Wissenschaft im Fokus
Veröffentlicht: 16.02.2009
Zani, P. A. & R. Kram (2008): Low metabolic
cost of locomotion in ornate box turtles, Terrapene ornata. –
Journal of Experimental Biology 211(Pt 23):3671-3676.
Eine niedriger metabolischer Verbrauch bei der
Fortbewegung von Dosenschildkröten, Terrapene ornata
Die Evolution hat ein breites Spektrum an Körperbauplänen
hervorgebracht, aber für eine bestimmte Körpermasse bewegen sich die
energetischen Kosten für deren Fortbewegung (COT, cost of transport) bei
terrestrischen Tieren in einem sehr eng begrenzten Rahmen. Die bisherigen
Forschungsergebnisse deuten an, dass die COT von der Fähigkeit
abhängt, die mechanisch zu leistende Arbeit zu minimieren, ebenso ist sie
abhängig von der Effizienz, diese Arbeit zu leisten und dem Aufwand, der
erbracht werden muss, diese generierte Energie in die Bewegung der Masse
umzusetzen. Schildkröten sind einzigartig in der Hinsicht auf ihren
Schutzpanzer und in Bezug auf die Ausgestaltung ihres Schultergürtels und
dessen Artikulation, die den Gebrauch einer Muskelschlinge erübrigen
könnte. Zusätzlich haben Schildkröten langsamer arbeitende, aber
dafür effizienter arbeitende Muskeln im Vergleich zu anderen Wirbeltieren.
Allerdings könnte langsame Fortbewegung dennoch die COT erhöhen, indem
sie die mechanische Energieeinsparung durch das Auftreten eines invertierten
Pendelmechanismus verliert. Somit war es unser Ziel, die metabolische COT und
deren Effizienz während der Fortbewegung terrestrischer Schildkröten
zu bestimmen. Wir untersuchten dazu 18 Schmuckdosenschildkröten,
Terrapene ornata. Die Bewegungsgeschwindigkeit war extrem langsam
(0,07+/-0,005 m pro Sekunde). Das durchschnittliche Minimum der COT lag bei
8,0+/-0,70 J pro Kilogramm und Meter bei einer ungefähren Geschwindigkeit
von 0,1 m/s. Schmuckdosenschildkröten verbrauchen nur die Hälfte der
Energie, die man aufgrund einer allometrischen Beziehung (in Bezug zur
Körpermasse) für alle anderen terrestrischen Tiere vorhersagen
würde (15,9+/-0,35 J pro kg und m), und somit gehören sie zu den
energieeffizientesten Wanderern. Wenn die Schildkröten eine Steigung von 24
Grad hoch laufen mussten, bewegten sie sich signifikant langsamer (0,04+/-0,004
m pro Sekunde), aber leisteten diese Extraarbeit, die zum Erklimmen der Steigung
erforderlich war, mit einer noch höheren Effizienz (>49 %). Es erscheint
also so, als habe die Ko-Evolution eines schützenden Panzers in Assoziation
mit der Schultergürtelmorphologie sowie der Ausbildung langsam aber
äußerst effizient arbeitender Muskeln dazu geführt, dass sie
nicht nur eine der ökonomischsten Fortbewegungsarten, sondern auch eine der
effizientesten Bergauf-Fortbewegungsarten entwickelt haben.
Anmerkung von H.-J. Bidmon:
Wenn man mal bedenkt, wie lange Schildkröten schon diesen Planeten
besiedeln und wie sie vielleicht gerade durch diese Energieeinsparungen die
unterschiedlichsten Umweltveränderungen und Meteoriteneinschläge etc.
überdauern konnten, sollte man sich schon fragen, ob unser Streben nach
immer mehr und immer schneller nicht auch der schnellste Weg in die Katastrophe
sein könnte. Man sollte sich schon manchmal fragen, was unterscheidet
eigentlich die Erfolgsmodelle der Evolution von unseren eigenen? Nun die
Evolution verleiht keine Goldmedaillen für Geschwindigkeit und
Energieverschwendung, sondern belohnt in der Regel für Ausdauer und
optimalen Energieeinsatz mit Überlebensfähigkeit. Ob da in der
aktuellen Krise die Politik gut beraten ist, der Industrie mehr Energie
einsparende und das Klima schützende Verordnungen aus dem Weg zu
räumen, als weiterhin auch in der Krise darauf zu beharren, ist fraglich.
Und anders gefragt, brauchen wir wirklich so energieverschwenderische
internationale Großsportereignisse, oder hat schon mal jemand
durchgerechnet, wie viel Energie allein durch den Verzicht auf eine Olympiade
eingespart werden könnte? Oder hat einmal jemand kalkuliert, was bei
unseren hohen Bevölkerungszahlen an Energie und CO2-Emission
eingespart werden könnte, wenn wir die Feuerbestattung abschaffen
würden (da könnte sich vielleicht sogar eine staatliche Subvention
für Erd- und Seebestattungen lohnen), um den Klimaschutzzielen näher
zu kommen?
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