Wissenschaft im Fokus
Veröffentlicht: 06.02.2011
Witt M. J., Augowet Bonguno E., Broderick A. C., Coyne M. S., Formia A., Gibudi A., Mounguengui Mounguengui G. A.,
Moussounda C., Nsafou M., Nougessono S., Parnell R. J., Sounguet G. P., Verhage S. & B. J. Godley (2011): Tracking leatherback
turtles from the world's largest rookery: assessing threats across the South Atlantic. Proc Biol Sci. 2011 Jan 5. [Epub ahead of print]
Überwachung von Lederschildkröten vom weltweit größten Niststrand und die Erfassung ihrer
Gefährdung im Südatlantik.
Trotz vielfältiger Arbeiten an Lederschildkröten (
Dermochelys coriacea) im Nordatlantik und im Indo-Pazifik ist nur wenig
darüber bekannt wie sie sich im südlichen Atlantik verteilen, wo die weltweit größte Population an den Stränden
von Gabun (Zentral Afrika) nistet. Dieser Mangel an Daten ist in Anbetracht der Geschwindigkeit mit der die Industrialisierung der Fischerei
und die nachweisbaren Beifänge mariner Schildkröten in den Gewässern um Afrika und Lateinamerika zunimmt, besonders Besorgnis
erregend.
Wir überwachten die Wanderungen von 25 adulten weiblichen Lederschildkröten und gewannen weitreichende fundamentale und praktische
Erkenntnisse einschließlich einiger Anzeichen methodische Verbesserungen. Die einzelnen Individuen konnten drei Verteilungsmustern
zugeordnet werden, da sie in (i) Habitate im äquatorialen Atlantik, (ii) temperierte Habitate vor Südamerika oder in (iii)
temperierte Habitate vor Südafrika wanderten. Dabei besiedelten sie die Regionen mit der höchsten Oberflächen
Chlorophyllkonzentration (also nährstoffreiche Gewässer). Diese Strategie setzt die Tiere den Gefahren der hier mit weltweit dem
höchsten Ausmaß betriebenen Langleinen-Fischerei sowie der küstennahen Netzfischerei aus. Die Satellitenüberwachung
zeigte, dass mindestens 11 Nationen in die Schutzmaßnahmen eingebunden werden müssen sowie weitere Nationen zu denen die
jeweiligen außerhalb der Hoheitsgewässer operierenden Fischfangflotten gehören. Die meisten Überwachungstage
verbrachten die Tiere auf hoher See, wo die Durchsetzung effektiver Schutzmaßnahmen sehr komplex ist und nur aufwändig zu
gewährleisten ist.
Kommentar von Hans-Jürgen Bidmon
Hier haben wir wieder einmal ein Paradebeispiel dafür wie komplex, weitreichend und global Natur- und Artenschutz sein muss. Nun werden
viele sagen, das ist nicht neu und jeder der Zugvogelschutz und Erfassung betreibt weiß das. Ja, da gebe ich ihnen recht, nur wenn das
solange bekannt ist, dass es niemanden mehr vom Hocker haut; dann frage ich mich auch welche Konsequenzen haben wir bislang aus diesen
Erkenntnissen gezogen. Ich kenne eigentlich keine politisch wirksamen und praktisch umsetzbaren Aktionen, lasse mich aber gerne belehren.
Als regelmäßiger Nachrichtenkonsument sind mir Meldungen über illegalen, auch aus Deutschland stammenden, nach Afrika
exportierten oder einfach an Land abgekippten Sonder- oder Giftmüll und unkontrollierte Ölaustritte aus Bohrinseln etc.
geläufiger.
Denken Sie mal darüber nach. Denn die Wichtigkeit von Maßnahmen wird heute über Medien weltweit kommuniziert und ich denke
wenn wir Arten- und Naturschutz effektiv und international betreiben wollen, ist es nicht so wichtig Strichlisten über Individuenzahlen
zu führen oder relevante Beobachtungen in wissenschaftlichen Journalen „verstauben“ zu lassen – nein – wir
müssen sie vielmehr multimedial kommunizieren um globale, multinationale Schutzmaßnahmen überhaupt erst zu initiieren. Da
hapert es doch wirklich. Es gibt ja erste Ansätze, über so etwas zu berichten, aber selbst unsere über Gebühren
finanzierten öffentlich rechtlichen Sendeanstalten bringen solche Reportagen oft zu einer Sendezeit wo sie zumindest für
Berufstätige kaum noch zu sehen sind. Ich frage mich immer: wo bleibt da eigentlich die Verantwortung, wenn trotz Gebühren auch
nur Quote zählt und etwas Schuld trifft sicher jeden von uns, denn zumindest in einer Demokratie müssten wir uns als einzelne
darum kümmern, dass mehr solcher Themen eine Mehrheit im Sinne von Quote finden. Es kann doch eigentlich nicht angehen, dass wir immer
erst auf echte Horrormeldungen und Szenarien warten müssen ehe sich etwas ändert. Oder?
Literaturhinweise
Boyd, C., Brooks T. M., Butchart S. H. M., Edgar G. J., Da Fonseca G. A. B., Hawkins F., Hoffmann M., Sechrest W.,
Stuart S. N. & P. P. van Dijk (2008): Spatial scale and the conservation of threatened species – Conservation Letters 1
(1): 37-43, oder
WiF-Archiv.
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