Wissenschaft im Fokus
Veröffentlicht: 18.07.2010
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Gopherus
Krankheiten
Autoren W
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- Das Sozialverhalten beeinflusst die Ausbreitungsdynamik für Atemwegserkrankungen bei gefährdeten
Schildkröten.
Wendland, L. D ., J. Wooding, C. L. White, D. Demcovitz, R. Littell, J. D. Berish, A. Ozgul, M. K. Oli, P. A.
Klein, M. C. Christman & M. B. Brown (2010): Social behavior drives the dynamics of respiratory disease in threatened tortoises.
– Ecology 91 (5): 1257-1262.
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Wendland, L. D ., J. Wooding, C. L. White, D. Demcovitz, R. Littell, J. D. Berish, A. Ozgul, M. K. Oli, P. A.
Klein, M. C. Christman & M. B. Brown (2010): Social behavior drives the dynamics of respiratory disease in threatened tortoises.
– Ecology 91 (5): 1257-1262.
Das Sozialverhalten beeinflusst die Ausbreitungsdynamik für Atemwegserkrankungen bei gefährdeten
Schildkröten.
Seit den frühen Neunzigerjahren (1990) Sind Erkrankungsrate und Sterblichkeit in Landschildkrötenpopulationen mit einer
übertragbaren Mykoplasmeninfektion assoziiert, die als Obere-Atemwegserkrankung (upper respiratory tract disease, URTD) bekannt ist.
Obwohl die Ätiologie, die Übertragbarkeit und die Diagnose von URTD intensiv untersucht wurden, ist bis heute wenig über die
Dynamik der Krankheitsübertragung für frei lebende Schildkrötenpopulationen bekannt. Um nun die Übertragungsdynamiken
für
Mycoplasma agassizii, die bedeutendste Mykoplasme für URTD bei wild lebenden Schildkrötenpopulationen, besser zu
verstehen, untersuchten wir 11 Populationen von frei lebenden Gopherschildkröten (
Gopherus polyphemus; n=1667 Individuen)
über einen Zeitraum von fünf Jahren und erfassten deren Kontakt mit dem Pathogen mittels serologischer Analysen, anhand der
klinischen Symptome und durch den Nachweis des Erregers in den Proben von Nasenspülungen. Adulte Landschildkröten (n=759) hatten
ein 11-mal höheres Risiko seropositiv zu sein als subadulte Schildkröten (n=242) (odds ratio = 10,6, 95 % CI=5,7-20; P<0,0001).
Nasenausfluss wurde nur bei 1,4 % (4 von 296) der juvenilen Landschildkröten gefunden, während 8,6 % (120 von 1399) der Adulten
dieses Symptom zeigten. Die Nasenspülproben von allen juvenilen Schildkröten (n=283) waren in der PCR negativ für
Mykoplasmen, die mit URTD assoziiert sind. Wir testeten auch in Bezug auf die räumliche Verteilung zwischen den
Schildkrötenhöhlen und in Abhängigkeit zur Größenklasse der Tiere und fanden keine Hinweise für eine
Clusterbildung für juvenile und adulte Schildkröten. Wir vermuten, dass das Sozialverhalten der Landschildkröten eine
kritische Rolle für die Ausbreitung von URTD bei wild lebenden Populationen darstellt, wobei die geringe Interaktion subadulter
Schildkröten mit adulten Schildkröten dazu beiträgt, dass subadulte Tiere weniger mit dem Pathogen in Kontakt kommen. Diese
Befunde haben weit reichende Konsequenzen für die Modellierung solch horizontal übertragbarer Erkrankungen für Arten mit
minimaler elterlicher Fürsorge für den Nachwuchs, was zeigt, wie wichtig es ist die Verhaltensparameter der Tiere mit in die
Studien zur Krankheitsübertragung mit einzubeziehen, um die Wirtstier-Pathogen-Dynamik zu charakterisieren.
Kommentar von H.-J. Bidmon
Diese Studie bestätigt eigentlich schon frühere Vermutungen, die auch schon kommentiert sind (
Johnson
et al. 2006,
Karlin 2008,
Hunter et al. 2008) und zeigt, dass juvenile bis
subadulte Schildkröten einen gewissen Schutz gegenüber der Krankheitsübertragung haben. Rein praktisch betrifft das auch die
Tierhaltung, und auch dort beobachtet man dieses Phänomen. Denn viele ratsuchende Halter von Breitrandschildkröten oder
Sternschildkröten berichten darüber, dass ihre Jungtiere jahrelang frei von Nasenausfluss waren, und plötzlich ist er da. Wie
ich meine, tritt beim Vorhandensein von infizierten Adulttieren die Symptomatik zunehmend erst ab einem Alter auf, wenn z. B. adulte
Männchen beginnen junge Subadulte anzupaaren. Nur bei zu dichter gemeinsamer Haltung, Fütterung und Trinkwassernutzung kann es
auch schon früher zur Übertragung durch oral aufgenommene Erreger kommen. Die Daten liefern aber auch die Grundlange für den
Aufbau von gesunden Zuchtgruppen, die nur aus Erreger freien Jungtieren herangezogen werden, ohne dass sie Kontakt zu möglicherweise
infizierten adulten Schildkröten bekommen. Hier deutet sich ganz klar eine Abhilfemaßnahme an, die jeder, wenn er oder sie den
nötigen Platz hat, realisieren kann. Wie konsequent Sie selbst sich in Bezug auf den separaten Aufbau gesunder Gruppen verhalten
wollen, können Sie selbst entscheiden. Was mir an dieser Arbeit noch auffällt, dass die Autoren hier von Sozialverhalten bei
Gopherschildkröten sprechen, während die Wiener Wissenschaftler eines Lehrstuhls für Lerntheorien den wesentlich sozialeren
Köhlerschildkröten ein Sozialverhalten absprechen, obwohl das durch ihre eigenen Befunde zur Lernfähigkeit nicht unbedingt
untermauert wird (siehe Anmerkung zu
Wilkinson et al. 2010) Vielleicht sollten sich die Akademiker einmal
zusammensetzen und eine klare Definition für den anscheinend abstrakten und willkürlich benutzen Begriff
„Sozialverhalten“ erarbeiten. Andernfalls würde ich vorschlagen, davon auszugehen, das jedes Lebewesen, das sich
zweigeschlechtlich fortpflanzt und dazu mit einen Partner des anderen Geschlechts in Kontakt treten muss, eine gewisse Form von
Sozialverhalten realisieren muss. Letzteres ist ja auch genau, was wir selbst bei Schildkröten, die wir bezogen auf die Haltung wohl
einzeln zuhaltender „Einzelgänger“ beobachten, da auch diese Schildkröten beim Zusammentreffen mit einem potentiellen
Geschlechtspartner ein durchaus ausgefeiltes (Kommunikation-) Balzverhalten zeigen. Ist Letzteres nicht auch sozial? Ja selbst eine
weibliche Breitrandschildkröte verhält sich ihrem werdenden Nachwuchs gegenüber sozial, denn sie merken sich sehr genau, wo
sie auf dem Ablagehügel das erste Gelege der Saison abgelegt haben, und sowohl ich wie sicherlich kein anderer wird je beobachtet
haben, dass sie das Zweitgelege bzw. Drittgelege an der selben Stelle abzulegen versuchen. Selbst wenn dort die Eier längst entfernt
sind kann man sie bestenfalls durch eine komplette Umgestaltung des Hügels dazu bewegen im selben Jahr an selber Stelle ein weiteres
Gelege abzusetzen. Allein das sollte einem aber auch schon etwas über die Gedächtnisleistung in Bezug auf die räumliche
Orientierungsfähigkeit dieser Tiere verraten.
Literatur
Hunter, K. W. Jr., S. A. Dupré, T. Sharp, F. C. Sandmeier & C. R. Tracy (2008): Western blot can
distinguish natural and acquired antibodies to
Mycoplasma agassizii in the desert tortoise (
Gopherus agassizii). –
Journal of Microbiological Methods 75 (3): 464-471 oder
WiF-Archiv.
Johnson, A. J., D. J. Morafka & E. R. Jacobson (2006): Seroprevalence of
Mycoplasma agassizii and
tortoise herpesvirus in captive desert tortoises (
Gopherus agassizii) from the Greater Barstow Area, Mojave Desert, California.
– Journal of Arid Environments 67: 192-201 Suppl. S oder
WiF-Archiv.
Karlin, M. (2008): Distribution of
Mycoplasma agassizi in a Gopher Tortoise population in south
Florida. – Southeastern Naturalist 7: 145-158 oder
WiF-Archiv.
Wilkinson, A., K. Kuenstner, J. Mueller & L. Huber (2010): Social learning in a non-social reptile
(
Geochelone carbonaria). – Biology Letters: doi:10.1098/rsbl.2010.0092 oder
WiF-Archiv.
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