Wissenschaft im Fokus
Ultsch, G. R. (2006): The ecology of
overwintering among turtles: where turtles overwinter and its consequences.
– Biological Reviews of the Cambridge Philosophical Society 2006 E-pub
online. 81 (3): 339-367
Die Überwinterungsökologie bei verschiedenen
Schildkröten: Wo Schildkröten überwintern und welche Konsequenzen
sich daraus ergeben
Schildkröten repräsentieren eigentlich nur ein kleines Taxon, welches
aber trotzdem während der letzten Jahrzehnte viel Aufmerksamkeit bei den
Biologen gefunden hat. Allerdings ein bestimmter Teilbereich ihres Lebenszyklus'
blieb meist außen vor und wurde erst in jüngster Zeit genauer
betrachtet – nämlich das, was Schildkröten im Winter machen, und
wie sie es tun. In den nördlichen Teilen ihres Verbreitungsgebiets in
Nordamerika verbringen manche Schildkröten mehr als die Hälfte ihres
ganzen Lebens in einem Zustand der Überwinterung. In diesem Review,
möchte ich einen Überblick über die ökologischen Aspekte der
Überwinterung bei Schildkröten geben und darauf eingehen, welche
Ansprüche die Überwinterung an die Physiologie, das Verhalten, die
Verbreitung und an die Überlebensfähigkeit der verschiedenen Spezies
stellt. Meeresschildkröten sind die einzige Gruppe von Schildkröten,
die die nördlichen Winter durch ausgedehnte Wanderungen vermeiden
können. Trotzdem findet man jedes Jahr meist Jungtiere, die versterben,
weil sie von einer Kaltfront überrascht wurden, bevor sie sichere warme
Gewässer erreichten. Augenscheinlich ist das für die Populationen ein
akzeptables Risiko, das sie eingehen, um die Vorzüge, die die Populationen
durch die Besiedlung der nördlichen Gewässer im Sommer genießen,
während ihrer Entwicklung zu nutzen. Terrestrische Schildkröten
verbringen den Winter unterirdisch, entweder in Höhlen, die sie selbst
graben oder die sie vorfinden. Diese Refugien müssen einen Schutz vor
Austrocknung und dem Erfrieren bieten. Einige dieser Höhlen sind sehr
ausgedehnt (Gattung
Gopherus), wohingegen andere relative klein sind,
oder einige Schildkröten graben sich einfach so tief ein, dass sie
möglichst frostsicher liegen (Gattung
Terrapene). Bei Letzteren
spielt auch die Gefriertoleranz eine wichtige Rolle bezüglich der
Habitatanpassung. Viele der Süßwasserschildkröten
überwintern unterwasser, wobei
Clemmys (Actinemys) marmorata meist
an Land überwintert, wenn sie in Fließgewässern lebt. Auch
Kinosternon subrubrum überwintert häufig terrestrisch und
etliche andere Arten tun dies manchmal, insbesondere in ihren südlichsten
Verbreitungsgebieten. Bei nördlichen Spezies die unterwasser
überwintern, gibt es zwei physiologisch unterschiedliche Gruppen:
diejenigen, welche Sauerstoffmangel relativ gut tolerieren, und die, die
Sauerstoffmangel nicht vertragen. Allen diesen Arten geht es gut, solange sie in
Wasser mit hohem Sauerstoffpartialdruck (PO
2) überwintern.
Allerdings ist die Intoleranz gegenüber Sauerstoffmangel ein begrenzender
Faktor in Bezug auf die Habitattypen, die von
Süßwasserschildkröten besiedelt werden können, da sie nicht
wie Meeresschildkröten zu sicheren Überwinterungsgewässern
wandern können. Schlüpflinge bestimmter Arten überwintern noch im
oder unter dem Nest, während Schlüpflinge anderer Arten im selben
Verbreitungsgebiet einschließlich der nördlichen Regionen noch im
Herbst schlüpfen und unterwasser überwintern. Alle Schlüpflinge
zeigen eine gewisse Toleranz gegenüber Sauerstoffmangel, und bislang gibt
es keine Untersuchungen dazu, wo Schlüpflinge von Schildkröten, die
nicht im Nest überwintern, wirklich ihren ersten Winter verbringen. Ebenso
ist kaum etwas zur Ontogenie der Toleranz gegenüber Sauerstoffmangel
bekannt, außer dass die Adulti aller Arten eine größere
Toleranz gegenüber Sauerstoffmangel zeigen als ihre Schlüpflinge,
wahrscheinlich bedingt durch ihre vollständigere Verknöcherung des
Panzerskeletts, welches den Adulti ein größeres Speichervolumen mit
einer größeren Pufferkapazität für Laktat bietet. Die
nördlichen Verbreitungsgrenzen werden wohl eher durch eine
Einschränkung bei der Reproduktion (Zeit der Eiablage, Inkubationsperiode
und Schlupf) festgelegt als durch Ausfälle bei der Überwinterung. Die
Mortalitätsrate während der Überwinterung ist bei den meisten
Süßwasserschildkrötenpopulationen sehr viel niedriger als
während ihrer Aktivitätsphase. Dennoch treten auch bei der
Überwinterung episodisch hohe Mortalitätsraten auf, wenn die Tiere
einfrieren, länger anhaltendem Sauerstoffmangel oder unerwarteten
Beutegreifern ausgesetzt sind.
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