Wissenschaft im Fokus
Wilson, M. & I. R. Lawler (2008): Diet and
digestive performance of an urban population of the omnivorous freshwater turtle
(Emydura krefftii) from Ross River, Queensland. – Australian
Journal of Zoology 56: 151-157.
Nahrung und Verdauungsleistung bei einer urbanen
Population der omnivoren Süsswasserschildkröte (Emydura
kreffti) aus dem Rossfluss, Queensland
Wir ermittelten die Nahrung von
Emydura krefftii, einer häufigen
und weit verbreiteten omnivoren Wasserschildkröte im nordöstlichen
Australien, wobei die Untersuchung innerhalb einer artifiziellen
städtischen Anlage erfolgte. Ein potentieller signifikant hoher Bestandteil
der Nahrung ist Brot, welches von der Bevölkerung angeboten wird. Dieses
Futterangebot führte zu einer dichten Aggregation (Ansammlung) von
Schildkröten an einem Ende des Wasserkomplexes. Die Hauptmasse der Nahrung
in Bezug auf das Nahrungsvolumen lieferte ein eingeführtes Kraut Cabomba.
Brot und Feigen machten ebenfalls einen recht hohen Anteil der Nahrung aus, aber
nur an bestimmten Orten. An den Stellen, an denen die Bevölkerung
fütterte, wurde meist soviel Brot angeboten, dass es der maximal von den
Schildkröten zu verzehrenden Futtermenge entsprach, wie man sie aus
Gefangenschaftshaltungen her kennt, sodass hier möglicherweise mit
negativen Einflüssen in Bezug auf den Ernährungsstatus zu rechnen ist.
Tierische Kost (Insekten, Wirbeltiere und Kadaver) machten nur einen kleinen
Teil der Nahrung aus. Wir quantifizierten die Nahrungsaufnahme, die
Verdaubarkeit und die Darmpassagezeit im Labor für vier der häufig
genutzten Nahrungsbestandteile. Fisch und Brot waren die bei weitem am besten zu
verdauenden Nahrungsbestandteile und sie zeigten auch eine rasche Darmpassage.
Obwohl unter Freilandbedingungen Cabomba einen großen Anteil der Nahrung
ausmachte, fraßen die in Gefangenschaft gehaltenen Schildkröten davon
nur sehr wenig, und diese pflanzliche Nahrung passierte den Darm nur langsam,
wobei sie nur unzureichend verdaut wurde. Zukünftige Untersuchungen in
Bezug auf die Interaktionen zwischen den einzelnen Nahrungskomponenten sind
angezeigt, um die Verdauungsleistung der Schildkröten unter einem
offensichtlich qualitativ schlechten Futter besser zu verstehen.
Anmerkung von H.-J. Bidmon:
Das hier beschriebene Futterangebot dieser innerstädtischen Population
ist zwar als unnatürlich zu bezeichnen, aber ist es wirklich schädlich
oder gar qualitativ minderwertig? Immerhin handelt es sich um eine omnivore Art,
die zudem noch in ihrem in Bezug auf die Umgebungstemperatur natürlichen
Temperaturoptimum lebt, was ihr die Möglichkeit bietet, ihre
Verdauungsstrategie an die verfügbare Nahrung anzupassen. Ich weiß
nicht, ob man da nicht einen Denkfehler begeht, wenn man unnatürliche
Nahrung mit qualitativ minderwertiger Nahrung gleichsetzt. Denn letztendlich ist
Maissilage auch ein unnatürliches Futter für eine Kuh und dennoch ist
es ein hochwertiges Futter, das weder ihrer Gesundheit noch ihrer
Leistungsfähigkeit schadet. Selbst für unsere eigene Spezies ist
strenggenommen Brot eine unnatürliche Nahrung oder Nahrungsveredelung, denn
entwickelt hat sich auch unsere Spezies in einem Lebensraum mit ganz anderen
Ernährungsgrundlagen, als wir sie heute kennen. Insofern sollte man erst
einmal schauen, ob diese artifizielle Nahrung für die
Schildkrötenpopulation gesundheitliche Nachteile bringt, wobei man auch
dabei zwischen Nahrungsqualität und Überfütterung unterscheiden
sollte, denn letztendlich würden wir bloß, weil zuviel Essen dick
macht, auch nicht gleich die Abschaffung von Backwaren fordern. Siehe auch:
Bouchard, S. S. & K. A. Bjorndal (2006):
Nonadditive interactions between animal and plant diet items in an omnivorous
freshwater turtle Trachemys scripta
. – Comparative Biochemistry
and Physiology – Part B Biochemistry and Biology 144: 77-85 oder
WiF-Archiv, Bouchard, S. S.
& K. A. Bjorndal (2006): Ontogenetic Diet Shifts and Digestive
Constraints in the Omnivorous Freshwater Turtle Trachemys scripta
.
– Physiological and Biochemical Zoology 79 (1): 150-158 oder
WiF-Archiv; McMaster, M. K.
& C. T. Downs (2008): Digestive parameters and water turnover of the
leopard tortoise. – Comparative Biochemistry and Physiology – Part A
Molecular and Integrative Physiology 151 (1): 114-125 oder
WiF-Archiv.
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