klar, wie sich Anpassungsprozesse vollziehen und wie wir als
Menschen in diese eingreifen. Erst verschwanden die weit nach Süden
ziehenden Büffel- und Pferdeherden und deren Auswirkungen wurden durch die
Weideviehhaltung ersetzt. Jetzt steht man wie hier zulande auch vor dem Problem,
dass diese kleinen Farmen nach heutigen Maßstäben zunehmend
unrentabeler werden, insbesondere wenn es sich dabei um magere sumpfige Weiden
handelt. Was bleibt da noch, wenn man die davon betroffenen Arten erhalten will,
doch nur die Beweidung aus Gründen der Landschaftspflege. Die kostet aber
zusätzliches Geld. Vielleicht könnte es auch eine Symbiose geben, wo
man Landschaftspflege und den Erhalt alter auch vom Aussterben bedrohter
Viehrassen vereinbaren kann, damit wäre zumindest ermöglicht, dass
sich der Genpool alter Viehrassen und der der bedrohten Wildtierarten
erhält. Allerdings sollte uns allen klar sein, dass alle diese Kosten
verursachenden Hilfs- und Schutzmaßnahmen nur solange funktionieren,
solange sich die betreffenden Staaten es sich auch ökonomisch leisten
können. Was danach kommt, bleibt auch weiterhin offen und risikoreich.
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